Kein Entkommen aus Charkiw – „Lasst uns nicht allein“

​Zusammengerottet, die Fenster zugezogen, damit kein Licht nach draußen auf die Straßen von Charkiw scheint: Die Kinder Zhanna und Dima neben ihren Omas Natalya (links) und Valentina. Neben ihnen Mutter Zhanna und Vater Dima Simonenko.

​Zusammengerottet, die Fenster zugezogen, damit kein Licht nach draußen auf die Straßen von Charkiw scheint: Die Kinder Zhanna und Dima neben ihren Omas Natalya (links) und Valentina (Mitte). Neben ihnen Mutter Zhanna und Vater Dima Simonenko.

Charkiw. „Charkiw hält durch“, sagte der ukrainische Militärsprecher Olexij Arestowytsch am Freitag. Nach einer eher ruhigen Nacht flüchten sich dort die Menschen am frühen Mittag wieder in die Bunker. Es sind Schüsse zu hören. In ein Wohnhaus sind Bomben eingeschlagen. Nicht detonierte Flugkörper haben sich in den Asphalt der Straßen gebohrt. Das ukrainische Militär wehrt sich gegen die russische Übernahme.

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In der zweitgrößten Stadt der Ukraine, unweit des seit 2014 umkämpften Separatistengebietes im Osten, leben 1,5 Millionen Menschen. Unter ihnen sind auch viele Familienmitglieder der Schwestern Natali Neumann und Leyla Atayildiz. Seit 15 Jahren leben beide in Deutschland, als Kinder sind sie mit ihrer Mutter hergekommen. Erst im Dezember war Natali Neumann zuletzt in Charkiw, um ihre Lieben zu besuchen.

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Schon seit vielen Jahren habe man in der Region Menschen sterben sehen. Einen Alltag musste es für die Familien dort trotzdem geben, sagte Neumann dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) „Ich komme nicht damit klar, dass das jetzt alles vorbei sein soll.“ Noch am Vorabend des russischen Angriffs habe sie mit ihrer Familie in Charkiw über das gesprochen, was kommen könnte. „Es gab nur Befürchtungen, heute sind alle schockiert.“

Fliehen, doch wie?

Ihre Oma, Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins – sie alle sind nun in der Ostukraine gefangen, in ihrer eigenen Stadt und wollen flüchten. Am Besten nach Deutschland, zu den Schwestern nach Hannover. „Jeder ist dort gerade für sich selbst verantwortlich“, berichtet Neumann von den Erfahrungen ihrer Familie aus den zurückliegenden Stunden. „Leute verlassen ihre Wohnungen mit dem Gedanken, dort nie wieder hinzukommen.“ Die Familie selbst hat kein Auto. Doch auch das würde jetzt nicht mehr helfen. „Es gibt kein Benzin mehr“, berichtet Leyla Atayildiz aus Erzählungen aus ihrer Heimat – nur vereinzelt werde noch was ausgegeben. In einem Video erzählt ihre Tante Zahnna den Schwestern am frühen Freitagmorgen von langen Schlangen vor den Apotheken. Brot gäbe es nicht mehr, auch wenn Nachlieferungen bereits versprochen wurden.

Beide Schwestern versuchen aus Deutschland ihren acht Familienmitgliedern zu helfen: Oma Natalya, Cousine Zhanna, Cousin Alexandr, Cousin Dima, Tante Zahnna, ihr Mann Dima mit seiner Mutter Valentina und Hund Ajax wollen fliehen, doch wie?

