Östliche Bundesländer besonders betroffen

„So schlimm war es noch nie“: Lehrermangel in Deutschland spitzt sich zu

Schulen in Greifswald und Stralsund sind bei Absolventen der Uni beliebt, in Dörfer und Kleinstädte wollen nur wenige.

Der Lehrermangel in Deutschland spitzt sich zu: Experten zufolge fehlen Tausende Stellen, Lehrkräfte seien zu Schuljahresbeginn bereits am Limit.

Die Sommerferien sind vorbei – und trotzdem bleiben manche Schulbänke leer: Der Lehrermangel hat sich in Deutschland massiv verschärft. In Nordrhein-Westfalen hat die Landesregierung bereits angekündigt, etwa 3300 Lehrkräfte für ein halbes oder ganzes Jahr an Grundschulen zu versetzen. Auch im Osten summieren sich vielerorts die Ausfallstunden, notdürftig sollen Lücken mit Referendaren, Lehrkräften im Ruhestand und Quereinsteigern gefüllt werden.

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Die Zahlen sprechen für sich: Für das Jahr 2022 prognostizierte die Kultusministerkonferenz bei Lehrämtern des Primarbereichs einen Negativsaldo von 1940. Das heißt, dass 1940 weniger Absolventen für das Lehramt an Grundschulen zur Verfügung stehen als benötigt. Und die Lage spitzt sich weiter zu: Für 2027 rechnet die Kultusministerkonferenz mit einem Negativwert von 2850.

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Mehr als 30.000 Stellen nicht besetzt

„Die offiziellen Zahlen der Schulministerien über unbesetzte Stellen sind entweder ungenau und diffus oder deutlich untertrieben“, sagte Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands (DL), dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Wir schätzen, dass real vor Ort mehr als 30.000, vielleicht sogar 40.000 Lehrerstellen zu Schuljahresanfang nicht besetzt werden konnten. Das sind im Durchschnitt vier Prozent aller Planstellen“, so der Gewerkschaftsvorsitzende. Besonders dramatisch sei die Lage in den östlichen Bundesländern.

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Ferner warnt Meidinger, dass die Quote wegen Schwangerschaften, Krankheitsausfällen, vorzeitigen Pensionierungen bundesweit schnell auf das Doppelte und Dreifache anwachsen könne.

Klare Worte findet auch Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE): „So schlimm war es noch nie“, sagte Beckmann dem RND. „Bereits nach wenigen Wochen im neuen Schuljahr sind Lehrkräfte und Schulleitungen am Limit und teilweise weit darüber hinaus.“ Die jetzige Situation habe sich bereits seit langem abgezeichnet.

Experten sehen Fehler in der Politik

„Die Politik hat sich die Situation seit Jahren schlichtweg schöngerechnet und den wahren Bedarf verschleiert. Neue Entwicklungen und Herausforderungen im Bildungssystem wurden beim Personalbedarf nicht einkalkuliert“, sagte Beckmann. Man habe den das Berufsethos der Lehrkräfte schamlos ausgenutzt und auf dem Rücken der Lehrkräfte unterlassen, eine vorausschauende Personalpolitik zu betreiben. „Das rächt sich jetzt in vollem Umfang“, so der Vorsitzende.

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Auch Meidinger sieht die Fehler in der Politik – denn die Landesregierungen hätten nicht auf den Geburtenanstieg reagiert und spätestens 2014 intensiv bei Abiturienten für den Lehrerberuf werben müssen. Fatal wirke sich auch der massive Abbau von Lehramtsstudienplätzen in fast allen Bundesländern aus – insbesondere beim Grundschullehramt.

Pandemie und Ukraine verschärfen Lage

Neben Versäumnissen der Politik sorgt Beckmann zufolge aber auch die anhaltende Pandemie und der damit verbundene Krankenstand für Ausfälle. Laut Bundesagentur für Arbeit sei auch die Nachfrage nach Lehrkräften 2020 wegen der Einschränkungen zurückgegangen. Im Jahr 2021 habe sich aber die Lage etwas erholt.

Ein Faktor ist in diesem Jahr auch der russische Angriffskrieg – denn 180.000 ukrainischen Flüchtlingskinder sind laut Meidinger dazu gekommen. Die Pandemie und die geflüchteten Kinder und Jugendlichen hätten den Mangel verschärft, seien aber nicht Ursache des Problems, so Maike Finnern, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

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