33 Millionen hungernde Brasilianer

Stichwahl in Brasilien: Bolsonaro gewinnt neue Wähler durch Hilfsgelder für Arme

Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, der für eine zweite Amtszeit kandidiert.

Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, der für eine zweite Amtszeit kandidiert.

Araçuaí. Als die Sozialhilfe im August um 50 Prozent erhöht wurde, konnten sich viele Bewohner von Jequitinhonha wieder etwas leisten – Fleischmahlzeiten, Strom oder dringende Reparaturen am Dach. Obwohl es ein sehr offensichtliches Wahlgeschenk war, sind die meisten von ihnen dem Präsidenten Jair Bolsonaro durchaus dankbar. Denn die zusätzlichen 200 Real (39 Euro) pro Monat machen ihnen das Leben eindeutig einfacher.

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Die am gleichnamigen Fluss gelegene Gemeinde Jequitinhonha im Staat Minas Gerais zählt zu den ärmsten Regionen Brasiliens. Als solche ist sie traditionell eine Hochburg des linken Lagers von Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. In der Endphase des Wahlkampfs wirbt Bolsonaro nun aber gerade in den ärmeren Bevölkerungsgruppen noch einmal intensiv um Stimmen.

Zumindest in der Region entlang des Rio Jequitinhonha scheint die Strategie nicht aufzugehen. In der Stadt Araçuaí ist es kurz vor der Stichwahl am kommenden Sonntag schwer, auch nur einen einzigen Wähler zu finden, der sich wegen der neuen finanziellen Unterstützung nun als Anhänger von Bolsonaro ausgibt. „Manche Leute lassen sich leicht beeinflussen, wenn sie in einer Notlage sind“, sagt die 60-jährige Haushälterin Luzia Martins. „Aber ich verkaufe mein Gewissen nicht.“

Wahlkampf zwischen Lula und Bolsonaro geht in die zweite Runde

Da bei der Präsidentschaftswahl Anfang Oktober keiner der Kandidaten über 50 Prozent der Wählerstimmen erreichen konnte, steht nun eine Stichwahl an.

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In der ersten Runde der diesjährigen Präsidentschaftswahl erhielt der in Brasilien meist einfach Lula genannte Herausforderer 48 Prozent der Stimmen, während Bolsonaro auf 43 Prozent kam. Das nationale Ergebnis deckte sich mit dem in Minas Gerais. Der Ausgang der Stichwahl dürfte stark davon abhängen, wer diejenigen Wähler überzeugt, die am 2. Oktober für andere Kandidaten gestimmt hatten – und wer es schafft, bisherige Nichtwähler zu mobilisieren.

Auf Drängen Bolsonaros erklärte das brasilianische Parlament im Juli den Notstand. Damit wurde eine verfassungsmäßige Obergrenze für Ausgaben außer Kraft gesetzt, was neue Sozialleistungen von umgerechnet etwa 7,8 Milliarden Euro ermöglichte. Hinzu kamen noch eine neue Subvention für Gas sowie finanzielle Unterstützung für Lastwagen- und Taxifahrer. Insgesamt profitierte fast ein Viertel der Bevölkerung von den Maßnahmen.

Viele Nichtwähler unter sozial Schwachen

Dass deswegen nun Millionen Brasilianer politisch die Seite wechseln werden, gilt als sehr unwahrscheinlich. Experten betonen allerdings, dass die Kampagne Bolsonaros primär darauf abzielen dürfte, größere Teile der Bevölkerung zumindest vorübergehend zu beschwichtigen und damit von der Abgabe einer Stimme abzuhalten – gerade unter den sozial Schwachen war die Zahl der Nichtwähler in Brasilien bisher besonders hoch.

Im Jahr 2003 brachte da Silva, damals als Präsident, sein gesamtes Kabinett in das Tal des Rio Jequitinhonha. Er wolle, dass seine Minister extreme Armut aus der Nähe zu sehen bekämen, sagte er. In der Region mit etwa einer Million Einwohnern startete der linke Staatschef ein Programm zur Hungerbekämpfung. Dieses war Teil einer noch umfassenderen Initiative, die Dutzende Millionen Menschen aus der Armut half und der brasilianischen Arbeiterpartei viel Unterstützung brachte.

