Überleben in Charkiw

Nichts bleibt – nur die Angst

Liudmyla Kyrychenko lebt im Keller ihres Mehrfamilienhauses.

Liudmyla Kyrychenko lebt im Keller ihres Mehrfamilienhauses.

Liudmyla Kyrychenko lebt seit acht Monaten im Keller, dort, wo es keine Fenster gibt und die Luft zum Schneiden ist. Die einzige Verbindung zur Außenwelt ist eine kleine Metalltür, die man nur gebückt durchschreiten kann. Am 24. Februar, am Tag des russischen Angriffs, ist die 75-Jährige in den Keller des Hochhauskomplexes in Charkiw geflüchtet. „Seitdem habe ich Tag und Nacht hier verbracht“, sagt sie. Kyrychenko traut sich nicht zurück in ihre Wohnung. „Ich habe zu viel Angst“, sagt sie, „bis zum Ende des Krieges werde ich hier unten bleiben.“

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Drei lange Monate haben die Russen die Metropole Charkiw mit Artillerie und Raketen beschossen. Die Front verlief kurz hinter Kyrychenkos Wohnblock im Stadtteil Saltivka. Die rund 30 Jahre alten Betonbauten stehen noch, sind aber angezählt. Granaten haben Löcher in die Wände gerissen, Scheiben sind geborsten, Wohnungen sind ausgebrannt, in manchen sind Wände durch die Explosionen kollabiert.

Vom Dach ist Russland zu sehen

Vom Dach kann man am Horizont Russland sehen, die Grenze ist nur 25 Kilometer entfernt. Binnen drei Stunden waren die russischen Panzer am 24. Februar in die Vororte eingedrungen. Am 13. Mai zogen sie sich unter dem Druck der ukrainischen Gegenwehr vom Stadtrand zurück. Bis September verbreiteten die Besatzungstruppen aber in Teilen der Region Charkiw weiterhin Angst und Schrecken. Immer noch kommt es jede Woche zu Raketenangriffen auf die Stadt.

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Kyrychenko hat sich auf rund 25 Quadratmetern eingerichtet, links vom Eingang mit der Metalltür geht es über ein paar wacklige Stufen nach unten. Ein Abwasserrohr verläuft quer über ihrem improvisiertem Bett, neben dem sie eine Schlafstätte für Katze Pushok errichtet hat. Pushoks Besitzer sind nach Deutschland geflohen. „Die Katze beschützt mich vor den vielen Mäusen hier unten“, sagt die Frau mit den zurückgesteckten grauen Haaren. Auf den grünen Heizungsrohren hat sie Porzellanfiguren postiert. Links daneben hängt ein Spiegel. Auf einem Tisch trocknet Hopfen, sie sagt, der Geruch beruhige sie.

Bucha, Ukraine - 19.10.2022: Natalia Lukyanenko at the grave of her son Victor, who was killed by russian forces during the occupation of Bucha. He went missing on March 6th, 2022 and was later found in the mass grave at the Church of St Andrew Pervozvannoho All Saints, among 116 other bodies.

„Die ganze Welt soll sich erinnern“

Im Frühjahr wurde die Kleinstadt Butscha bei Kiew weltweit zum Symbol schrecklicher Kriegsverbrechen. Inzwischen ist die internationale Aufmerksamkeit weitergezogen. Doch das Leid der Menschen ist noch da.

Ihre beiden Söhne hätten sie bedrängt, dass sie zu ihnen komme, aufs Land, sagt Kyrychenko. „Aber hier ist es sicher und warm.“ In ihrem Kellerabteil hat sie wieder Strom, damit heizt sie, und damit kann sie auch eine Kochplatte betreiben. Die eine Glühbirne an der Decke hat sie mit blauweißem Plastik verkleidet, das auseinanderfällt. Mit Voranmeldung könne sie das Bad einer Nachbarin im fünften Stock nutzen, sagt Kyrychenko. Ansonsten würde sie sich mit Eimern und Tüten behelfen.

„Putin ist krank. Hier sind keine Nazis.“

In einer Ecke steht eine alte Singer-Nähmaschine mit Handbetrieb, auf der sie für die Nachbarn näht. Der Raum ist vollgepackt mit Stühlen, Regalen, Körben, Decken, Kisten und allerlei Kleinkram, auf dem Boden steht Katzenfutter. An einem Klappstuhl hängt ein Gehstock, ganz rüstig ist die ältere Dame nicht mehr. 22 Stunden am Tag, sagt sie, verbringe sie im Keller. Nachbarn und Helfer würden sie versorgen. Am Tag des Besuchs der Reporter aus Deutschland sei sie erstmals seit Kriegsbeginn wieder selbst einkaufen gewesen. „Ich war so glücklich!“

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RND-Reporter trifft ukrainische Betroffene nahe der Grenze in Charkiw

Der russische Angriffskrieg hinterlässt überall in der Ukraine seine Spuren – vor allem Charkiw nahe der Grenze zu Russland litt schwer unter den Angriffen.

