Unter brutalen Bedingungen

Unter russischer Besatzung: Wie ein ukrainisches Krankenhaus einfach weiterarbeitet

Durch russischen Beschuss wurden in Isjum im Nordwesten der Ukraine Dutzende Häuser zerstört. (Archivbild)

Durch russischen Beschuss wurden in Isjum im Nordwesten der Ukraine Dutzende Häuser zerstört. (Archivbild)

Isjum. Das Ärzteteam bereitet sich auf kalte Tage im Keller vor. Sie haben dort in diesem Jahr schon vier Monate verbracht, von den frühen Tagen des Krieges bis in die Zeit der russischen Besatzung hinein. Zumindest können sie erwarten, dass es genügend Brennstoff für den Generator gibt, auch wenn das wenig gegen die kalte Winterluft hilft, die durch die Fenster ohne Scheiben und die zusammengestürzten Wände dieses Krankenhauses in der nordöstlichen Ukraine wehen wird.

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Die Klinik auf einem Hügel in Isjum war die einzige medizinische Einrichtung, die offen blieb, als die Russen die Stadt im März einnahmen, nicht lange nach dem Beginn der Ukraine-Invasion am 24. Februar. Isjum kehrte im September wieder in die Hände der Ukrainer zurück, im Zuge einer erfolgreichen Gegenoffensive.

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Die Schilder rund um das gesamte Hospital mit Warnungen vor Minen sind am Verschwinden, ukrainische Pioniere säubern sorgfältig den Erdboden, Meter für Meter. Aber es wird viel länger dauern, bis die Narben verheilt sind, die das Geschehene an den Menschen, die hier anderen medizinisch halfen oder Hilfe erhielten, hinterlassen hat.

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Arzt vor Augen des Klinikpersonals erschossen

Die Toten da draußen wurden eingesammelt, in das Leichenhaus auf dem Klinikgelände gebracht, in dem es weiter keinen Strom gibt und stark riecht. Autopsien waren seinerzeit unmöglich und sind es immer noch, die drei Beschäftigten hier stehen davor, ihren Dienst zu quittieren – es macht einfach keinen Sinn mehr. Es ist schlicht eine Tatsache, dass die Toten Elektrizität weniger benötigen als die Lebenden. Ein Gutes gibt es immerhin: Die Dunkelheit in der Kammer verbirgt die Löcher in der Decke, die von den Kugeln eines tschetschenischen Soldaten stammen, der hier auf einen Pathologen feuerte. Der Mediziner verblutete vor den Augen seiner Kolleginnen und Kollegen.

Verlassen in der Mitte des Geländes ist das zertrümmerte Gebäude, das als russisches Militärhospital diente. Leere Schnapsflaschen und fleckige Uniformen sind hier verstreut, und an den Wänden lehnen blutverschmierte Tragen. Die paar Ärzte, Pflegekräfte, Sanitäter und Pathologen, die während der Besatzung blieben, fanden Wege, mit den Russen in ihrer Mitte auszukommen, denn sie sahen sich als die einzige Hoffnung, Leben in einer Stadt zu retten, die sich rasch mit Kranken und Verletzten füllte.

Bucha, Ukraine - 19.10.2022: Natalia Lukyanenko at the grave of her son Victor, who was killed by russian forces during the occupation of Bucha. He went missing on March 6th, 2022 and was later found in the mass grave at the Church of St Andrew Pervozvannoho All Saints, among 116 other bodies.

„Die ganze Welt soll sich erinnern“

Im Frühjahr wurde die Kleinstadt Butscha bei Kiew weltweit zum Symbol schrecklicher Kriegsverbrechen. Inzwischen ist die internationale Aufmerksamkeit weitergezogen. Doch das Leid der Menschen ist noch da.

Sanitäter schildert schreckliche Szenen

Serhij Botsman würde so gern jene Tage vergessen, seine schlimmsten als Sanitäter. Sein Blick wird starr beim Gedanken an eine Frau, die hilflos und schreiend unter zwei Leichen lag. Ihr Bein war so schlimm verletzt, dass es am Ende amputiert werden musste – im Keller. Aber wenigstens überlebte sie – anders als der sechsjährige Junge mit dem zerfetzten Leib und herausquellenden Eingeweiden, der Botsman anflehte, seiner Mutter zu helfen. Aber auch sie starb.

