Geteiltes Land

Konflikt in Nordirland: offene Wunden, offene Fragen

Ein Straßenschild mit der Aufschrift „Willkommen in Nordirland“ steht am Straßenrand an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland.

Ein Straßenschild mit der Aufschrift „Willkommen in Nordirland“ steht am Straßenrand an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland.

Im offenen, multikulturellen Belfast treffen sich junge Menschen in Cafés, Touristen flanieren umher, Studenten unterhalten sich vor der Universität. Dass die nordirische Stadt nach wie vor auch gespalten ist, wird erst nach einem kurzen Spaziergang spürbar. Getrennt von vielen Mauern leben auf der einen Seite großbritannientreue Protestanten, in Straßen, die mit im Wind flatternden Union Jacks gesäumt sind – und auf der anderen Seite sich als Iren verstehende Katholiken. In der Stadt spiegeln sich die Zukunft und die Vergangenheit der Region wider – und die Herausforderungen angesichts des Brexits und des Nordirland-Protokolls, Teil des zwischen London und Brüssel ausgehandelten Abkommens.

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Es sind die räumliche Trennung, ein konfessionelles Schulsystem und die Propaganda auf beiden Seiten, die bis heute zu Konflikten und Vorurteilen führen, ist sich der Stadtführer und Historiker Francis Higgins sicher. „Hinter Mauern leben hier viele in einer Echokammer, in welcher eine ganz bestimmte Wahrheit präsentiert wird“, sagt er, während er seinen silbernen Mercedes durch die Straßen Belfasts lenkt.

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Die Brüsseler Behörde warf dem Vereinigten Königreich am Freitag vor, gegen wesentliche Teile des sogenannten Nordirland-Protokolls zu verstoßen.

Gespaltene Ansichten zu Nordirlands Zukunft

Tatsächlich zeigen Wandbilder unter anderem einstige Mitglieder der Provisional Irish Republican Army, kurz IRA, die gewaltsam für die Wieder­vereinigung mit Irland kämpften, in Heldenpose; auf der anderen, der protestantischen Seite, findet man an vielen Häusern Gedenktafeln, die an die Opfer der Anschläge während der sogenannten „Troubles“, dem blutigen Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Protestanten, erinnern.

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Während diese Kämpfe teilweise über 50 Jahre zurückliegen, ist der Streit um den nordöstlichen Teil der irischen Insel, das heutige Nordirland, älter. Dort siedelten sich ab dem 17. Jahrhundert protestantische Engländer und Schotten an, die anglikanisch-britische Elite gewann an Einfluss. Nach dem Unabhängig­keits­krieg im Jahre 1920 wurde im Süden die heutige Republik Irland gegründet, Nordirland blieb Teil des Vereinigten Königreichs. Während Unionisten eine Entfremdung und Abkoppelung von London und in der Folge eine Wiedervereinigung Irlands fürchten, setzen sich Republikaner seitdem für ein vereintes Irland, also für die Loslösung vom Vereinigten Königreich, ein – bis heute.

Eskaliert ist dieser Ideologie- und Machtkampf zwischen Unionisten und Republikanern zwischen 1968 und 1998 während der „Troubles“. Rund 3600 Menschen verloren ihr Leben durch politisch motivierte Gewalt, über 47.000 wurden verwundet. Von den damals 1,6 Millionen Bürgern Nordirlands wurde etwa jeder zwanzigste verletzt; jeder fünfte hatte im unmittelbaren Umfeld Tote und Verletzte zu beklagen. Studien gehen davon aus, dass zwei Drittel der Bevölkerung mindestens ein traumatisches Ereignis erlebt haben.