Doch die Angst wird sie nicht los. Jede Nacht höre sie im Radio, wo in der Ukraine gerade Luftalarm ausgerufen werde, sagt Kyrychenko. Sie ist empört: „Mein Vater hat in Stalingrad gegen die Nazis gekämpft.“ Dass der russische Präsident Wladimir Putin den Angriffskrieg gegen ihr Heimatland mit „Entnazifizierung“ begründe, mache sie wütend: „Putin ist krank. Hier sind keine Nazis.“ Zum Abschied gibt sie den Besuchern noch dieses mit: „Ich wünsche Ihnen, dass Sie und ihre Familien so etwas nie erleben müssen. Ich wünsche Ihnen, dass Ihre Kinder nie Krieg sehen werden.“

Die Hälfte der Einwohner ist geflohen

Wie tief die Angst bei den Menschen aus Charkiw sitzt, darauf deuten Zahlen der Stadtverwaltung hin: Demnach lebten in der zweitgrößten Stadt der Ukraine vor dem Krieg 1,4 Millionen Menschen. Nach dem Angriff, der eine Massenflucht auslöste, sei diese Zahl um die Hälfte auf 700.000 gesunken. Nur wenige sind zurückgekommen.

Charkiw wirkt in manchen Bezirken fast wie eine Geisterstadt. Dort stehen alle paar Hundert Meter Betonsperren auf den weitgehend verwaisten Straßen, die jederzeit wieder in bemannte Checkpoints umgewandelt werden können. Die nächtliche Ausgangssperre dauert von 22 Uhr bis 6 Uhr, zwei Stunden länger als in der Hauptstadt Kiew. Das kulturelle und gesellschaftliche Leben liegt brach. Die meisten Läden sind geschlossen, die Parkplätze vor den Einkaufszentren verwaist. Beim Ford- und beim Nissan-Händler sind leere Showrooms zu sehen, das Glas der Fensterfronten ist den Detonationen zum Opfer gefallen. Bei VW und Mercedes wurden die Fenster mit Sperrholzplatten vernagelt, bei zahlreichen anderen Geschäften auch.

Rückkehr in die Trümmer

Dennoch gibt es erste Anzeichen dafür, dass auch in Charkiw langsam das Leben zurückkehrt, so, wie es in Kiew schon geschehen ist. Oleksander Zolotov hat während des wochenlangen Artilleriebeschusses im Kellerraum neben Kyrychenko ausgeharrt. Früher hätten 700 Menschen in den aneinandergereihten Wohnblöcken der Siedlung gewohnt, sagt der 56-Jährige. Während der Angriffe seien sie nur noch sechs gewesen. Inzwischen seien aber 45 oder 50 der einstigen Nachbarn zurückgekehrt.

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Oleksandr Zolotov vor seinem Haus.

Oleksandr Zolotov vor seinem Haus.

Zolotov ist wieder in seiner Wohnung im fünften Stock. Von zwei Artilleriegranaten ist die getroffen worden. Zolotov trägt eine viel zu große Bundeswehruniform. Das habe nichts mit dem Besuch aus Deutschland zu tun, versichert der ukrainische Ex-Soldat. Seine amerikanische Uniform sei beim Beschuss seiner Wohnung verbrannt, sagt er, seine ukrainische sei in der Wäsche, die deutsche Variante hätten ihm Freunde mitgebracht.

Zolotov präsentiert stolz das wieder fließende Wasser, Strom gibt es auch, sogar sein Wifi funkt. Drei zerstörte Fenster hat er ersetzt, umgerechnet habe ihn das 500 Euro gekostet, 200 Euro mehr als vor dem Krieg. Glas sei Mangelware. Die rissige Decke zur ausgebrannten Wohnung darüber hat er mit Metallstreben abgestützt, wo einmal eine Wand stand. Eine andere Wand sieht aus, als würde sie jeden Moment einbrechen. Zolotov glaubt, das werde schon alles halten.

Auf seinem Handy zeigt er ein Video mit seiner Katze Bim, aufgenommen kurz vor Mitternacht am vergangenen Silvesterabend. „Lass uns das neue Jahr feiern, Bim“, sagt Zolotov auf dem Band und gibt dem Tier ein Leckerli. Wo Bim heute ist? Zolotov zeigt auf eine Schale mit Knochenüberresten und einer Kerze. Die Katze sei beim Beschuss getötet worden. „Ich werde sie nach dem Sieg der Ukraine beerdigen.“

Seit Kriegsbeginn in der U-Bahn-Station

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite haben Freiwillige einen Essensstand aufgebaut. Auf offener Flamme kochen sie für die Rückkehrer, die sich noch nicht selbst versorgen können. Es gibt Suppe und Brot, Hühnchen mit Kartoffeln und Salat, zum Nachtisch Kompott. Aber sie wissen nicht, wie lange sie dort bleiben können. Die Architekten haben noch nicht entschieden, ob die Gebäude stehenbleiben können oder so schwer beschädigt sind, dass sie abgerissen werden müssen.

