Strafrechtsprofessor fordert: „Alle Kitas in Trägerschaft der katholischen Kirche unter Beobachtung stellen“

Nach dem Gutachten zum Missbrauch in der katholischen Kirche gibt es nun Forderungen an die Politik und die Justiz.

Nach dem Gutachten zum Missbrauch in der katholischen Kirche gibt es nun Forderungen an die Politik und die Justiz.

München. Nach der Veröffentlichung eines aufsehenerregenden Gutachtens zu Fällen sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen im Erzbistum München und Freising werden Forderungen nach mehr Kontrolle der katholischen Kirche laut.

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„Nachdem das eine Never-Ending-Story zu sein scheint, sollte der Staat alle Kindertagesstätten und Schulen unter Beobachtung stellen, bei denen es eine Trägerschaft der katholischen Kirche gibt, oder sogar über einen Entzug der Trägerschaft nachdenken“, forderte der Strafrechtsprofessor Holm Putzke. „Die Kirchen müssen von Gesetzes wegen genauso behandelt werden wie jede andere Vereinigung, in der Verbrechen gängige Praxis sind. Für irgendeine besondere Rücksichtnahme, man kann es auch als "Beißhemmung" bezeichnen, besteht überhaupt kein Anlass“, sagte Putzke der Deutschen Presse-Agentur.

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Missbrauchsbeauftragter: „Politik bisher zu zurückhaltend“

Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, forderten mehr politische Einflussnahme. „Ich glaube nicht mehr, dass die Kirche allein die Aufarbeitung schafft“, sagte ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp am Freitag im Inforadio des rbb und brachte „einen Ausschuss im Parlament“ ins Spiel.

„Die Politik ist, wenn es um Aufarbeitung und Missbrauch im kirchlichen Bereich geht, bisher zu zurückhaltend gewesen“, kritisierte Rörig im rbb. Der 2016 auf der Bundesebene eingerichteten Aufarbeitungskommission müssten „auch tatsächlich Kontroll-, Beratungs- und vielleicht auch Untersuchungsrechte eingeräumt werden“, forderte er.

Matthias Katsch, Aktivist für die Opfer sexuellen Missbrauchs durch Angehörige der katholischen Kirche.

Matthias Katsch, Aktivist für die Opfer sexuellen Missbrauchs durch Angehörige der katholischen Kirche.

Rolle der Justiz muss näher beleuchtet werden

Der Sprecher der Opferinitiative „Eckiger Tisch“, Matthias Katsch, regte an, die Rolle der Justiz in einer Studie näher zu beleuchten. Er werde das in der Aufarbeitungskommission vorschlagen. Es sei zum Beispiel auffällig, dass Staatsanwaltschaften bisher noch nie eine Durchsuchung etwa in einer Bistumsverwaltung vorgenommen hätten, sagte Katsch am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. Selbst wenn der Verdacht einer Mittäterschaft im Raum gestanden habe, sei dies unterblieben. Man könne vermuten, dass die Kirche jahrzehntelang von einem grundsätzlichen Wohlwollen katholischer Richter und Staatsanwälte profitiert habe.

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Das neue Gutachten zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising hatte am Donnerstag international Aufsehen erregt. Die Justiz prüft nun, ob die Ergebnisse auch strafrechtlich relevant sind. Die Staatsanwaltschaft München I untersuche derzeit 42 Fälle von mutmaßlichem Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger, bestätigte die Sprecherin der Behörde, Anne Leiding, der dpa.

Putzke: „Schonung ist gesetzeswidrig“

Strafrechtler Putzke warf der Justiz vor, lange weggeschaut zu haben: „Den Strafverfolgungsbehörden ist der Vorwurf zu machen, kriminelles Verhalten in der katholischen Kirche anders zu behandeln als zum Beispiel Kriminalität in Wirtschaftsunternehmen oder in Schulen und Internaten“, sagte Putzke. „Jede Schonung ist gesetzeswidrig und lässt sich wohl vor allem erklären durch eine Scheu vor einer längst ins Gegenteil verkehrten Heiligkeit der Kirche.“

Putzke hatte nach der Veröffentlichung der von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in Auftrag gegebenen sogenannten MHG-Studie im Jahr 2018 gemeinsam mit einigen Kollegen Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Damit stieß er damals staatsanwaltliche Ermittlungen zu den Missbrauchsfällen an, die allerdings beinahe alle eingestellt wurden.

RND/dpa

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