Haben Sie einen Putzfimmel?

Erfolg als Autor ebenso wie als Musiker: Sven Regener über das Berlinern, seinen Helden Herrn Lehmann und sein neues Buch “Wiener Straße“.

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Berlin. Die Berliner Begriffe Icke und Späti sind gerade in den Duden aufgenommen worden. Was halten Sie davon?

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Mit dem Duden habe ich nicht viel zu tun. Die Begriffe hat es auch schon vorher gegeben, und ob sie nun im Duden stehen, ist wohl eher egal. Das Berliner Idiom hat aber etwas Besonderes, und das spielt ja auch in meinem neuen Roman “Wiener Straße“ eine Rolle. Denn das Berlinern ist ein untypischer Dialekt, weil man ihn nicht dauerhaft sprechen kann. Das wäre zu nervtötend und würde den Sprecher sofort zum Volltrottel machen. Selbst richtige Icke-kieke-Leute können das nicht die ganze Zeit durchhalten. Das Berlinern wird eher verwendet, um bestimmte Sätze oder Satzteile einer Rede besonders zu betonen. Als Geschmacksverstärker quasi, oder auch, um Unsicherheit zu überspielen. Oder um sich als Doofer zu tarnen, weil es immer gleich so prollig rüberkommt. In meinen literarischen Dialogen fungiert das Berlinern vor allem als Aggressionsanheizer.

“Wiener Straße“ spielt in den Achtzigerjahren: Berlinern war damals noch kein Fall für das Wörterbuch, sondern eine Lieblingsbeschäftigung der vielen Neuberliner. Sie beschreiben da eine schöne Szene im Baumarkt: Die Figur H. R. regt sich darüber auf, dass der Verkäufer nicht konsequent berlinert. Schreiben Sie da aus eigener Erfahrung, nervt Sie aufgesetztes Berlinern?

H. R. ist nicht wirklich genervt. Es ist ein Kampf: Der Baumarktmitarbeiter greift zum Berlinern und sagt damit: “Icke habe hier Millionen Menschen hinter mir, zu denen du nicht dazujehörst.“ Das ist ja auch eine Funktion von Dialekten, dass man andere ausgrenzt. H. R., schlägt zurück, indem er wie beim Kampfsport die Kraft des Angreifers gegen ihn benutzt und ihn damit aus dem Tritt bringt.

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Berlinern Sie selbst manchmal?

Nein, oder nur aus Jux. Berlinern ist ein Stilmittel im Dialogkampf, das ich nicht verwende. Wenn ich in meine alte Heimat komme oder unsicher bin, kommt aber das Bremerische stärker hervor.

Der Roman versetzt den Leser in die Achtzigerjahre und nach West-Berlin, Sie gründeten dort zu dieser Zeit die Band Element of Crime. Welche Aspekte dieses Lebens vermissen Sie am meisten?

Ich war damals 35 Jahre jünger, in den Zwanzigern, das ist dann schon ein anderes Leben, wenn man so jung ist. Nicht unbedingt besser, aber anders. Eins, das ich beim Schreiben eines solchen Romans dann wieder zum Leben erwecke. “Nostalgie ist eine Zeit, die es nie gab“, sagt man, und da ist was dran. Ich denke zwar gern daran zurück, aber sentimental bin ich dabei nicht.

Inzwischen haben Städte wie Leipzig Berlin den Rang als Kultort abgelaufen. Verhindert die immer mehr um sich greifende Altberlinnostalgie die Erneuerung der Stadt?

Nein. Zum Kult wird man ja eher in der medialen Beobachtung. In Leipzig ist das Leben vielleicht noch ein bisschen leichter und unbeschwerter. Übrigens habe ich gehört, dass Halle an der Saale immer mehr zum Kultort wird, wegen all der Studenten. Ich habe viele junge Leute getroffen, die gesagt haben, da sei ’ne Menge los. Kann man glauben, kann man lassen.

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Im Roman wird an einer Stelle verbrannter Kuchen als Kunstobjekt verkauft – mit Erfolg. Kommen Sie sich als Künstler auch manchmal vor wie ein genialer Hochstapler?

Wieso, weshalb soll das Hochstapelei sein? Wenn Joseph Beuys einen Stuhl mit Fett beschmiert und in die Ecke stellt, dann ist das auch Kunst, weil er es sagt. Man kann das auch blöd finden, so wie die Menschen damals Van-Gogh-Bilder für Gekleckse gehalten haben. In der Kunst ist Ablehnung ohnehin der häufigere Fall als Zustimmung. Die Achtzigerjahre waren eine Zeit der Entakademisierung von Kunst. Diesen ganzen spießigen “Was-will-der-Künstler-uns-damit-sagen“-Mist lehnte die Szene größtenteils ab, das war erfrischend.