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Botsman hat das alles noch qualvoll vor Augen – und macht trotzdem weiter. „Es gibt niemanden, der kommen und uns ablösen will“, sagt er. „Ich bin müde. Ich bin so müde. Seit sieben Monaten ist niemand gekommen, um unseren Platz einzunehmen. Wie könnte ich weggehen, wenn ich weiß, dass keiner kommt, um zu helfen?“

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Auch Dr. Juri Kusnezow, ein Unfallchirurg mit dunklen Ringen unter den Augen, hat mit seinen Erinnerungen zu kämpfen. Er hat Wunden von Bomben, Kugeln, Granatsplittern gesehen, und Menschen, die Hilfe wegen Verletzungen suchten, die sie nicht erklären wollten – und die nach Folter aussahen. „Es ist wie ein Heckenschütze, wenn man ihn fragt, ob er in seinen Träumen all jene Menschen sehen kann, die er eliminiert hat. Du kannst auf diese Weise verrückt werden“, sagt der Arzt. Er hat kein intaktes Zuhause mehr, zu dem er zurückkehren könnte – dafür haben die Bomben gesorgt.

Wir waren alle von Zeit zu Zeit schrecklich deprimiert. Wir weinten, fluchten. Wir wollten nichts tun.

Dr. Juri Kusnezow, Unfallchirurg in Isjum

Bis Juli hat Kusnezow schlicht im Klinikkeller gelebt. Zwei Tragen auf Rädern und ein niedriges Bett dienten als OP-Tische. Der Raum war so kalt, dass „wir die Lösungen, die wir injizieren wollten, vorher an unserem Körper wärmen mussten“, schildert er. Der Elektriker, der es schaffte, mit einem Dieselgenerator die Lampen am Brennen zu halten, war in diesem dürftigen Umfeld so wichtig wie der Chirurg.

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„Wir waren alle von Zeit zu Zeit schrecklich deprimiert. Wir weinten, fluchten. Wir wollten nichts tun“, sagt Kusnezow. „(Aber) mit jeder geretteten Person, mit jedem geretteten Leben, wuchs die Überzeugung, dass es richtig war, hier zu bleiben.... Wir waren überzeugt, dass es nicht alles umsonst war.“

Selenskyj spricht acht Monate nach Kriegsbeginn von „Versagen“ Russlands

Acht Monate nach Beginn des russischen Angriffskrieges hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Moskau ein Versagen auf breiter Front attestiert.

Als die Bombardierungen nachließen und russische Kräfte die Kontrolle in Isjum übernahmen, fand der Arzt eine improvisierte Unterkunft außerhalb des Klinikgeländes und verlegte Operationen ins Erdgeschoss. Dort arbeitet er weiter, in dem einzigen Flügel mit einigermaßen soliden Wänden und intakten Fenstern. Er geht davon aus, dass er die OPs wieder im Keller ausführen wird, wenn das Thermometer unter den Gefrierpunkt sinkt. Dort sind die Temperaturen kalt, aber stabil.

Pathologe stirbt bei Konfrontation mit tschetschenischem Soldat

Die Erinnerung an den Tod von Fedir Sdebskyj verfolgt das Klinikpersonal, das die russische Besatzung überlebte. Er war ein hingebungsvoller Pathologe, der es nicht zuließ, dass seine Beinprothese ihn bremste, wie Valentyna Bachanowa, eine Kollegin und Augenzeugin seines Todes, schildert.

Demnach fuhr Sdebskyj mit seinem Volkswagen regelmäßig über das holprige Krankenhausgelände zum Leichenhaus, um die Toten zu katalogisieren. Eines Tages wurde er von einem tschetschenischem Soldaten konfrontiert, der das Auto haben wollte. Es kam zu einem kurzen Wortwechsel, in dem der Soldat sagte, dass er all die 26 Jahre seines bisherigen Lebens im Krieg verbracht habe.

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„Ihr seid selbst Schuld, dass ihr hierher gekommen seid. Ihr seid in mein Land gekommen, ihr seid gekommen um zu töten und zu rauben“, antwortete der Pathologe nach Angaben von Bachanowa und anderen Kollegen in dem Raum wütend. „Dein Leben ist weiter in meinen Händen“, sagte der Tschetschene, und das waren die letzten Worte, die der Arzt hörte. Der Soldat gab fünf Schüsse ab – in den Kopf, den Magen und die Decke. Sdebskyj war 70 Jahre alt.

„Er hat sich immer eingesetzt. Leute starben, aber er hat sich um ihre Kinder, Verwandten, Mütter gesorgt. Er hat immer gesagt, ‚dies ist der Sohn von Jemandem, der Vater, der Ehemann‘,“ sagt Bachanowa und seufzt tief. „Natürlich hat es keinen Sinn zu versuchen, einen Mann zu überzeugen, der eine Waffe hat.“

RND/AP

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