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Warum Abgeordnete in Deutschland am liebsten Anzug tragen

Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) wird am Flughafen in Gao, Mali, von Oberst Peter Küpper begrüßt. (Archivbild)

Liebe Leserin, lieber Leser,

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Achtung, ich begebe mich auf Glatteis. Es geht hier um die Optik von Politikerinnen und Politikern – also um Oberflächlichkeit. Es ist tatsächlich immer noch so, dass über die Optik von Frauen eher hergezogen wird als über die von Männern. Allerdings bleiben auch sie nicht mehr verschont. Man denke an die vielen negativen Ausführungen über die eng anliegenden Anzüge des früheren Außenministers Heiko Maas. Oder erinnern Sie sich noch an die Brioni-Anzüge, die Gerhard Schröder zu Beginn seiner Kanzlerzeit zu Markte trug? Er bekam dafür so viel Spott, dass er die Protzerei mit Klamotten im Amt schnell wieder aufgab. Für Deutschland gilt jedenfalls die Grundregel: Je unauffälliger eine Politikerin oder ein Politiker gekleidet ist, desto weniger Angriffsfläche bietet sie oder er.

Das Standard-Outfit deutscher Politiker: Mal mehr, mal weniger gut sitzende Anzüge. Größere Abweichungen als die besonders beim Grünen-Wirtschaftsminister Robert Habeck oft fehlende Krawatte gibt es selten.

Das Standard-Outfit deutscher Politiker: Mal mehr, mal weniger gut sitzende Anzüge. Größere Abweichungen als die besonders beim Grünen-Wirtschaftsminister Robert Habeck oft fehlende Krawatte gibt es selten.

Als ich 2019 die damalige Kanzlerin Merkel und einen Teil ihres Kabinetts zu den deutsch-indischen Regierungskonsultationen nach Neu-Delhi begleitet habe, saß bei der Pressekonferenz eine indische Kollegin neben mir, die von unserem Außenminister schwärmte. Ich habe erst nicht so richtig verstanden, was sie meinte, und ihr erklärt, dass Heiko Maas in Deutschland eher als Underperformer gilt. Dann kam sie auf seine Schuhe, seinen Anzug und überhaupt die Attraktivität des ganzen Mannes zu sprechen. Ich habe davon abgesehen, ihr zu erklären, dass in Deutschland über seine Optik und seine Selbstdarstellung gelästert werde.

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Der stilvolle Außenminister in den gut sitzenden Anzügen: Das Auftreten des ehemaligen Ministers Heiko Maas (SPD) kam nicht bei allen gut an.

Der stilvolle Außenminister in den gut sitzenden Anzügen: Das Auftreten des ehemaligen Ministers Heiko Maas (SPD) kam nicht bei allen gut an.

Wie ein Volk seine politische Führung sehen möchte oder welche Äußerlichkeiten eher gut ankommen, ist eben eine Frage der Kultur. In Frankreich und in Italien tragen die Spitzenpolitikerinnen Stil, Schick und gerne auch ein wenig Sexappeal. In Deutschland geht die weibliche und männliche politische Führung ganz überwiegend mit praktischen mal mehr, mal weniger gut sitzenden Anzügen auf Nummer sicher.

Nun gibt es eine Debatte über Verteidigungsministerin Christine Lambrecht. Sie dreht sich nicht nur um ihren Hubschrauberflug mit der Luftwaffe nach Norddeutschland gemeinsam mit ihrem Sohn, wo sie erst einen Truppenbesuch absolvierte und dann den kurzen Weg nach Sylt in den Urlaub nahm. Der Vollständigkeit halber sei noch einmal darauf hingewiesen, dass der Flug von Lambrechts Sohn privat von diesem bezahlt wurde.

Pumps im Wüstensand: Das Outfit einer Politikerin sollte eigentlich keine Rolle spielen. Da Verteidigungsministerin Christine Lambrecht ohnehin angeschlagen ist, bietet ihre Wahl besonders unpraktischen Schuhwerks aber noch weitere Angriffsfläche.

Pumps im Wüstensand: Das Outfit einer Politikerin sollte eigentlich keine Rolle spielen. Da Verteidigungsministerin Christine Lambrecht ohnehin angeschlagen ist, bietet ihre Wahl besonders unpraktischen Schuhwerks aber noch weitere Angriffsfläche.