Vor allem in der Social-Media-Plattform Telegram formieren sich Gruppen, in denen Hilfe zur Ausreise angeboten wird. „Es fahren kaum Züge, aber das wäre unserer Familie gerade eh zu unsicher“, sagte Atayildiz. Ein Zug könne nun mal keiner Bombe ausweichen. Ein Nachtbus war die letzte Hoffnung, doch auch der fährt nicht. „Wir hatten gehofft, dass wenigsten Frauen und Kinder mitgenommen werden.“

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Einen Krieg sollte es niemals wieder geben

Oma Natalya ist vor 68 Jahren im russischen Teil der Sowjetunion geboren. „Sie hat mich angerufen und gesagt: Jetzt geht es los“, berichtet Atayildiz vom Telefonat am frühen Donnerstagmorgen. „Ihre Schwester ist auf der Krim, sie haben gesprochen, auch da ist es schlimm.“ Ihre Oma sei immer unpolitisch gewesen, berichten die Schwestern. Nur einen Wunsch hatte sie: Einen Krieg sollte es niemals wieder geben.

Die Verzweiflung in der Familie ist groß, die Argumente des russischen Präsidenten Wladimir Putin für den kriegerischen Angriff auf ihre souveräne Ukraine hinterlassen Wut. „Keiner in Charkiw hat um Rettung gebeten, niemand dort will in der Ukraine ein pro-russisches System. Und wenn schon in Charkiw niemand zu Moskau gehören will, wie soll es dann im Westen der Ukraine anders sein“, berichtet Atayildiz von den letzten Gesprächen mit ihren Verwandten.

Zuflucht fand die Familie am Freitag, als die Sirenen in Charkiw wieder heulten, die Bombeneinschläge zu hören waren, in einem Schulgebäude. Ganz dort in der Nähe hatten sie in einem Haus bereits die erste Angriffsnacht verbracht. Ihr eigenes Zuhause hatten sie bereits aus Angst wegen eines fehlenden, bombensicheren Ortes in der Nähe ihrer Wohnung verlassen. Doch noch am Freitagmittag wurde der Bunker von ukrainischen Soldaten geräumt.

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„Gehen wir jetzt nach Hause?“

„Ich weiß nicht, was hier geschieht. Man hat uns gesagt, wir sollen unsere Sachen zusammenpacken“, erzählt Tante Zhanna in einem Video an die Schwestern, das sie während der Räumung aufgenommen hat. „Macht euch alle fertig, es geht los“, hört man im Hintergrund einen Mann rufen. „Warum?“ wollte ihre Tante wissen – sie dürften es nicht sagen, antwortete einer der Militärs. Ein Mädchen weint. Es ist die 12-jährige Cousine der Schwestern und Tochter von Tante Zhanna. „Ruhig, ruhig“, versucht die Mutter zu trösten, während sie über die Treppen zurück auf die Straße laufen. „Gehen wir jetzt nach Hause?“, fragt das Mädchen. „Ich weiß es nicht“, antwortet die Mutter. Draußen auf der Straße ist es ruhig. An ihre Nichten in Deutschland spricht sie ins Telefon: „Lasst uns nicht allein, lasst die Ukraine nicht allein.“

Ihr Cousin Alexandr suchte Schutz in einer Metro-Station. „Er hat erzählt, wie überfüllt es dort war. Alle dicht gedrängt und unter Schock. Wenigstens die Kinder, die er dort sah, hätten in der Nacht etwas schlafen können“, sagt er. Er und viele andere Erwachsene waren die ganze Nacht wach. Schon vorher hatte die gemeinsame Oma Natalya im Bunker in Charkiw erfahren, dass es junge Männer noch nicht mal mehr aus der Stadt schafften – jetzt wolle Alexandr es erst gar nicht mehr versuchen. Am Donnerstagabend hatte die ukrainische Regierung die Ausreise von Männern zwischen 18 und 60 Jahren verboten. „Alexandr war selbst nicht beim Militär. Sich jetzt an die Waffe zu begeben, das wäre doch Selbstmord“, sagte Atayildiz.

Ob die Männer in ihrer Familie kämpfen wollten, wolle sie gar nicht wissen: „Ich habe zu viel Angst vor der Antwort.“ Und doch bleibt sie nicht aus: „Ja. Es ist unser Land“, schreibt einer per Nachricht an Atayildiz ins sichere Deutschland.

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