Kommentar zum ESC-Sieg der Ukraine

Russland verliert den Kampf um die Herzen und Hirne Europas

Italien, Turin: Das Kalush Orchestra aus der Ukraine feiert den Gewinn des Eurovision Song Contest (ESC).

Italien, Turin: Das Kalush Orchestra aus der Ukraine feiert den Gewinn des Eurovision Song Contest (ESC).

Eines Tages werden Historiker Daten auflisten, die den schrittweisen Niedergang Russlands im Krieg mit der Ukraine beschreiben.

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Der 14. April 2022 zum Beispiel gehört dazu: Die ukrainische Armee versenkt die „Moskwa“, das mit Raketen und Radaranlagen schwer beladene Flaggschiff der russischen Schwarz­meer­flotte.

Auch der 11. Mai ist so ein Datum: Beim stümperhaften, militärisch nicht abgesicherten Versuch der Russen, einen Fluss in der Ostukraine mit Panzern auf einer Pontonbrücke zu überqueren, vernichtet die ukrainische Armee fast ein ganzes Bataillon der Invasoren.

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Jetzt gehört auch der 14. Mai in diese Reihe. Die Ukraine hat den Eurovision Song Contest gewonnen – und darf nun die nächste Runde des Wettbewerbs im eigenen Land ausrichten.

Der soziokulturelle Hieb, den Russlands Staatschef Wladimir Putin durch den ESC einstecken musste, ist schlimmer als das eine oder andere verlorene Gefecht. Im ersten Schritt hatte die europäische Staaten­gemeinschaft Russland vom Wettbewerb ausgeschlossen und den Kriegsherrn im Kreml klar ausgegrenzt. Im zweiten Schritt hievte das abstimmende Publikum quer durch Europa nun auch noch die Ukraine auf Platz eins.

Das isolierte Russland

Manche sprechen jetzt von einem „Signal in Richtung Moskau“. Doch es ist weit mehr als irgendeine schüchterne Andeutung. Russland erlebt quer durch Europa eine historisch beispiellose Isolation. Die Ukraine wiederum erlebt quer durch Europa eine historisch beispiellose Solidarität.

Diese klare Kante, bislang vor allem sichtbar bei Regierungs­konsultationen oder Außen­minister­treffen, ist nun auch Konsens auf einer alles andere als elitären Ebene: bei einem internationalen Popfestival mit 200 Millionen Zuschauern. Klarer, eindeutiger und demütigender hätte die Sache für Putin nicht ausgehen können.

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Für den Kreml liegt darin ein Desaster mit Wirkungen weit über den Tag hinaus. Lächerlicher denn je erscheint jetzt eine Idee, die in Moskau schon nach dem ESC von 2014 die Runde machte: Damals schlugen homophobe russische Politiker wie Witaly Milonow vor, man möge künftig einen „Eurasian Song Contest“ veranstalten, mit klarer Dominanz Moskaus und ohne Künstlerinnen wie Conchita Wurst. Über den Auftritt einer Lady mit Bart kamen Moskaus Hardliner nicht hinweg.

Die Österreicherin Conchita Wurst hatte 2014 den ESC in Kopenhagen gewonnen.

Die Österreicherin Conchita Wurst hatte 2014 den ESC in Kopenhagen gewonnen.

Die damaligen Aufrufe aus Moskau an andere Staaten, künftig den ESC zu boykottieren, wurden im Westen belächelt – und in ihrer politischen Bedeutung unterschätzt. Sie markierten etwas Gefährliches: die wachsende Aggressivität der russischen Allianz aus Neofaschisten und christlich-orthodoxer Kirche, für die die Freiheit des Einzelnen etwas letztlich Perverses ist.

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Ein starker Führer müsse ganz Europa vor dem Verderben bewahren: So sieht es diese Strömung bis heute, und dieser kruden Mission folgt auch Putin selbst.

Der ESC 2022 zeigt aber nun: Europa will von Russland und von Putin nichts wissen. Der Kampf um Herzen und Hirne in Europa, den versponnene Putinisten allen Ernstes auf dem Feld der Kultur hatten führen wollen, ist für Moskau schon verloren, bevor er begonnen hat.

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