Der Roman spielt teils im Milieu der Hausbesetzer, allerdings sind diese bei Ihnen in Wahrheit österreichische Aktionskünstler. Hausbesetzen als Kunstform, hat diese Idee heute noch Bestand?

Die wirkliche Hausbesetzerszene aus den Achtzigerjahren kommt in diesem Roman gar nicht vor. Es handelt sich bloß um die Simulation einer Hausbesetzung von Aktionskünstlern. Diese Kunstszene wollte mit den Hausbesetzern gar nichts zu tun haben, die Hausbesetzer wurden von denen eher als Hippies abgetan. Beides waren Parallelwelten, die kaum miteinander in Berührung kamen.

Sie haben einige Hörbücher eingelesen, neben Ihren eigenen Werken zuletzt Texte von Franz Kafka. Was verbinden Sie mit diesem Schriftsteller?

Ich habe Kafka mit großem Gewinn gelesen, sein Humor und seine Erzählweise sind mir sehr nah. Die sich ständig steigernde Erregung des Erzählers bis hin zur Hysterie ist ein Stilmittel, das auch bei mir zu finden ist. Na ja, und bei vielen anderen natürlich auch.

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Die Verfilmung Ihres Romans “Magical Mystery“ ist jüngst ins Kino gekommen. Die Geschichte dreht sich um Techno. Haben Sie selbst Erfahrungen damit?

Man konnte dem gar nicht entkommen, Techno war schließlich in den Neunzigerjahren die vorherrschende Musikrichtung. Und zwar in dem Maße, dass man denkt, heute gäbe es sie gar nicht mehr. Das stimmt aber nicht, sie ist lediglich nur mehr eine von vielen. Ich habe mich quasi in die Szene eingeheiratet, meine Frau Charlotte Goltermann war eine große Nummer in der Elektroszene. Durch sie bin ich auf all die großen Raves geraten.

Haben Sie sich dafür auch in Neonklamotten geschmissen?

Nein, das musste man ja auch gar nicht. Das war nur das Lieblingsmotiv deutscher Fotoreporter. Der Hamburger Künstler 4000, der früher die Urban-Lounge bei der Mayday und jetzt in meinem Auftrag das Cover von “Wiener Straße“ gestaltet hat, ist ein großer Raver, und der läuft immer so alltäglich rum wie ich jetzt gerade.

Mit der Band Element of Crime gehen Sie musikalisch aber andere Wege ...

Die Welten sind gar nicht so unterschiedlich, wie man immer meint. Partys feiern und Nächte durchmachen – das kennt auch jeder Rockmusiker. Und die Floskel “Das rockt“ ist auch im Elektrobereich üblich. Am Ende sind wir alle Musiker. Warum künstliche Mauern hochziehen?!

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In den früheren Filmen wurde die Rolle des Karl Schmidt, der jetzt die Titelfigur ist, von Detlev Buck gespielt. Der ist bei Ihnen auch zu sehen, allerdings als Technomanager Ferdi, während Schmidt von Charly Hübner gespielt wird. Weshalb dieser Rollentausch?

Karl Schmidt ist in dem Roman etwa 35 Jahre alt und Ferdi über 50, von daher ist Hübner/Buck schon die richtige Altersverteilung. Ich wollte erst gar nicht, dass Buck schon wieder mitspielt. Aber dann hat mir der Regisseur einen Filmschnipsel vom Casting gezeigt, und das war wahnsinnig gut und überzeugend. Detlev Buck ist ein ausgezeichneter Ferdi!

Sie kommen nach einem Abstecher um die Figur Karl Schmidt nun wieder zu Ihrem bekannten Protagonisten Frank Lehmann zurück, der im Roman jedoch auch nur eine von vielen Personen ist. Er wird hier vor allem bei einer Beschäftigung gezeigt: dem Putzen im Café Einfall. Haben Sie selbst einen Putzfimmel?

Frank Lehmann hat eine ganz besondere Qualität: Wenn er irgendwas macht, dann macht er es gern, gründlich und gut. Selbst Kloputzen. Deshalb kauft er sich auch erst mal die richtigen Putzmittel. Das ist das Yogihafte an ihm: Selbst eine unglamouröse Arbeit nimmt er ernst. Tiefer, als in einer Kneipe die Toiletten zu putzen, kann man jobmäßig ja kaum stehen. Ich habe das in den Achtzigerjahren selbst gemacht – im Café Swing am Nollendorfplatz. Ein Freund von mir hat da jeden Tag geputzt. Als er mal Urlaub machen wollte, bin ich eingesprungen. So gewissenhaft wie Frank Lehmann war ich dabei allerdings nicht. Seine Haltung finde ich bewundernswert, ich wäre selbst gern so.

Von Nina May

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