In der Debatte um Lambrecht geht es nun auch um ihre rot lackierten Fingernägel und um das Tragen von Pumps im Wüstensand. Muss sie doch wirklich selbst wissen. Ihre Entscheidung. Wohl wahr. Allerdings nehmen viele Soldatinnen und Soldaten eine solche Optik beim Truppenbesuch als Distanz der Ministerin zu ihrer Arbeit wahr. Auch das wäre leicht verschmerzbar, wenn Lambrecht ansonsten in ihrem Amt glänzen würde. Das allerdings ist mitnichten der Fall. An dieser Stelle stößt die Tiefenbohrung zum Thema Optik auf Grund: Wenn es um die Pumps beim Truppenbesuch geht, geht es eben nicht nur um das angemessene Schuhwerk auf unbefestigtem Boden, sondern um die Performance der Ministerin insgesamt. In dem Fall hängt sich die Kritik nur an den Schuhen auf. Festes Schuhwerk wäre also schlicht ein Angriffspunkt weniger.

Verteidigungsministerin lässt Sohn mitfliegen: Wachsende Kritik an Christine Lambrecht

Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) hat bei einer Dienstreise ihren Sohn mitgenommen. Der Unmut wächst.

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Das Minimieren von Angriffspunkten erklärt wiederum die überwiegend unspektakuläre Optik der Politikerinnen und Politiker in der ersten Reihe. Wobei sich Außenministerin Annalena Baerbock immer wieder Abweichungen vom Hosenanzug-Einerlei gönnt. Sie kann es sich erlauben: Baerbock steht hoch im Kurs – nicht nur weil der Boulevard ihren Kleidungsstil lobt. Auf internationalem Parkett ist sie absolut trittsicher, ihre Beliebtheitswerte sind mächtig gestiegen. Sie und Vizekanzler Robert Habeck gelten als die Aktivposten der Ampelregierung.

 

Politsprech

Man mag diesen Vorgang für unsensibel oder tölpelhaft halten.


Wolfang Kubicki,

Bundestagsvizepräsident

Im Fall Lambrecht lässt FDP-Politiker Wolfgang Kubicki den Anwalt durchscheinen. Er ist der Meinung, dass es formal an dem Flug der Ministerin und ihres Sohns nichts zu beanstanden gibt. In der Haltungsnote macht aber auch Kubicki Abzüge. „Tölpelhaft“, sagt er. Das ist innerhalb des eigenen Regierungslagers ein vernichtendes Urteil. Für Lambrecht ist die Lage brenzlig, weil sie niemand mehr offensiv in Schutz nimmt. Der höchste Zuspruch für sie beläuft sich auf die Feststellung, ihr sei formal kein Fehlverhalten anzulasten.

Wolfgang Kubicki (FDP), Bundestagsvizepräsident, spricht bei einer Veranstaltung in Hamburg.

Wolfgang Kubicki (FDP), Bundestagsvizepräsident, spricht bei einer Veranstaltung in Hamburg.

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Wie Demoskopen auf die Lage schauen

Zur Lage der Union ist der aktuelle Forsa-Wochenbericht sehr eindeutig. „Der Wahlerfolg der CDU in Schleswig-Holstein hat auch nur einen Namen: Daniel Günther“, schreibt der Chef des Meinungsforschungsinstituts, Manfred Güllner. Damit bringt er zum Ausdruck, dass es jedenfalls keinen Rückenwind für Schleswig-Holstein aus Berlin gab. Der Forsa-Umfrage zufolge meinen nur 13 Prozent, dass Oppositionsführer Friedrich Merz der bessere Kanzler wäre. Selbst von den Anhängerinnen und Anhängern der Union glaubt nach Erkenntnis der Meinungsforscher nur eine Minderheit von 42 Prozent, dass Merz ein besserer Kanzler wäre als Scholz.

Skeptisch sind die Bürgerinnen und Bürger in der Frage der Wirksamkeit eines Ölembargos. Nur 10 Prozent meinen, dass es den russischen Präsidenten zum Einlenken im Ukraine-Krieg bewegen könnte.

Der bundesweite Trend zeigt Union und SPD weiter schwach und die Grünen mit warmer Luft unter den Flügeln.

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Kommentar von Kristina Dunz: Putins entlarvende Lügen

Hintergrund: Wachsende Kritik an Christine Lambrecht

Bericht über den Besuch von Außenministerin Annalena Baerbock in Kiew

 

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Das Autorenteam dieses Newsletters meldet sich am Samstag wieder. Dann berichtet meine Kollegin Kristina Dunz. Bis dahin!

Bleiben Sie informiert.

Herzlichst

Ihre Eva Quadbeck

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