Pharmaengpässe drohen

Westliche Arzneimittel in Russland: nicht sanktioniert, aber doch verwehrt

Russland, St. Petersburg: Ältere Kundinnen und Kunden stehen in einer Apotheke Schlange, um die von ihnen benötigten Medikamente zu kaufen.

Russland, St. Petersburg: Ältere Kundinnen und Kunden stehen in einer Apotheke Schlange, um die von ihnen benötigten Medikamente zu kaufen.

Moskau. Tatjana Andreewa kann es vor Glück kaum fassen. In einer Moskauer Apotheke bekam sie jetzt wieder Euthyrox ausgereicht – nach ergebnisloser Suche nach dem Präparat über Wochen hinweg. Vor einigen Jahren hatte ihr ein Endokrinologe das Mittel des deutschen Pharmaherstellers Merck verschrieben, doch seit dem Angriff russischer Truppen auf die Ukraine am 24. Februar war diese spezielle Arznei gegen die Schilddrüsenunterfunktion in der russischen Hauptstadt plötzlich nirgendwo mehr zu bekommen.

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„Als der Westen Ende Februar Sanktionen gegen Russland verfügte“, sagte die pensionierte Lehrerin dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), „verschwanden Euthyrox und viele andere importierte Medikamente aus den Apothekenregalen, da viele Menschen begannen, sich für die Zukunft einzudecken.“

Ein Problem, das es eigentlich gar nicht geben dürfte

Dass sie nun doch wieder frischen Nachschub des Hormons in den Händen hält, führt die 64-Jährige darauf zurück, dass sie sich beim Arzt ein Rezept dafür ausstellen ließ: „Eigentlich war Euthyrox bei uns immer ohne Verschreibung erhältlich, aber weil die Kunden mit dem Horten anfingen, geben es die Apotheken nur noch gegen ärztliche Verordnung heraus. So stellen sie sicher, dass es die Bedürftigen auch wirklich bekommen.“ Andreewa beschreibt ein Problem, dass es eigentlich gar nicht geben dürfte. Denn westliche Pharmakonzerne haben sich den Sanktionen gegen Russland aus humanitären Gründen nicht angeschlossen.

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Erst circa drei Wochen nach Beginn der militärischen Auseinandersetzung in der Ukraine äußerten sich große Arzneimittel-Hersteller wie Pfizer, Bayer und Eli Lilly überhaupt kritisch zu den Geschehnissen und gaben neben anderen Erzeugern nach und nach bekannt, ihre Produktion in Russland vorübergehend einzustellen.

In der modernen Geschichte wurde die Lieferung von Lebensmitteln und Medikamenten selbst in Zeiten schwerster Sanktionen nicht eingestellt.

Anton Gopka, Biotech-Investor

„Das heißt aber nicht“, stellt der Biotech-Investor Anton Gopka in einem Interview mit dem unabhängigen russischen Nachrichtenportal „The Bell“ klar, „dass Unternehmen den Zugang zu ihren Arzneimitteln beschränken werden. In der modernen Geschichte wurde die Lieferung von Lebensmitteln und Medikamenten selbst in Zeiten schwerster Sanktionen nicht eingestellt.“

Und doch sind für viele Patienten zwischen Smolensk und Wladiwostok Medikamente derzeit nicht zu bekommen. Das liegt nicht nur an den Hamsterkäufen, die Andreewa beklagt, sondern auch an der Unterbrechung von Lieferketten nach Russland. Diese begann Ende Februar, als die EU ihren Luftraum für russische Flugzeuge sperrte, worauf Russland mit Flugverboten für Airlines aus mehr als 30 Ländern reagierte.

Belieferung und Bezahlung wird schwerer

Mitte März gab der russische Verkehrsminister Witalij Saweljew bekannt, dass Russland nun auch Flugzeuge russischer Airlines in seinem Flugregister erfasst, die von ausländischen Unternehmen geleast wurden.

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Das löste bei den westlichen Eigentümern dieser Maschinen Befürchtungen aus, sie als Aktivposten in ihren Bilanzen abschreiben zu müssen, weil sie sich der Verfügungsgewalt über ihre Flugzeuge nicht mehr sicher sein können. In der Folge zogen sich führende Logistikunternehmen aus dem russischen Markt zurück, unter ihnen auch solche, die bisher Medikamente nach Russland lieferten.

