Putins Propaganda bröckelt

Warum Russlands Schwächen Kiew stark machen

„Die Ukraine hält zusammen“: Frauen tragen bei einer Solidaritätsaktion Ende August eine 430 Meter lange Flagge über die Djnepr-Brücken von Kiew.

„Die Ukraine hält zusammen“: Frauen tragen bei einer Solidaritätsaktion Ende August eine 430 Meter lange Flagge über die Djnepr-Brücken von Kiew.

Im russischen Staatsfernsehen geschah plötzlich und unerwartet etwas Ungeheures. Plötzlich wurde kontrovers über den Krieg diskutiert.

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Man schrieb den 11. September 2022. Von der Front in der Ukraine waren zuvor lauter schlechte Nachrichten für Russland gekommen: Einheiten der russischen Armee waren auf der Flucht, an mehreren Orten der Ukraine gleichzeitig. Peinliche Szenen gingen um die Welt. Zu sehen waren zurückgelassene russische Panzer, Geschütze, auch Uniformen.

Anfangs hatten in Moskau die Propagandisten von Staatschef Wladimir Putin noch versucht, alles so gut es ging kleinzureden. Das Verteidigungsministerium sprach von einer bloßen „Umgruppierung“ der russischen Truppen, das biete neue Vorteile. Übereifrige systemtreue Kommentatoren sagten, in Wahrheit sei die ukrainische Armee gewiss in eine Falle getappt.

Doch dann bot ein gewisser Boris Nadezhdin in einer Talkshow vor laufenden Studiokameras mal was anderes: eine Betrachtung der Wirklichkeit.

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Boris Nadezhdin am 11. September 2022 im russischen Fernsehen.

Boris Nadezhdin am 11. September 2022 im russischen Fernsehen.

Der frühere russische Parlamentsabgeordnete, dunkles Jackett, hellblaues offenes Hemd, traute sich, alle vermeintlichen Gewissheiten der letzten sechs Monate mal eben infrage zu stellen. Der Glaube an eine schnelle und effektive „Spezialoperation“ in der Ukraine, hob er an, sei endgültig widerlegt. Die Ukrainer dächten nicht daran aufzugeben. Russland müsse sich endlich von der Idee verabschieden, man könne mit Söldnern und einer „kolonialen Kriegsführung“ die Ukraine unterwerfen. Wer gegen eine starke Armee wie die ukrainische vorgehen wolle, müsse sich schon entscheiden: „Entweder macht man eine Generalmobilmachung – oder man lässt es ganz bleiben.“

Putins Kritiker werden mutiger

Dass Nadezhdin zu Letzterem raten würde, war im Studio mit Händen zu greifen. Mit leisem Entsetzen mahnten ihn die anderen Diskussionsteilnehmer, er solle sich „seine Wortwahl überlegen“.

Nachdem die Sendung über den Äther gegangen war, machten sich westliche Beobachter prompt Sorgen um Nadezhdin: Ist der 59-Jährige nun ein Kandidat für einen der vielen rätselhaften Fensterstürze, denen Kritiker des Kreml oft zum Opfer fallen?

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Doch die Zeiten ändern sich gerade. Wenn Putins Leute jeden umbringen wollten, der offen Kritik übt, hätten sie neuerdings viel zu tun. Am Montag zum Beispiel schlossen sich 18 weitere Kommunalpolitiker aus St. Petersburg und Moskau einem schon am Wochenende verbreiteten Appell an, Putin möge zurücktreten, er habe Russland großen Schaden zugefügt.

Auf Distanz zum Kreml gehen nicht nur Friedensfreunde, sondern auch der gewalttätige Tschetschenen-Führer Ramsan Kadyrow: „Wenn keine Änderungen an der militärischen Strategie vorgenommen werden, muss ich mit der Führung im Verteidigungsministerium und der Regierung sprechen, um ihnen die tatsächliche Situation vor Ort zu verdeutlichen“, erklärte der Mann, der seit Jahren als loyaler „Bluthund Putins“ gilt.

