Wie zwei Covid-Infizierte die soziale Ungleichheit in Peking offenlegen

Die soziale Ungleichheit Chinas wurde in der Hauptstadt Peking anhand zweier Covid-Infektionen deutlich.

Die soziale Ungleichheit Chinas wurde in der Hauptstadt Peking anhand zweier Covid-Infektionen deutlich.

Peking. Wie in kaum einer anderen Stadt in China prallen in Peking dekadenter Reichtum und bittere Armut krass aufeinander: Im Ausgehviertel Sanlitun fahren die Söhne von Parteibonzen ihre knallbunten Ferrari spazieren, während an den Straßenecken greise Frauen mit zerlumpter Kleidung um Almosen bitten.

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In gläsernen Einkaufszentren führen die Kundinnen Designertaschen bei sich, die das Jahresverdienst der Rezeptionisten am Eingang um ein Vielfaches übersteigen. Die Ungleichheiten sind an sich sichtbar, und dennoch werden sie von den Hauptstadtbewohnern selten öffentlich thematisiert.

Ausgerechnet die ersten zwei Covid-Infektionen des neuen Jahres haben nun eine längst überfällige Debatte ausgelöst, nachdem ihre Bewegungsprofile online veröffentlicht wurden: Da wäre die Frau aus dem gehobenen Haidian-Bezirk, wo die renommiertesten Schulen der Stadt angesiedelt sind. Ihre Tage scheinen einem nicht enden wollenden Marathonlauf zwischen Nobelrestaurants und Designerboutiquen zu gleichen. Und am Wochenende entspannte sich die Pekingerin beim Skifahren in den umliegenden Bergen.

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Kaum vier Tage später veröffentlichten die Behörden dann das Bewegungsprofil eines weiteren Infizierten: Der Mann aus dem Bezirk Chaoyang hatte innerhalb der letzten 14 Tage rund 30 unterschiedliche Tagelöhnerjobs angenommen: Er trug Zementsäcke, sortierte Abfälle und durchsuchte Müllhalden nach weiterverkäuflichen Metallen. Er arbeitete stets nach Mitternacht; sobald die ersten Pekinger eilig in ihre Büros huschen, holte Herr Yue in einer kleinen Abstellkammer seinen Schlaf nach. Das Zimmer hat sich der Chinese für umgerechnet 100 Euro pro Monat angemietet.

Virale Sensation, Millionen Klicks – und dennoch ohne Happy End

Chinas Nutzer auf den sozialen Medien horchten ob der extremen Diskrepanz auf. Sie legten die Bewegungsprofile der zwei Fremden nebeneinander – und waren selbst geschockt darüber, welch unterschiedliche Lebensrealitäten in ihrer Heimat gleichzeitig nebenher existieren.

Die lokalen Medien machten den 44-jährigen Mann ausfindig – und umgehend zur viralen Sensation, der online Hunderte Millionen Klicks generierte. Doch die Geschichte von Yue Zongxian wird dennoch kein Happy End haben: Der Fischer aus der Küstenprovinz Shandong zog erst vor zwei Monaten in die chinesische Hauptstadt, wo er die Suche nach seinem seit August vermissten Sohn fortgesetzt hat.

Dieser soll sich das Leben genommen haben, die örtliche Polizei hat Herrn Yue bereits den verwesten Körper eines jungen Mannes präsentiert. Der glaubt jedoch nicht daran, dass dies tatsächlich sein Sohn gewesen sein soll. Also suchte er weiter.

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Chinas Präsident propagiert trotzdem einen „gemeinsamen Wohlstand“

Es gibt deutlich mehr Herrn Yues in China, als es die glitzernden Wolkenkratzerfassaden von Shanghai und Shenzhen vermuten lassen. Vor zwei Jahren rief Premierminister Li Keqiang der Bevölkerung eine ernüchternde Statistik in Erinnerung: 600 Millionen Chinesen müssten nach wie vor mit unter 1000 RMB pro Monat zurechtkommen, das sind umgerechnet rund 140 Euro. Der Gini-Koeffizient, der die soziale Ungleichheit bemisst, ist in China ungefähr vergleichbar wie in den Vereinigten Staaten.

Für die herrschende Partei, die sich nach wie vor „kommunistisch“ nennt, ist dies längst zum Problem geworden. Xi Jinping wiederholt in seinen Reden derzeit kaum ein Schlagwort öfter als den „gemeinsamen Wohlstand“, der oberste Priorität genießen würde. Das wirtschaftliche Wachstum solle endlich auch bei denjenigen ankommen, die bisher wenig von Chinas Aufstieg profitierten – allen voran die Landbevölkerung, die nur über rund ein Drittel des Einkommens im Vergleich zu den Großstädtern besitzt.

Die Leidensgeschichte von Yue Zongxian löste unter vielen Chinesen derartige Empathie aus, dass sie den 44-Jährigen mit virtuellen „hongbao“ überhäuften. Die „roten Briefumschläge“ schlug Yue allerdings allesamt aus. Er wolle keine Spendengelder aus Mitleid erhalten. Zudem, so sagte er den Medien, sei es die Verantwortung eines jeden, hart zu arbeiten und sich um seine Familie zu kümmern.

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