Morddrohungen auf Messengerdienst: Soziologe sieht Telegram als „Enthemmungsmaschine“

Der Göttinger Soziologe Berthold Vogel bezeichnet den Messenger-Dienst als „Enthemmungsmaschine“.

Der Göttinger Soziologe Berthold Vogel bezeichnet den Messenger-Dienst als „Enthemmungsmaschine“.

Göttingen. Angesichts der über Telegram verbreiteten Aufrufe zur Tötung von Politikern und Wissenschaftlern hat der Göttinger Soziologe Professor Berthold Vogel den Messenger-Dienst als „Enthemmungsmaschine“ bezeichnet. Telegram prämiere Radikalisierung und Gewaltfantasien geradezu, warnte der Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Diese Entwicklung beunruhige extrem und müsse ernstgenommen werden: „Es muss nicht bei der Brutalisierung der Sprache bleiben.“

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Nach Recherchen der ARD gab es in den Chat-Räumen von Telegram allein im vergangenen Jahr mehr als 250 Aufrufe zur Tötung von Menschen. Die Auswertung der Chat-Gruppen belegt, dass es seit Mitte November täglich zu Tötungsaufrufen gegen Politiker, Wissenschaftler, Mediziner, Journalisten und Behördenvertreter kommt und dass sich Impfgegner zunehmend radikalisieren.

Vogel betonte, dass Chat-Gruppen wie die bei Telegram nicht dem inhaltlichen Austausch und schon gar nicht dem demokratischen Diskurs dienten. „Es geht um narzisstische Selbstbestätigung, um Steigerung und Aufmerksamkeit“, sagte der Universitätsprofessor, der auch Sprecher des Standorts Göttingen im Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist.

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Vogel: „Wer wahrgenommen werden will, muss Gewaltandrohungen steigern“

Durch die ständige Wiederholung von Gewaltfantasien trete ein Abstumpfungseffekt auf, erläuterte er. „Wer in diesen Chats wahrgenommen werden will, muss seine Gewaltandrohungen steigern.“ Es sei schwer zu beurteilen, wie weit der Weg von der verbalen Eskalation zur praktischen sei. „Aber möglicherweise wird er kürzer.“

„Wir müssen uns von einem durch und durch naiven Verständnis verabschieden, dass soziale Medien unsere Toleranz, Empathie, Ausgleichsbereitschaft oder unseren demokratischen Gemeinsinn fördern“, sagte der Soziologe. Er rief dazu auf, kritischer auf soziale Plattformen zu schauen und sie weniger zu nutzen. „Abschalten, aussteigen - das sind Zeichen, die jeder individuell setzen kann.“

Gesellschaftliche Antwort auf Hass

Besorgt äußerte Vogel sich darüber, dass weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit immer häufiger kommunal aktive Menschen aktiv ins Visier genommen würden. „Wir erleben auf diese Weise eine Dezentralisierung der Radikalisierung.“ Mit diesem Hass umzugehen, sei nicht Privatsache der Attackierten, sondern benötige gesellschaftliche, politische, rechtliche und staatliche Antworten. „Da müssen wir alle gegenhalten.“

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Wer zu Mord und Gewalt aufrufe, wer öffentliche Amtsträger bedrohe und einzuschüchtern versuche, dürfe keinerlei Verständnis erwarten, sagte Vogel. „Das ist für mich ein Fall für Staatsanwaltschaft und Polizei.“ Gestärkt werden müsse eine offene, demokratische Gesellschaft, in der unterschiedliche Positionen selbstverständlich seien, Gewalt und Angst aber keinen Platz haben dürften.

RND/epd

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