Der militärische Dreh wirkt auch politisch

Die sichtbaren neuen Risse im Gebälk des Moskauer Machtzentrums sind das wichtigste Ergebnis der gelungenen ukrainischen Gegenoffensive vom Wochenende. Nur wenige Stunden dauerte es bis sich der militärische Dreh in einen politischen übersetzte: Plötzlich wirkt auch Putin angeschossen.

Zwei Jahrzehnte lang hielt der Kremlherr sein unterdrücktes und überwachtes Volk durch immerhin zwei stabilisierende Faktoren bei Laune: wachsender Wohlstand plus Stolz auf die ruhmreiche russische Armee.

Jetzt wird es mit beidem gleichzeitig schwierig. Die westlichen Sanktionen haben das Bruttoinlandsprodukt in Russland um 6 Prozent einbrechen lassen, das ist ein weltweit beispielloses Minus. Und jetzt bekommt auch noch der Glaube ans russische Militär einen Knacks.

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Viele Vorgänge der letzten Tage stellen die Professionalität der russischen Armee in Frage. Manche kratzen auch speziell an der Autorität und dem Nimbus ihres obersten Befehlshabers Wladimir Wladimirowitsch Putin. Drei Beispiele:

Viel Korruption, wenig Kampfkraft

  • Die ukrainischen Truppen täuschten zunächst eine Großoffensive in Cherson vor und provozierten die Verlegung von rund 10.000 zusätzlichen russischen Truppen in diese im Südwesten gelegene Region. Dann aber schlug die Ukraine in der Region Charkiw im Nordosten los – und erwischte die Russen dort auf dem falschen Fuß. „Der Trick hat funktioniert“, urteilt Kateryna Stepanenko vom Institute for the Study of War (ISW) in Washington. Inzwischen geht vielen auf: Die militärische Blamage ist auch eine politische. Denn reingelegt wurde auch der langjährige KGB-Agent Putin, der stets so tat, als könne er seinen Feinden ins Hirn spähen.
  • Ukrainische Befehlshaber sagen, sie selbst hätten nicht damit gerechnet, wie schnell mancherorts der Kampfwille der russischen Truppen kollabieren würde. Hier stellen sich Fragen grundsätzlicher Art: Sind etwa Teile der russischen Armee, wie interne Kritiker seit Langem sagen, zu einer gigantischen Schauveranstaltung verkommen, bei der Kommandeure nur so tun, als sorgten sie für gute Ausrüstung und einfache Soldaten nur so tun, als seien sie zum Kampf bereit? Unter Putin flossen nie dagewesene Summen in die Rüstung. Dringender denn je erscheint jetzt der Verdacht, dass viele Milliarden in einem gigantischen Sumpf von Korruption versickert sind, ohne die Kampfkraft der Truppe zu erhöhen.
  • Der nicht nur gelegentliche Ausfall der russischen Flugabwehrsysteme S-300, S-400 und Pantsir in den Gefechten der letzten Tage hat Militärfachleute rund um den Globus aufmerken lassen. Offenbar sind alle drei Systeme unterlegen, sobald die westliche Anti-Radar-Rakete AGM-88 Harm ins Spiel kommt, die Flugabwehrsysteme weitgehend autonom ausfindig machen und über eine Distanz von Kilometern vernichten kann. Diese Art Technologievorführung dürfte Russlands Pläne durchkreuzen, seine Flugabwehrsysteme weiterhin in alle Welt zu verkaufen.
Mit ihrer Hilfe lassen sich russische Flugabwehrsysteme aus einer Distanz von 150 Kilometern autonom vernichten: die Anti-Radar-Rakete AGM-88 Harm.

Mit ihrer Hilfe lassen sich russische Flugabwehrsysteme aus einer Distanz von 150 Kilometern autonom vernichten: die Anti-Radar-Rakete AGM-88 Harm.

