Nicht alle wollen gehen

„Die Russen sind gleich dort drüben“: schmerzvolle Evakuierungen in der Ukraine

Trümmer liegen in einem Wohnzimmer eines Wohnhauses in Bachmut, das bei einem russischen Bombenangriff schwer beschädigt wurde.

Trümmer liegen in einem Wohnzimmer eines Wohnhauses in Bachmut, das bei einem russischen Bombenangriff schwer beschädigt wurde.

Bachmut. Sirenen heulen, Gewehrsalven und Geschosse sind zu hören. Helfer versuchen, Alte und Kranke auf Tragen, in Rollstühlen oder einfach in den Armen aus ihren Wohnungen zu holen und zu wartenden Minibussen zu bringen. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, während die russischen Truppen im Osten der Ukraine vorrücken.

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„Die Russen sind gleich dort drüben, und sie kommen näher hierher“, sagt Mark Poppert in der Ortschaft Bachmut. „Wir bemühen uns, so viele Menschen wie möglich herauszubringen“, erklärt der Amerikaner, der für die britische Organisation RefugEase als Freiwilliger bei den Evakuierungseinsätzen hilft. „Bachmut ist ein Hochrisikogebiet.“

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Die Rettungsaktionen sind anstrengend, psychisch und physisch. Viele der Menschen, die in Sicherheit gebracht werden müssen, sind älter und nicht mehr mobil. Andere sind krank oder haben andere körperliche Einschränkungen. Für die Helfer heißt das, die Frauen, Männer und manchmal Kinder auf Tragen durch enge Türen und Treppenhäuser zu transportieren.

Vor dem Krieg zählte Bachmut in der Region Donezk im Donbass, wo von Russland unterstützte Separatisten seit Jahren Gebiet kontrollieren, noch rund 85.000 Einwohner. Die meisten sind schon vor den Kämpfen geflohen, etwa 30.000 dürften noch in der Stadt sein. Aber es werden täglich weniger.

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Rund 50 Kilometer nördlich von Bachmut verstärken die russischen Angreifer ihre Offensive auf die Städte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk. Die beiden sind die letzten großen Städte in der Region Luhansk, die noch unter ukrainischer Kontrolle sind. Nordwestlich von Bachmut haben von Russland gestützte Separatisten inzwischen die Einnahme von Lyman gemeldet, einem wichtigen Eisenbahnknotenpunkt. Rauch über der Stadt war dieser Tage deutlich aus der Entfernung zu sehen.

Aber selbst im Angesicht des Krieges zögern viele zu fliehen. „Ich kann sie nicht überzeugen zu gehen“, sagt die Hausverwalterin Swetlana Lwowa über Bewohner in einem ihrer beiden Wohngebäude in Bachmut. „Ich habe ihnen schon mehrfach gesagt, dass ich – wenn etwas hier einschlägt – sie verletzt zu den gleichen Bussen tragen muss.“ Fast zwei Dutzend Menschen weigerten sich, die Wohnungen zu verlassen, sagt Lwowa. Sie hätten mehr Angst, Hab und Gut für eine ungewisse Zukunft zurückzulassen, als vor den Bomben.

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Auch Lwowa selbst will noch bleiben. Nicht weil sie zögere, ihren Besitz zu verlassen, sondern weil sie auf ihren Sohn warte, sagt die 66-Jährige. Der sei noch in Sjewjerodonezk, erklärt sie. „Ich muss wissen, dass er lebt. Deshalb bleibe ich hier.“

Auf seinem bisher letzten Video hatte er noch versichert, dass es ihm gut gehe und dass sie noch Strom hätten, wenn auch kein fließendes Wasser mehr. Wenn sie ihren Sohn wieder in die Arme schließen könne, werde sie ihm einen großen Kuchen backen, sagt Lwowa und wischt sich die Tränen aus den Augen.

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Nicht selten schreckten die Menschen auch im letzten Augenblick vor einer Evakuierung zurück, berichtet Mark Poppert von seinen Einsätzen. Manche entschieden sich erst dann um, wenn der Kleinbus schon da sei. „Es ist ein unglaublich schwerer Entschluss für diese Menschen, die einzige Welt, die sie je gekannt haben, zu verlassen“, sagt Poppert. Erst kürzlich habe er einen Mann in den 90-ern in Sicherheit gebracht, der dazu aus einer Wohnung geholt werden musste, in der er seit jeher lebte. „Wir haben diesen Mann aus seiner Welt gerissen.“

RND/AP

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