Angriffe auf Kiew und Krementschuk

Warum Russland mit Raketeneinschlägen fernab der Front provoziert

Die Fenster eines Wohnhauses sind nach einer Explosion zerstört. In den frühen Morgenstunden des 26. Juni hatten mehrere Explosionen den Westen der ukrainischen Hauptstadt Kiew erschüttert.

Die Fenster eines Wohnhauses sind nach einer Explosion zerstört. In den frühen Morgenstunden des 26. Juni hatten mehrere Explosionen den Westen der ukrainischen Hauptstadt Kiew erschüttert.

Fast vier Wochen war es ruhig in Kiew. Anfang Juni schlug eine russische Rakete in der ukrainischen Hauptstadt ein, doch die Bewohnerinnen und Bewohner versuchten weiter, das alte Kiew wiederherzustellen. Am Sonntagmorgen ist die Ruhe nun wieder unterbrochen worden, 14 Raketen wurden nach Angaben des ukrainischen Parlamentsabgeordneten Olexij Hontscharenko auf die Hauptstadt abgefeuert. Aus einem getroffenen Wohnhaus wurden wohl Verletzte und ein Toter geborgen, eine andere Rakete schlug auf dem Gelände eines Kindergartens ein, dort hielten sich aber zu diesem Zeitpunkt keine Kinder auf.

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Aber nicht nur Kiew wird von Explosionen erschüttert: Am Montag ist nach einem Raketenangriff ist ein belebtes Einkaufszentrum in der zentralukrainischen Stadt Krementschuk in Brand geraten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von mehr als 1000 Zivilistinnen und Zivilisten, die sich in dem Einkaufszentrum befunden haben sollen. Außerdem haben in den vergangen Tagen ukrainische Medien und Behörden von weiteren Angriffen auf die Oblaste Chmelnyzkyj, Lwiw, Mykolajiw, Schytomyr und Tschernihiw berichtet. Die breit gestreuten Raketenangriffe wecken Erinnerungen an die Anfangsphase der Invasion durch Russland, als Putins Truppen nach Kiew vorgerückt sind und bis an die Westgrenze der Ukraine Raketen abgefeuert wurden.

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Ändert Russland nun also wieder seine Strategie, nachdem sich die Truppen nach der Anfangsphase des Krieges vor allem auf den Donbass im Osten konzentriert haben? Gerhard Mangott, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Innsbruck, glaubt nicht an ein solches Umdenken. „Russland will nur immer wieder einmal demonstrieren, dass es Ziele in der gesamten Ukraine attackieren kann. Die Raketen auf Kiew sind keine Vorboten für einen neuerlichen Angriffe auf die Hauptstadt“, so der Russland-Experte auf Nachfrage des RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Botschaft an EU, G7 und Nato

Vielmehr seien die Raketenangriffe als „Grüße aus Moskau“ an westliche Gipfeltreffen gedacht: an den EU-Gipfel in der vergangenen Woche, auf dem der Beitrittskandidatenstatus der Ukraine beschlossen wurde, an den aktuell laufenden G7-Gipfel, auf dem neue Sanktionen gegen Russland geplant wurden und an den am Dienstag beginnenden Nato-Gipfel in Madrid.

Ex-Nato-General Hans-Lothar Domröse sieht das ähnlich: Auf den Gipfeln geschehe mit einer zunehmenden Westanbindung der Ukraine genau das Gegenteil von dem, was Wladimir Putin erreichen wolle. „Russland hat aber nach wie vor die Eskalationsdominanz in diesem Krieg. Diese behält das Land auch, solange es mehr Panzer produzieren kann, als die Ukraine zerstört. Putin will mit den Angriffen auf Kiew und westliche Landesteile genau das demonstrieren – dass er selbst die Lage bestimmt und die Ukraine letztlich nur reagieren und ausweichen kann.“ Zwar wisse der russische Präsident, dass die Ukraine – oder was auch immer von ihr übrig bleibe – sich Richtung Westen orientieren werde, „aber davor will Putin noch ein möglichst großes Stück des Kuchens abschneiden“, so Domröse im Gespräch mit dem RND.