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Yulia Mikhaelenka am Eingang zu der U-Bahn-Station, in der sie wohnt.

Yulia Mikhaelenka am Eingang zu der U-Bahn-Station, in der sie wohnt.

Yulia Mykhaylenko hat eine Wohnung in Charkiw, die zwar beschädigt, aber nach ihren Worten nicht unbewohnbar ist. Doch den Schutz des Untergrunds will auch sie noch nicht aufgeben. Die 49-Jährige lebt seit Kriegsbeginn mit mehr als hundert Menschen in der U-Bahn-Station namens „23. August“, das Datum markiert den Tag der Nationalflagge der Ukraine. Auf dem Platz der Haltestelle steht das gigantische Denkmal eines Sowjet-Soldaten aus den 1980er-Jahren, das an die Befreiung Charkiws durch die Rote Armee 1943 erinnert. Inzwischen flattert eine ukrainische Flagge an dem in den Himmel gestreckten Gewehr des Soldaten.

In der U-Bahn-Station sind rund 20 Zelte und zahlreiche Pritschen zwischen Ticketautomaten, Drehkreuzen und der kurzen Treppe zum Bahnsteig aufgebaut. Die Metro fährt seit Mitte Mai wieder. Die Mykhaylenkos haben eine Ecke ergattert, einen offenen Vorsprung über einem der beiden Gleise haben sie mit Wäscheleinen und Decken abgehängt.

Dort sitzt die 16 Jahre alte Tochter mit einem Laptop auf einer Matratze, sie hat gerade Matheunterricht. Eine Freundin sitzt auf dem Bett der Mutter, daneben räkelt sich Musa, die Familienkatze. Auf einer Mauer direkt über dem Gleis sind Lebensmittel abgestellt, auf einem anderen Vorsprung Parfüm. Mykhaylenko wirkt wie aus dem Ei gepellt. Internet läuft in der Metrostation über Mobilfunk, Steckdosen finden sich vereinzelt. Toiletten gibt es, Duschen nicht – nur große Eimer, um sich zu waschen. Helfer versorgen die Menschen mit Essen. Mykhaylenko sagt, die Metro fahre von 6.30 Uhr bis 20 Uhr, anfangs sei der Lärm schwierig gewesen. Mit der Zeit gewöhne man sich daran.

Yulia Mikhaelenkas Bleibe in der U-Bahn-Station

Yulia Mikhaelenkas Bleibe in der U-Bahn-Station

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Warten auf die Eskalation

Sie ist zur Sprecherin der Schutzsuchenden in der U-Bahn-Station geworden und kümmert sich um deren Anliegen. Diese Verantwortung zusammen mit ihrer Angst vor Angriffen lasse sie zögern, wieder an die Oberfläche zu ziehen. Im Mai habe die Stadtverwaltung bereits versucht, die Menschen aus dem U-Bahnhof zu vertreiben – erfolglos.

Unser Reporter in der Ukraine

Can Merey (50) reist mit dem Fotografen Andy Spyra durch die Ukraine, unterstützt werden sie dabei von ihrem lokalen Kollegen Yurii Shyvala. Merey ist seit dem 1. Oktober 2022 Krisenreporter und Leiter Investigativ beim RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) in Berlin. Zuvor war er fast zwei Jahrzehnte lang Auslandskorrespondent der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Für die Nachrichtenagentur leitete er zwischen 2003 und 2022 das Südasien-Büro in Neu Delhi, das Nahost-Büro in Istanbul und zuletzt das Nordamerika-Büro in Washington. Er ist der Autor von zwei Büchern: „Die afghanische Misere – warum der Westen am Hindukusch zu scheitern droht“ (2008) und „Der ewige Gast – wie mein türkischer Vater versuchte, Deutscher zu werden“ (2018).

Unter den Schutzsuchenden in der Metrostation seien Ukrainer, die aus Gebieten geflohen seien, die weiterhin von Russen besetzt seien. Andere könnten ihre Häuser oder Wohnungen nicht wieder beziehen. Rund ein Drittel, schätzt Mykhaylenko, könnte eigentlich zurück – traue sich aber nicht. „Wir wissen nicht, wann es wieder zur Eskalation kommen könnte“, sagt sie. „Der Krieg ist noch nicht vorbei.“

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