Jahrestag des Kriegsendes

Nervöses Gedenken in Berlin: Wenn „Katjuscha“ plötzlich verboten ist

Aktivistinnen und Aktivisten entrollen eine riesige ukrainische Flagge am sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Tiergarten. Die Polizei sorgte dafür, dass sie rasch eingeholt wurde.

Aktivistinnen und Aktivisten entrollen eine riesige ukrainische Flagge am sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Tiergarten. Die Polizei sorgte dafür, dass sie rasch eingeholt wurde.

Berlin/Kiew. Als der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk am sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Tiergarten einen Kranz niederlegt, wird es laut hinter den Absperrungen. „Melnyk raus! Nazis raus!“ ruft eine Gruppe prorussischer Demonstrierender, „Slawa Ukraini!“ kontern Ukrainerinnen und Ukrainer, teilweise in Nationalfarben oder Trachten gekleidet.

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Ein großer, bärtiger Mann schiebt sich durch die Menge, einen Strauß blau-gelber Papierfähnchen in der Hand. Er verteilt die Winkelemente unter den „Slawa Ukraini“-Rufern, doch sofort stoppt ihn ein Polizist. Es herrsche Flaggenverbot im Umfeld von Gedenkstätten am Jahrestag des Kriegsendes, er möge die Papierfähnchen bitte wieder einpacken. Sonst würden auch die Putin-Unterstützer ihre Fahnen auspacken, dann könnte die Situation eskalieren, „und wir wollen doch alle ein würdevolles Gedenken“, sagt der Beamte.

„Tag der Befreiung“: Zahlreiche Menschen Gedenken an Ende des Zweiten Weltkrieges

Das Sowjetische Ehrenmal in Berlin ist seit Jahren eine Anlaufstelle für das Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs.

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Andrei Zaitsev, so heißt der Mann mit den Fahnen, packt sie wieder ein und zieht sich zurück. Er ist kein Ukrainer, sondern Exilrusse, erzählt er. Seit fünf Jahren lebt er als politischer Flüchtling in Berlin. Am Gedenktag steht er an einem Stand der russischen Opposition gegenüber vom Ehrenmal. „Natürlich unterstützen wir die Ukraine“, sagt er zu den Fahnen in seiner Hand, „die Ukraine ist heute ein Symbol für unsere Werte.“

Zaitsevs Großvater, so berichtet er, hat 1945 als Sowjetsoldat Berlin mit vom Nationalsozialismus befreit. „Er war im Reichstag, eins der Graffiti an den Wänden stammt von ihm.“

Wladimir Putin aber habe das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg gekapert, die Symbole entwertet. Doch in Berlin sind an diesem Wochenende auch die Symbole seiner Gegner, die weiß-blau-weiße Flagge der russischen Opposition und das blau-gelb der Ukraine, im Umfeld von Gedenkstätten verboten. Immer wieder streifen Polizisten an Zaitsevs Stand vorbei.

Dieser 8. Mai, dieser 77. Jahrestag des Kriegsendes 1945, ist ein Tag großer Nervosität. Nervös sind die 1400 Polizistinnen und Polizisten, auch wenn sie weniger als befürchtet zu tun haben. Aktivistinnen und Aktivisten entrollen eine riesige Ukraine-Fahne auf dem Gelände der Gedenkstätte, sofort schreitet die Polizei ein.

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Benjamin Jendro von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Berlin verteidigt das Fahnenverbot an Gedenkorten: „Die Anordnung ist absolut nachvollziehbar. Flaggenverbot gilt ja nur für 15 bestimmte Denkmäler, und zur Gefahrenabwehr ist es richtig, das im Voraus zu untersagen. Es ist ohnehin eine Mammutaufgabe, alle angekündigten Versammlungen über die Bühne zu bringen, und um zu verhindern, dass Bilder zur Propaganda gemacht werden bzw. es zu Auseinandersetzungen unterschiedlicher Gruppen kommt, ist dies das richtige präventive Signal.“

Melnyk hatte das Fahnenverbot zuvor gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) in scharfen Worten kritisiert.

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Innenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte zuvor ein konsequentes Vorgehen gegen die Verherrlichung des Ukraine-Kriegs angekündigt. „Ich bin der Polizei sehr dankbar, dass sie am 8. und 9. Mai mit sehr starken Kräften im Einsatz ist, um Aktionen zu verhindern, die den russischen Angriffskrieg und die russischen Kriegsverbrechen verherrlichen“, sagte Faeser dem RND.

