„Sie sind sehr still abgezogen"

Zerstört, aber frei: Das Dorf Hrakowe nach der Flucht der russischen Truppen

Ein Einheimischer ruht, nachdem er Beamten in Hrakowe bei der Exhumierung von zwei Leichen aus einem Grab geholfen hat. Die Behörden gaben an, dass die beiden Leichen Anzeichen von Folter aufwiesen.

Ein Einheimischer ruht, nachdem er Beamten in Hrakowe bei der Exhumierung von zwei Leichen aus einem Grab geholfen hat. Die Behörden gaben an, dass die beiden Leichen Anzeichen von Folter aufwiesen.

Hrakowe. Es ist nicht viel von Hrakowe übrig. Die Häuser und Läden liegen in Trümmern, von der Schule stehen nur noch die Außenmauern. Die Kirche ist von Raketen und Granaten gezeichnet, aber die goldene Kuppel hat überlebt, sie glänzt im schwindenden Herbstlicht. Nur noch ungefähr 30 Menschen sind in diesem kleinen Dorf südöstlich der Stadt Charkiw verblieben, viele von ihnen leben in Kellern oder Ruinen, wie Anatoli Klyschen, einer der Einwohner, schildert. Bevor die russischen Truppen im Februar über die Grenze rollten und Hrakowe kurz danach besetzten, gab es hier 1000 Seelen.

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Die Russen haben das Dorf um den 9. September herum verlassen, als ukrainische Soldaten in einer Blitz-Gegenoffensive vorrückten. Sie könnte ein Wendepunkt sein, die Grundlage für weitere Gewinne im Osten und anderswo bilden – aber auch eine brutale russische Antwort hervorrufen, zu einer neuen gefährlichen Eskalation des Krieges führen.

„Sie sind sehr still abgezogen.“

Wjatscheslaw Myronenko, Bewohner von Hrakowe

Es gab keine Anzeichen für eine bevorstehende Flucht der Russen aus Hrakowe. „Keiner hatte eine Ahnung“, sagt der 71-jährige Wjatscheslaw Myronenko, der zusammen mit drei Nachbarn mehr als vier Monate lang im Keller seines zerbombten Mehrfamilienhauses gelebt hat. „Sie sind sehr still abgezogen.“

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Präsident Selenskyj besucht von der Ukraine zurückeroberte Gebiete

Nach dem Rückzug russischer Truppen machte sich Selenskyj bei einem Besuch des strategisch wichtigen Ortes Isjum selbst ein Bild von der Lage.

Panzer, Ausrüstung, Müll: Die russischen Truppen hinterließen vieles

Und sie haben nicht nur Zerstörung zurückgelassen, sondern auch Müll und Ausrüstung. Wer durch das Dorf geht, stößt auf herumliegende leere Packungen mit russischen Essensrationen und Kisten mit Anweisungen für die Benutzung von Granaten. Von einem Baum hängt eine Gasmaske herunter, und eine Kampfanzugjacke liegt niedergetrampelt in der schlammigen Erde. Just außerhalb des Dorfes, nahe der Bushaltestelle, rostet ein russischer Panzer vor sich hin, sein Turm und die Kanone sind durch Explosionen weggerissen worden.

Hunde streunen durch die Straßen, und Behörden warnen vor Minen und Sprengfallen im wuchernden Unkraut. „Vorher sah das Dorf wirklich schön aus“, sagt Klyschen, der 45 Tage im Keller seines Gebäudes verbrachte, während russische Soldaten seine Wohnung im zweiten Stock bezogen. Er konnte schließlich fliehen, auch wenn er dabei das Risiko einging, an einem der russischen Kontrollposten festgenommen zu werden. Die feindlichen Soldaten seien sowohl verängstigt als auch paranoid gewesen, erzählt Klyschen, hätte die Mobiltelefone von Einwohnern auf Antirussisches hin überprüft. Einige Leute seien abgeführt worden – und Klyschen hat sie nie wiedergesehen.

Er sei sich dessen bewusst gewesen, dass er daheim oder an einem Kontrollposten sterben könnte, so der 45-Jährige. Aber er kam durch und kehrte nach der Flucht der Russen zurück, um zu sehen, was aus seinem Zuhause geworden war. Klyschen fand es mit zersplitterten Fensterscheiben vor, und in den Räumen waren russische Essenspackungen, Kleidungsstücke und Kartons verstreut. In einem Zimmer stieß er auf einen Stapel von Fernsehgeräten. Klyschen meint, dass die russischen Soldaten sie vielleicht gestohlen haben.

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„Sie haben Einwohner getötet, sie erschossen.“

Anatoli Klyschen, Bewohner von Hrakowe

Von den Besetzern zurückgelassene Militärfahrzeuge sind mittlerweile entfernt und die Leichen von zwei Männern exhumiert worden, die durch einen Kopfschuss getötet und an einem Straßenrand verscharrt worden waren. Klyschen glaubt, dass es sich um ukrainische Soldaten handelt, aber ist sich nicht sicher. „Sie haben Einwohner getötet, sie erschossen“, sagt er.

Behörden wollen den Menschen schnell helfen

Serhij Lobodenko, ist der Verwaltungschef des Bezirks Tschuhujiw, zu dem Hrakowe gehört. Nach seinen Angaben hat die Region während der sechsmonatigen Besetzung heftige Kämpfe erlebt. „Es gab eine Menge zerstörter Straßen, Privathäuser, eine Menge toter Menschen und eine Menge Vermisster, sowohl Militärangehörige als auch Zivilisten“, sagt er. „Jetzt versuchen wir, die Infrastruktur wiederherzustellen, die Strom- und Gasversorgung.“ Das Essen werde von außerhalb gebracht, da die Menschen hier über keine eigene Nahrung verfügten.

Bilder der Zerstörung und Berichte über Not und Elend gibt es auch in anderen Orten, die im Zuge der ukrainischen Offensive zurückerobert wurden. Dazu zählt Isjum, eine strategisch wichtige Stadt im Osten, die der ukrainische Präsident Wladimir Selenskyj am Mittwoch besuchte.

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Ein Leben im Ausnahmezustand

In Hrakowe, das an der Autobahn zwischen Isjum und Charkiw liegt, hatten Myronenko und seine drei Nachbarn ein paar Wochen nach Einzug der Besetzer Gerümpel aus dem Keller ihres Mietwohnungsgebäudes geräumt, um ihn einigermaßen bewohnbar zu machen. Sie fanden ein paar Metallrohre und klemmten sie zwischen den Fußboden und die Decke – in der Hoffnung, dadurch einen Einsturz zu verhindern, wenn das Gebäude von heftigen Explosionen erschüttert wurde, wie der 70-jährige Oleh Lutsaj, einer der Vier, schildert. Und trotz des unablässigen Beschusses seien sie nach draußen gegangen, um Kartoffeln anzubauen, die sie zum Überleben brauchten.

„Natürlich war es beängstigend, sehr beängstigend für jeden, wenn alles hier drinnen wackelte“, so Lutsaj, während ein Wasserkessel auf einem holzbefeuerten Ofen pfeift, den er und seine Nachbarn selbst gebaut haben. Wegzugehen war und ist für ihn keine Option. „Ich bin 70 Jahre alt, ich bin hier geboren“, sagt er. Sein Wunsch sei es, in der „ukrainischen Ukraine“ zu sterben, nicht in der des russischen Präsidenten Wladimir Putin, wie er es formuliert. Und das scheint, jedenfalls nach jetzigem Stand, wieder möglich. „Warum“, so fragt Lutsaj, „sollte ich also von hier wegrennen?“

RND/AP

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