Wie US-Gemeinden ihre leerstehenden Gefängnisse umwidmen

Die Häftlingszahlen sind in den USA gesunken.

Die Häftlingszahlen sind in den USA gesunken.

Washington. Filmstudio, Unterkunft für Obdachlose oder Lagerstätte für Dokumente: In den USA bekommen geschlossene Gefängnisse ein zweites Leben. Die Zahl der Häftlinge im Land ist stark gesunken. Die Kriminalität geht zurück, und für nichtgewalttätige Vergehen wie Drogendelikte werden zunehmend Alternativen zur Haft gesucht.

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Landesweit müssen sich Gemeinden nun überlegen, was sie mit den leerstehenden Anlagen anfangen wollen, so etwa auch mit der im Juni schließenden Northern Correctional Institution in Connecticut, in der einst die Todesstrafe vollstreckt wurde.

Laut der US-Behörde für Justizstatistik ist seit 2009 der Anteil der Bürgerinnen und Bürger in Gefängnissen um 17 Prozent gesunken, auch weil im vergangenen Jahr wegen der Pandemie viele Insassen beurlaubt wurden, die zur Risikogruppe zählen. Die Zahl der Inhaftierten in den Gefängnissen ging von rund 2,1 Millionen im Jahr 2019 auf rund 1,8 Millionen Ende 2020 zurück. Das geht aus Zahlen des gemeinnützigen Vera Institute of Justice hervor.

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Zwar wurden einige neue Haftanstalten gebaut, doch viele US-Staaten fahren herunter: So schlossen sie zwischen 2011 und 2016 insgesamt 94 ihrer Gefängnisse und Jugendstrafanstalten, wie das Sentencing Project angibt, eine gemeinnützige Organisation, die die Schließungen von Gefängnissen dokumentiert. Deren Kampagnenchefin Nicole Porter sagt: „Angesichts der sinkenden Kriminalitätsraten, Corona und Haushaltskrisen wird auch in anderen US-Staaten darüber diskutiert, Gefängnisse zu schließen.“

Nicht alle geschlossenen Haftanstalten werden komplett anders genutzt. Die Betreiber vieler privater Gefängnisse haben ihre Betten über Verträge mit der US-Einwanderungs- und Zollbehörde wieder belegt — mit Migranten, die sich unerlaubt im Land aufhalten oder abgeschoben werden sollen, wie Eunice Cho von der American Civil Liberties Union sagt: „Wenn Gefängnisse nicht umgewidmet oder abgerissen werden, besteht die Gefahr, dass sie immer einen Anreiz dafür bieten, mehr Menschen einzusperren.“

Von Obdachlosenunterkunft bis Filmstudio

Die lokalen Behörden in Gainesville in Florida sind bereits vor neun Jahren einen anderen Weg gegangen. Auf der Suche nach einer Lösung für die vielen Obdachlosen in der Gegend kam die Schließung des Gefängnisses aufgrund von Budgetkürzungen wie gerufen. Die Stadt kaufte die Anstalt, ließ den Stacheldraht entfernen, Bäume pflanzen und die Wände in hellen Farben streichen. Heute nennt sich das ehemalige Gefängnis Grace Marketplace und hält 135 Betten für Obdachlose vor.

„Wir sind die einzige Obdachlosen-Unterkunft im Universum, die den Immobilienwert beim Einzug gesteigert hat“, sagt Grace-Chef Jon DeCarmine. „Natürlich mussten wir umbauen, damit es funktionierte. Aber alles in allem überragt der Nutzen für die Gemeinde und die Menschen, um die wir uns kümmern, bei Weitem den Aufwand, in eine Anlage zu ziehen, die früher anderweitig genutzt wurde.“

Die ehemalige Arthur-Kill-Vollzugsanstalt auf Staten Island in New York dagegen wurde 2017 von den Broadway Stages gekauft und in ein Film- und Fernsehstudio umgewandelt. Vieles in dem Gefängnis wurde für Drehs beibehalten und verlieh so Serien-Produktionen wie „Orange is the New Black“ und „Ocean’s Eight“ die Authentizität.

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Fünf weitere Bühnen werden laut Sprecherin Samara Schaum auf dem 28 Hektar großen Gelände noch gebaut, sodass Produktionsfirmen ganze Projekte dort drehen können. 40 dauerhafte Jobs seien entstanden, und jede Produktion bringe noch einmal 200 bis 300 Menschen mit. „Und die gehen natürlich, so oft sie können, in örtliche Restaurants und Geschäfte“, sagt Schaum. „Ich weiß, dass dies einen positiven Einfluss auf die Wirtschaft hier hatte.“

Vom Gefängnis zum Lehrbauernhof

Auch im einstigen Scotland-Gefängnis in Wagram in North Carolina dauern die Umbauarbeiten nach der Schließung im Jahr 2001 noch an. Hier entsteht ein nachhaltiger Lehrbauernhof, Growing Change, für Jugendliche mit Problemen sowie Kriegsveteranen. Das Projekt begann 2011 als gemeinsames Unterfangen von Wohltätigkeitsorganisationen, der Stadt und örtlichen Universitäten und bietet unter anderem Kurse an über Bienenhaltung und Wurmkompostierung.

Ehemalige Gefängniszellen sind nun Aquaponik-Anlagen, und der Bauernhof verkauft seine eigenen Produkte wie Eier, Kompost und Tiere in der örtlichen Gemeinde. Die Jugendlichen im Projekt wollen außerdem den Wachturm in eine Kletterwand mit Seilrutsche umbauen, wie Noran Sanford sagt, der Gründer von Growing Change.

Das Projekt ist nun zum Vorbild geworden für andere Gemeinden mit ähnlichen Plänen, unterstützt von der Landwirtschaftlichen und Technischen Universität von North Carolina sowie der Kellogg-Stiftung. „Ich glaube, dass wir diese verrosteten Werkzeuge der Ungerechtigkeit auf kluge Weise wieder in Werkzeuge der Gerechtigkeit verwandeln sollten“, sagt Sanford.

RND/AP

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