Jeder kleine Schwachpunkt war bekannt

Zu den stärksten Waffen in der Hand der Ukrainer gehörten neben der Harm-Rakete Präzisionsartillerie aus den USA (Himars) und aus Deutschland (Mars II). Auch der deutsche Panzer Gepard kam zum Einsatz, die Rolle dieses beweglichen Flugabwehrsystems wurde am Wochenende in Kiew sogar ausdrücklich gewürdigt.

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Wichtig war aber auch eine offensichtlich überlegene geheimdienstliche Durchleuchtung des Terrains. Die Nato hat dem Vernehmen gute Zugänge zu allen Kommunikationskanälen auf russischer Seite, unabhängig von gerade aktuellen Verschlüsselungsversuchen. Relevante Daten aller Art werden an die ukrainischen Dienste weiter gereicht – die allerdings auch ihrerseits gründliche Vorarbeiten geleistet hatten.

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Kiew kannte vorab jeden einzelnen kleinen Schwachpunkt auf russischer Seite. Die Orte für ihre ersten Vorstöße wählten die Ukrainer nicht nach regionalen Gesichtspunkten, sondern nach der Frage, wo die am schlechtesten ausgebildeten russischen Soldaten stationiert waren. An diesen Stellen brachen ukrainische Truppen mit der klassischen Kombination aus Feuer und Bewegung durch – und sorgten dann auf russischer Seite für Entsetzen angesichts von Wucht und Tempo ihrer Vorwärtsbewegung.

Chaos und Verwirrung führten dann vielerorts zu einem sich selbst beschleunigenden Zusammenbruch des russischen Kampfwillens. Manche Soldaten ließen ihre Panzer stehen und flüchteten in Zivilkleidung.

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Riesenrad, Feuerwerk und seifige Reden

Dass Staatschef Putin zeitlich parallel zu dieser Katastrophe gerade in Moskau ein Riesenrad einweihte, seifige Reden hielt und den Bewohnern der Hauptstadt zur 875-Jahr-Feier ein teures nächtliches Feuerwerk bot, kam in Kreisen einfacher Soldaten schlecht an. „Die feiern da, und uns schicken sie ohne Nachtsichtgeräte in den Kampf“, hieß es auf Telegram. „Wir sind am Arsch.“

„Die feiern da, und uns schicken sie ohne Nachtsichtgeräte in den Kampf“: Moskau beging, während Russlands Truppen in Bedrängnis gerieten, sein 875-jähriges Stadtjubiläum.

„Die feiern da, und uns schicken sie ohne Nachtsichtgeräte in den Kampf“: Moskau beging, während Russlands Truppen in Bedrängnis gerieten, sein 875-jähriges Stadtjubiläum.

Im Westen wird jetzt über Putins nächsten Schachzug spekuliert. Will er Odessa angreifen, vielleicht das Opernhaus vernichten lassen in seiner Wut? Oder will er, wie in der Nacht zu Montag in Charkiw, noch mehr Kraftwerke bombardieren, um Zivilisten spüren zu lassen, wie es ist, wenn es dunkel und kalt wird?

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj rüstete bereits auf ganz eigene Art nach, emotional, mit einer lyrischen Wutrede. Die Ukrainer, sagte er an die Adresse der Russen, hätten sich entschieden. „Ohne Benzin oder ohne euch? Ohne euch. Ohne euch oder ohne Licht? Ohne euch. Ohne Wasser oder ohne euch? Ohne euch. Ohne Essen oder ohne euch? Ohne euch.“ Die Ukraine werde jede Entbehrung eher hinnehmen, als sich Putin zu ergeben.

Auch hier zeigt sich eine Stärke Kiews neben einer Schwäche Moskaus. Das Land, dem Putin eine eigene Identität absprach, rückt zusammen wie noch nie. Die Soldaten der einen Seite kämpfen um ein Leben in Freiheit. Die Soldaten der anderen Seite kämpfen, wenn überhaupt, allenfalls für ihren Sold.

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