„Meine Vergangenheit holte mich wieder ein“

Dies gilt auch für Higgins. Der heute 60-jährige Protestant wurde als kleiner Junge Zeuge eines Bombenanschlags der IRA in Belfast, als er für seine Familie Brötchen kaufen wollte. Vier Menschen starben. Kurze Zeit später musste er mit ansehen, wie ein 15-jähriger Freund vor seinem Haus erschossen wurde. Er lebte lange mit diesen Erinnerungen und gründete eine Familie. Dann, eines Tages, konnte er jedoch nicht mehr arbeiten und musste sich behandeln lassen. Die Diagnose: PTBS, posttraumatische Belastungs­störung. „Meine Vergangenheit holte mich wieder ein.“

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Obwohl die Wunden weiter schmerzen und Konflikte schwelen, entwickelte sich Nordirland vor dem Brexit in die richtige Richtung, betont die Politologin Lisa Whitten bei einem Gespräch in der Queen’s University in Belfast. Den Weg dafür ebnete das Karfreitags­abkommen, welches 1998 verabschiedet wurde und zum ersten Mal die Forderungen der Republikaner nach einer Wieder­vereinigung mit Irland als gleichwertig anerkannte. Zusätzlich entspannte sich die Lage dadurch, dass es aufgrund der Reisefreiheit innerhalb der EU zwischen Nordirland und Irland keine harten Grenzen mehr gab. 2005 erklärte die IRA den bewaffneten Kampf für beendet.

Brexit schafft Grenzen zu Irland und England

Ins Wanken geriet dieses Gleichgewicht nach 2016, als die republikanische Sinn-Fein-Partei, lange Zeit politischer Arm der IRA, und die erzkonservative protestantische Democratic Unionist Party (DUP) in eine Regierungskrise gerieten und durch den Brexit Ängste geschürt wurden. Für den Austritt aus der EU ausgesprochen hatte sich 2016 die unionistische Partei selbst. Angetrieben von der Idee, die Beziehungen zu Großbritannien zu stärken, forderte sie ihre Wähler auf, für den Brexit zu stimmen. Theresa May und Boris Johnson sicherten den Unionisten damals zu, dass es keine sichtbare Grenze mehr geben werde, nicht zu Irland und auch nicht zum Königreich.

Doch es kam anders. Im Zuge des Nordirland-Protokolls wurde die Zollgrenze zwischen Nordirland auf der einen und Schottland, England und Wales auf der anderen Seite in die Irische See verlegt, um sichtbare Kontrollen zwischen Nordirland und Irland zu verhindern und so den Frieden in der Provinz zu sichern. London hatte den Vertrag mit der EU 2019 ausgehandelt und unterschrieben, verschob die Einführung des Protokolls jedoch immer wieder, auch nachdem die EU bereits Zugeständnisse gemacht hatte.

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Frachtumschlag erhöhte sich 2021 um 9 Prozent

Seit 2021 ist der Hafen von Belfast damit nicht nur ein Umschlagplatz für Waren, er repräsentiert auch die mit der neuen Grenze verbundene Bürokratie. Im Norden der Stadt gelegen, landen in dem weitläufig durch Zäune abgesperrten Areal regelmäßig riesige Transportschiffe. Mithilfe von hohen Kränen werden stündlich Dutzende Container auf Lastwagen verladen, die sich dann zu Städten in Nordirland und Irland aufmachen.

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Tatsächlich hat der Handel dort bislang nicht unter dem Protokoll gelitten, betont der Hafenchef Joe O’Neill. Im Gegenteil: Es sei ein Grund für Gewinne gewesen, der Frachtumschlag erhöhte sich 2021 um 9 Prozent. So wurden Waren, die von Großbritannien über Nordirland nach Irland transportiert wurden, weniger streng kontrolliert als an der Grenze zu Irland, wegen Übergangsfristen bis zur vollständigen Einführung des Brexit-Vertrages. In Zukunft fürchten kleine Unternehmen hohe Kosten für die Bewältigung der Bürokratie.

Forderung nach Abschaffung der Grenze in der Irischen See

Für die DUP geht es bei dem Protokoll jedoch um mehr als um Handels­bilanzen. Die Mitglieder der Partei fühlen sich von der britischen Regierung betrogen und fordern die Abschaffung der Grenze in der Irischen See. Um dies zu erreichen, weigern sie sich nun schon seit Monaten, mit der republikanischen Partei Sinn Fein, die im Mai erstmals seit ihrer Gründung im Jahr 1920 die Regionalwahlen gewann, eine Regierung einzugehen.

