Finanzminister heiratet Franca Lehfeldt

Lindners Luxus­hochzeit: Warum die Sylt­sause nicht in die Zeit passt

Die Journalistin Franca Lehfeldt und Finanzminister Christian Lindner (FDP) heiraten auf Sylt.

Die Journalistin Franca Lehfeldt und Finanzminister Christian Lindner (FDP) heiraten auf Sylt.

Natürlich: Auch ein Bundesfinanzminister hat das Recht auf ein bisschen häusliches Glück. Christian Lindner (43) heiratet also seine Franca Lehfeldt (33). 140 Gäste feiern drei Tage lang. Man trifft sich ab Donnerstag auf Sylt. Erst erfolgt die standesamtliche Trauung durch den parteilosen Bürgermeister der Gemeinde Sylt in Keitum, meldet die Deutsche Presse-Agentur. Dann sei, so heißt es, ein Festschmaus im Restaurant Vogelkoje geplant. Am Freitag folge der Polterabend, am Samstag die kirchliche Trauung in der evangelischen Kirche St. Severin mit Luxusmahl im Society-Lokal Sansibar. So weit, so privat, gewiss doch.

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Aber wie privat kann eine Sause sein, zu der sich die halbe Berliner Politikbubble im Krisensommer 2022 auf Deutschlands elitärster Insel versammelt und drei Tage lang tanzt und schlemmt? Und das nur zwei Tage, nachdem Kanzler Olaf Scholz sein zermürbtes Volk auf eine weitere „lange Krise“ einschwor? Auch Scholz ist geladen, außerdem CDU-Chef Friedrich Merz (66), Wolfgang Kubicki (70, FDP) und Armin Laschet (61) – plus die FDP-Minister der Ampelregierung: Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (54) und Bundesjustizminister Marco Buschmann (44). Dazu, so melden es „Bild“ und RTL, kommen Spitzenkräfte aus Kultur, Sport und Gesellschaft wie Dressurreiterin Isabell Werth (52), Philosoph Peter Sloterdijk (75) als Trauredner und TV-Moderator Heiner Bremer (80). Es ist ein Who’s who der Berliner Republik.

Die Politprominenz trifft sich zur Champagnersause

Die Hochzeitsgesellschaft residiert demnach im Fünfsternehotel Severins Spa Resort direkt am Watt (Preise: 390 bis 3500 Euro pro Nacht). In der Vogelkoje speist man à la carte. Man serviert dort zum Beispiel sechs Sylter Wild-Austern (30 Euro), Vitello tonnato (24 Euro) oder Pasta mit Sommertrüffel (45 Euro). Lindner lässt es also krachen – bewacht von Personenschützern, Hundestaffeln und Scharfschützen, die die Politprominenz schützen – und wohl auch neugierige 9‑Euro-Touristen, Journalisten oder Punks auf Freibiersuche aus der weiträumig abgesperrten Partyzone verscheuchen. Immerhin: Auf eine Hochzeit in der Toskana verzichtete das Paar offenbar. Zu teuer, zu aufwendig.

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Und dennoch. Sylt. Austern. Luxus. Fünf Sterne. Sansibar. Steuergeld. Drei Tage Party. Es sind diese Reizworte, die den Puls vieler Normalsterblicher beschleunigen, die sich gerade hadernd über ihre Gasrechnungen beugen. Erste Vermieter rationieren stundenweise das Warmwasser in Mietwohnungen, aber die Berliner Politikbubble trifft sich zur Champagnersause auf der Porschefahrerinsel? Man möge doch bitte kürzer duschen und weniger heizen – aber Deutschlands oberster Kassenwart feiert auf Sylt, dass die Schwarte kracht?

Die Sansibar ist ein prominentes Ausflugslokal in den Dünen der Sylter Westküste.

Die Sansibar ist ein prominentes Ausflugslokal in den Dünen der Sylter Westküste.