Am Montag sind weitere Kundgebungen angekündigt. Während die Ukraine den Jahrestag des Kriegsendes seit einigen Jahren wie auch die westlichen Staaten am 8. Mai begeht, ist in Russland der 9. Mai der traditionelle „Tag des Sieges“ im „Großen Vaterländischen Krieg“. Die Putin-treuen Rocker der „Nachtwölfe“ haben eine Kundgebung in Berlin angemeldet, eine weitere Privatperson hat nach russischer Tradition einen Aufmarsch des „Unsterblichen Regiments“ organisiert.

Gedenktag in Berlin: Polizeigewerkschaft befürchtet prorussische Angriffe

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) befürchtet, dass es zu prorussischen Angriffen seitens Extremisten kommen könnte. Die Polizei müsse mehrere Ziele gleichzeitig erreichen, „nämlich die Gewährleistung der Versammlungsfreiheit, der Schutz öffentlicher Denkmäler und Gedenkstätten und die Vermeidung falscher Signale an die Öffentlichkeit“, sagte DPolG-Bundesvorsitzender Rainer Wendt dem RND. „Dass es dabei zu Attacken durch prorussische Extremisten kommen kann, muss leider befürchtet werden, darauf ist die Polizei vorbereitet.“

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Ostukraine: Berichte über Tote nach Bombenangriff auf Schule

Dutzende Menschen seien zunächst noch unter den Gebäudetrümmern verschüttet gewesen, so der Gouverneur der Region Luhansk.

Die Demonstrationen fänden in der „aufgeheizten Atmosphäre des menschenverachtenden russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine statt“. Das mache es für die Polizei ungemein schwierig. Wendt verteidigte das Flaggenverbot an Gedenkorten in Berlin: „Niemand beabsichtigt, die mörderische Aggression von Putin mit dem verzweifelten Überlebenskampf der Ukrainer gleichzusetzen. Wenn trotzdem das Mitführen der jeweiligen Fahnen an bestimmten sensiblen Orten untersagt wurde, ist dies nachvollziehbar und verhältnismäßig, weil es eben dem Schutz dieser Orte vor Attacken durch aufgebrachte Teilnehmer der Demonstration dient.“

Im Osten Berlins, im Treptower Park, sind in einer gigantischen Anlage 7000 der 80.000 Sowjetsoldaten bestattet, die in der Schlacht um Berlin 1945 ihr Leben verloren. Auch hier gelten jetzt die Verbote des Hauptstadtsenats für ein „konfliktfreies“ Gedenken.

Auf einer steinernen Brüstung auf halbem Weg zwischen der Statue der „Mutter Heimat“ und dem kolossalen Monument des Rotarmisten, der mit seinen Stiefeln ein Hakenkreuz zertritt, gibt ein Mann ein improvisiertes Konzert auf seinem Akkordeon. Er spielt die russischen Volkslieder „Kalinka“ und „Katjuscha“ und das Lied „Shalom Alechem“.

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Gedenktag in Berlin: Nicht nur Fahnen sind verboten

Plötzlich aber fordern ihn zwei Beamte der Berliner Bereitschaftspolizei auf, sein Spiel zu stoppen. Er habe Lieder gespielt, die dort untersagt seien. Auch das Spielen ukrainischer und russischer Marsch- und Militärmusik sei verboten. Bei den gut zwei Dutzend umstehenden Zuhörerinnen und Zuhörern stößt der erzwungene Abbruch des Auftritts auf Ärger und Unverständnis. Der Musiker steht auf, zuckt mit den Schultern und geht seiner Wege.

Es bleibt nicht die einzige Musikeinlage an diesem Tag. Vor der Statue eines knieenden Sowjetsoldaten steht etwa eine Stunde später eine junge Mutter in einem roten Kleid und singt ein russisches Lied. Eine auf Krücken gestützte Frau, Jahrgang 1937, bedankt sich bei der Russin für die Darbietung. Sie sei der Sowjetunion auf immer dankbar, als Kind sei sie von Soldaten der Roten Armee befreit worden. Befreit aus der dunklen Nacht des Faschismus.

Als ein Journalist die ältere Frau fragt, was die Bilder aus dem Krieg in der Ukraine angesichts ihrer Kindheitserlebnisse mit ihr machen, wird sie sichtlich aufgebracht. Russland müsse sich nicht alles gefallen lassen, sagt sie. Außerdem sei der Krieg gegen die Ukraine kein ungerechter Krieg.

Das Gedenken an die sowjetischen Befreier und der Umgang mit dem Krieg der russischen Angreifer, das zeigt diese Szene, lassen sich auch an diesem 8. Mai im Treptower Park kaum voneinander trennen.

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