Ein fragwürdiger Schritt für die Menschen in der Region angesichts der Tatsache, dass es Nordirland wirtschaftlich aktuell deutlich besser geht als Großbritannien. Zwei von drei der Topunternehmen der Region wachsen; vier von zehn steigern den Umsatz. Schließlich profitiert Nordirland durch den Brexit-Deal aktuell von zwei Wirtschaftsräumen, dem EU-Binnenmarkt und dem britischen Markt.

Aus Sicht der DUP betont die Grenze die Trennung zwischen dem Königreich und Nordirland in einer Zeit, in der durch demografische Verschiebungen zugunsten der republikanischen Katholiken eine Wiedervereinigung mit Irland immer wahrscheinlicher wird. Für viele unionistische Protestanten ein Horrorszenario. Nicht nur, weil sie in einem vereinigten Irland einer Minderheit angehören würden, sondern auch, weil sie laut Experten dann das Gefühl hätten, dass Menschen, Freunde und Familienangehörige während des Bürgerkrieges umsonst gestorben wären.

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Ständige Stimmungsmache beider Parteien

Junge Leute, die nicht mit den „Troubles“ in Berührung gekommen sind, sehen das oft anders, wie Clare Grehan-Toland von der Organisation Peace People betont. Während sie selbst als heute 42-Jährige noch die Stimmung miterlebt hat, die in Zeiten des Bürgerkrieges herrschte, sind für ihre Kinder heute ganz andere Themen wichtig: der Klimawandel, soziale Ungleichheit, der Krieg in der Ukraine. „Meine Kinder haben irische Wurzeln, verstehen sich aber als nordirisch“, eine Bezeichnung, die sonst unionistische Protestanten nutzen, „das finde ich sehr progressiv“.

Hiiggins beklagt außerdem die ständige Stimmungsmache der beiden Parteien an den jeweiligen Rändern, die die Diskussion immer im eigenen Interesse aufheizen. „Sie erhalten die Mauern aufrecht, weil man eine geteilte Gesellschaft besser kontrollieren und von anderen Problemen ablenken kann“, meint er. Er selbst hat im Laufe seines Lebens jedoch gelernt, Feindbilder abzulegen. „Ich weiß jetzt, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen, den Dialog zu suchen. Der 60‑Jährige lebt heute mit seiner Frau in einem gemischten Viertel der Stadt.

Menschen wünschen sich Zukunft ohne Nordirland-Konflikt

Dass sich viele Menschen in der Region eine Zukunft und Politik wünschen, die nicht mehr vom Nordirland-Konflikt geprägt wird, zeigten auch die Ergebnisse der letzten Wahl im Mai. Damals schnitten gemäßigte Parteien und solche, die sich in der Frage nach der Unabhängigkeit gar nicht positionieren, wie die Allianz-Partei, gut ab. „Es zeigt aber auch, dass wir in einer Gesellschaft leben, die man durch die unterschiedlichen Erfahrungswelten als ‚uneben‘ bezeichnen könnte“, erklärt die Politologin Whitten. Während die einen noch trauern, wollen die anderen die Vergangenheit hinter sich lassen.

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„Der Brexit ist eine Tragödie“, weil er nicht verheilte Wunden wieder aufgerissen habe, meint sie. Nun hat die britische Regierung auf Druck der DUP ein Gesetz vorgeschlagen, mit welchem sie das Nordirland-Protokoll in Teilen außer Kraft setzen kann, um die Grenze in der Irischen See aufzuweichen. Dies lasse die Tories und die DUP aus Sicht von Teilen der Partei und der Wählerschaft vielleicht stark erscheinen, löse das Problem aber nicht, meint Whitten. Auch, weil man damit einen Handelskrieg mit der EU riskiere. Sie hofft stattdessen auf eine Einigung mit der EU, mit welcher am Ende alle zufrieden sein können.

Hoffnungsvoll endet auch die Tour mit Stadtführer Higgins, als er von seinem vierjährigen Enkel berichtet. Seine Tochter wollte von ihm wissen, ob er damit einverstanden sei, dass der Junge auf eine katholische Schule geht. Er habe unter einer Bedingung zugestimmt. Wenn er zwölf Jahre ist, solle er entscheiden, was er sein will: Muslim, Katholik, Protestant, Jude, schwul oder hetero. „Menschen wie er werden eines Tages die Mauern einreißen.“

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