Westliche Investoren sollen verschreckt werden

Neben der Demonstration der eigenen Fähigkeiten und Signalen an den Westen könnte Russland mit den Raketenangriffen auf Landesteile jenseits der Front noch ein anders Ziel verfolgen, glaubt Gerhard Mangott: „Das ist ein Versuch, die Ukraine weiter ökonomisch zu schwächen. Ausländische Investoren sollen abgeschreckt werden, weil kein Ort in der Ukraine sicher vor russischen Angriffen ist.“ Neben dem militärischen Krieg im Osten seien die Raketenangriffe auf Kiew und die Westukraine Teil des „ökonomischen Vernichtungskriegs“.

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Am Beispiel Kiews zeigt sich, warum Russland Bevölkerung und Politik in einem Angstzustand gehalten werden sollen. Vor Beginn des Kriegs hatte Kiew rund vier Millionen Bewohnerinnen und Bewohner. Nach Angaben des stellvertretenden Kiewer Bürgermeisters Mykola Poworosnik im Gespräch mit dem „Spiegel“ waren es zwischenzeitlich nur noch 800.000 als russische Truppen auf die Hauptstadt zusteuerten. Jetzt sind es offenbar wieder rund zweieinhalb Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, immer mehr kehren zurück. Je mehr Menschen und Normalität in Kiew, desto stärker kann die Ukraine wieder werden – was Russland unbedingt verhindern will.

Nach Ansicht von Gerhard Mangott zeigen die Raketenangriffe Wirkung: „Bei der ukrainischen Führung kommen die Botschaften definitiv an. Und diese weiß um die ökonomischen Folgewirkungen. Aber die Ukraine kann militärisch nichts dagegen unternehmen.“ Es mangle an Waffen, Munition und ausgebildeten Soldaten.

Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Angst in Kiew, sondern auch auf die militärische Lage an der Front: „Die russische Armee wird sich jetzt auf die Eroberung von Lysytschank im Donbass konzentrieren“, glaubt Mangott. „Wenn auch diese Stadt fallen sollte – und das ist wohl nur eine Frage der Zeit – kontrolliert Russland die ganze Provinz von Luhansk. Dann wird die russische Armee versuchen, auch den Rest der Provinz Donezk zu erobern – mit Angriffen vor allem auf Kramatorsk und Slovjansk.“

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Raketenangriff oder Fehlzündung?

Unterdessen hat Moskau am Montag den Angriff auf Kiew bestätigt. Allerdings mit einer eigenen Interpretation der Geschehnisse: Man habe die Kiewer Rüstungsfabrik Artem angreifen wollen. Die Ukraine habe dann Luftabwehrraketen eingesetzt, wovon eine wohl in ein Wohnhaus gestürzt sei. Ex-Nato General Domröse erklärt, dass Fehlzündungen von Abwehrsystemen vorkommen könnten, wie sich etwa am Iron Dome in Israel zeige. „Was Russland behauptet ist ein denkbares Szenario, und mit diesem Denkbaren betreiben sie Propaganda.“

Unabhängig von einer möglichen Fehlzündung könne die Ukraine Raketenangriffe auf Kiew aber nicht effektiv abfangen. „Es fehlen dafür noch Hightech-Systeme. Das Iris-T-System des deutschen Herstellers Diehl Defence, das Bundeskanzler Olaf Scholz der Ukraine zugesagt hat, könnte das bis zum Spätsommer aber ändern. Wäre es jetzt schon im Einsatz, hätten die Raketen am Sonntag wahrscheinlich abgefangen werden können“, erklärt Domröse. Die Ukraine werde durch die westlichen Waffenlieferungen nun stärker im Abwehrkampf, aber um Russland deutlich zurückschlagen zu können, reichten diese aktuell noch nicht aus.

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