Eine Party als Politikum

Es ist nicht Sozialneid, was derlei Kopfschütteln auslöst. Aber sollte es Lindner darum gegangen sein, das perfekte Symbol zu finden für die Weltentrücktheit und Distanz zur Lebenswirklichkeit von Millionen Deutschen, die ihm politische Gegner oft vorwerfen – so ist ihm dies geglückt. Ein leiser Hauch von „Der Kongress tanzt!“-Unmut weht durchs Land, als Europas Hofgesellschaften sich nach dem Sieg über Napoleon 1815 in Überfluss und rauschenden Bällen überboten, statt ihren Job zu machen, den Kontinent politisch neu zu ordnen und ihre hungernden Völker zu besänftigen. Die da oben – wir da unten. Es ist eine Party als Politikum.

Kronzeugin der Anklage ist Komikerin Ilka Bessin, lange Jahre als „Cindy aus Marzahn“ unterwegs und in dieser Funktion herzensgute und pinkfarbene Sprecherin des Plattenbauprekariats in jenen Teilen Deutschlands, in denen schon eine warme Mahlzeit am Tag Luxus ist. „Ich lese gerade die Einladungsliste der Hochzeit von Herrn Christian Lindner“, schrieb sie bei Instagram. „Es kommen viele wichtige Gäste. Glückwunsch. Ich versteh nur nicht, warum wir von unseren Steuergeldern die Sicherheitskräfte bezahlen müssen.“ Es sei schließlich eine private Veranstaltung und sollte auch so finanziert werden. „Wäre ein tolles Statement, wenn man das Ganze selbst bezahlen würde.“

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Den Schutz zahlt der Steuerzahler

Auch Pro-Sieben-Entertainer Sebastian Pufpaff („TV total“) kritisiert Lindners Hochzeitspläne: „Lindner regt sich über Witze zu seiner Hochzeit auf?“, twitterte er. „Wenn ein Finanzminister eine Fernsehjournalistin auf DER Reicheninsel der Deutschen heiratet und dann von harten Zeiten spricht, ist das der größte Witz.“ Er selbst ist nicht eingeladen, fand aber eine Lösung: Pufpaff mietete sich in seiner Show per Telefon für die Nacht vom 8. zum 9. Juli zwei Strandkörbe – direkt vor der Sansibar.

Für den Personenschutz deutscher Bundespolitiker sind beim Bundeskriminalamt rund 500 Beamte in der „Abteilung SG – Sicherungsgruppe“ eingesetzt, bezahlt nach der Bundesbesoldungsordnung. Der Sold liegt je nach Berufsjahren und Aufgaben zwischen 3000 und 5000 Euro brutto. Der bisher größte Einsatz der „Sicherungsgruppe“ war der G20-Gipfel 2017 in Hamburg. Zum Schutz von 100 Spitzenpolitikern und 25 Gebäuden waren damals 2500 Beamte von BKA, Bundespolizei und anderen Behörden im Einsatz. Über einen möglichen Mehraufwand durch Lindners Party gab es keine Angaben.

Das politische Signal aus der Sansibar

Nur wenige Tage ist es her, dass Lindner selbst vor einer „ernst zu nehmenden Wirtschaftskrise“ und „drei bis vier, vielleicht fünf Jahren der Knappheit“ warnte. Nun feiert er mitten in der grassierenden Inflation eine durchaus glamouröse Privatparty. Das ist zweifellos nicht unzulässig, aber die politische Botschaft, die von diesem Fest ausgeht, ist doch bitter. Denn Lindner ist nicht nur Privatmensch und nicht nur der Finanzminister der Besserverdienenden. Gewiss ist die Alternative nicht, sich zu Würstchen und Kartoffelsalat in Sack und Asche im Schrebergarten zu treffen. Aber ein bisschen mehr politische Stilsicherheit hätte man dem Mann, der sonst so sehr auf seine Außenwirkung bedacht ist, doch zugetraut.

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Man kann nicht einerseits mit einem lapidaren Tweet den ohnehin schon gebeutelten Normalverdienern „mehr Überstunden“ abfordern und gleichzeitig ein solches Spektakel auf Sylt inszenieren. Gewiss: Lindner feiert nicht mit 10.000 Gästen in Dubai, sondern mit 140 auf Sylt. Doch so lautet das politische Signal aus der Sansibar: Stell Dir vor, es ist Krise – aber eben nicht für alle.

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