Und auch die Pharmaindustrie, die in Russland angesiedelt ist, steht vor einem neuen Problem. Wie die Tageszeitung „Kommersant“ im März meldete, seien die Vorräte für die Grundstoffe, aus denen Medikamente hergestellt werden, noch für drei bis sechs Monate vorhanden.

Nicht nur Lieferanten aus der EU betroffen

Danach könnte es passieren, dass Produzenten ohne das Rohmaterial dastünden, das zum großen Teil importiert werden muss. Denn die Lieferanten aus der EU, die 2021 circa 20 Prozent der russischen Rohstoffimporte für Arzneimittel beigesteuert hätten, würden inzwischen nicht mehr liefern, weil die Zahlungsabwicklung aufgrund der westlichen Sanktionen im Finanzsektor praktisch nicht mehr möglich sei.

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Habeck spricht sich für weitere Sanktionen gegen Russland aus

Bundeswirtschaftsminister Habeck lehnt zwar ein sofortiges Energie-Embargo gegen Russland weiterhin ab, weitere Sanktionen seien dennoch wichtig.

Aber auch bei den Exporteuren aus Indien und China, die bislang mit etwa 77 Prozent für den Löwenanteil der Importe an Pharmaausgangsstoffen nach Russland eingestanden hätten, sei es mit der Bezahlung schwieriger geworden. Selbst bei langjährigen Geschäftspartnern würde nun auf Vorauskasse bestanden, weil die Abwicklung von Transaktionen in Dollar indirekt von den westlichen Sanktionen betroffen sei.

Nach der Veröffentlichung des Artikels versicherte das russische Ministerium für Industrie und Handel zwar schnell, dass bei lebenswichtigen Präparaten Reservebestände in Form von Fertigprodukten und Ausgangsstoffen für ein Jahr vorhanden seien, doch die scharfe Abwertung des Rubels wird den Einkauf von Arzneimittel-Grundsubstanzen auf jeden Fall deutlich verteuern – und damit auch Medikamente in Russland.

Engpässe in allen Bereichen

Wie auch immer die derzeitigen Schwierigkeiten bei der Medikamentenbeschaffung in Russland zu begründen sind – sie treffen eine Bevölkerung, die in der Hinsicht ohnehin gebeutelt ist. Denn die einheimische Pharmaindustrie ist relativ klein und die meisten der wirksamen Medikamente, die in Russland verschrieben werden, stammen von ausländischen Herstellern, deren Produkte schon immer nicht ohne Weiteres in russischen Apotheken zu erhalten waren: Gesetzliche Preisobergrenzen machen es für die führenden Hersteller im Westen seit jeher nicht attraktiv, den russischen Markt zu beliefern.

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Dass die Versorgung mit wirkungsvollen Medikamenten sichergestellt ist, hat in der russischen Bevölkerung daher einen viel höheren Stellenwert als in Deutschland, wo es normal ist, jedes erdenkliche Präparat sofort zu bekommen.

Weiterer Zeitungsbericht sorgt für Unruhe

In so einer Situation sorgt eine Befragung von 3317 Ärztinnen und Ärzten in ganz Russland für Unruhe, die die Wirtschaftszeitung „Vedomosti“ kürzlich veröffentlichte. Die Mediziner berichteten von Engpässen in allen Bereichen, von entzündungshemmenden und antiepileptischen oder krampflösenden Medikamenten bis hin zu Antidepressiva, oralen Empfängnisverhütungsmitteln, von Insulinen und Medikamenten zur Behandlung einiger Arten von Diabetes.

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Experten halten es für möglich, dass sich die russischen Importmärkte und die einheimische Produktion anpassen werden, nachdem der Schock über die Sanktionen und den Rückzug westlicher Unternehmen abgeklungen ist.

Indien beispielsweise verfügt über eine umfangreiche Industrie zur Herstellung von Generika und hat sich den vom Westen verhängten Sanktionen nicht angeschlossen. Ob das das ohnehin fehlende Grundvertrauen in der russischen Bevölkerung in die Versorgung mit Medikamenten herstellen kann, bleibt abzuwarten.

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