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Ein Jahrzehnt später rutschte die lange Zeit aufstrebende Wirtschaft des Landes jedoch in eine tiefe Rezession. Und als sie sich gerade wieder zu berappeln schien, sorgte die Corona-Krise für einen erneuten Abschwung.

33 Millionen hungernde Brasilianer

In diesem Jahr ist die Zahl der Arbeitslosen zwar auf den niedrigsten Stand seit 2015 gesunken. Aber viele Menschen sind weiter von informellen Gelegenheitsjobs abhängig, hinzu kommt eine auch in Brasilien sehr hohe Inflation. Laut einer Studie von Oxfam und anderen Hilfsorganisationen litten in den sechs Monaten seit April 33 Millionen Brasilianer an Hunger.

Die Straßen der kleinen Stadt Araçuaí sind von unfertigen und zum Teil aufgegebenen Häusern gesäumt. Um gespendete Nahrungsmittel und Kleidung abzuholen, laufen einige Bewohner mehrere Stunden zu Fuß, weil sie sich kein Busticket leisten können. Die von Bolsonaro veranlassten neuen Sozialleistungen haben die Not in Araçuaí etwas gelindert. Doch was bedeutet das politisch?

In der ersten Runde der Präsidentschaftswahl habe Bolsonaro in Jequitinhonha tatsächlich einige Stimmen hinzugewonnen, sagt Carlos Ranulfo, Politikwissenschaftler an der Bundesuniversität von Minas Gerais. Der Staat sei eine Hochburg von Lula und der Arbeiterpartei, aber Bolsonaro habe mit seinem Sozialhilfe-Programm zuletzt Boden gut gemacht, sagt auch Sérgio Vasconcelos, Sprecher des konservativen Bürgermeisters von Araçuaí.

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Ein Faktor, der dem Amtsinhaber in die Karten gespielt haben könnte, ist der, dass einige der in Minas Gerais registrierten Lula-Unterstützer auf der Suche nach besseren Arbeitsmöglichkeiten in andere Teile des Landes gezogen sind und sich deswegen nicht an der Wahl beteiligt haben. Andere sind in ihrer Not so weit abgedriftet, dass sie sich gar nicht mehr für die Politik interessieren.

Bevölkerung verliert Interesse an Politik

Cláudio Gonçalves will auch bei der Stichwahl keine Stimme abgeben. Der 64-Jährige lebt alleine in einem ländlichen Teil von Jequitinhonha, ohne Telefon und ohne Fernseher. Tagsüber kümmert er sich überwiegend um seine Haustiere, abends läuft er manchmal eine Stunde bis in die nächste Bar, um dort ein Bier zu trinken. Er habe die Leute über den einen oder anderen Kandidaten reden hören, aber „ich beachte das nicht wirklich“, sagt er. „Dieses Tal ist so arm, wie bei meiner Geburt.“

Die Zuwendung zu Bolsonaro ist für uns der Schlüssel zum Überleben

In Araçuaí nutzt die 32-jährige Aglete Batista die zusätzliche Sozialhilfe vor allem dazu, Schulden bei örtlichen Lebensmittelhändlern abzubezahlen. Außerdem konnte die Familie das Dach ihrer von Schmutz und Schlamm umgebenen Hütte reparieren, sodass es bei Regen nun nicht mehr reintropft. „Ich mag Bolsonaro nicht, aber es ist offensichtlich, dass diese Zuwendungen für uns der Schlüssel zum Überleben sind“, sagt Batista. Sie habe aber auch nicht vergessen, welche Unterstützung ihnen Lula während seiner Amtszeit einst habe zukommen lassen.

Beide Kandidaten haben im Wahlkampf versprochen, das nach bisherigem Stand Ende Dezember auslaufende Sozialhilfe-Programm zu verlängern. Zu den Profiteuren zählen auch etwas besser gestellte Brasilianer wie die Gemüseverkäuferin Maria do Carmo. Seit die Leute im Jequitinhonha-Tal wieder mehr Geld zur Verfügung hätten, laufe ihr Geschäft besser, sagt die 64-Jährige. Die Menschen könnten nicht dauerhaft Geld geschenkt bekommen, sondern müssten dafür arbeiten. Aber „es ist eine temporäre Lösung, die auch uns hilft“.

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RND/AP

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