Verdient Raab bei Ihnen mit?

Schwarzwälder Soul: Der 35-Jährige Max Mutzke ist ein vielseitiger Sänger und Aktivist für Vielfalt.

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Hannover. Herr Mutzke, bei mir fing er mit 18 an, der Haarausfall. Und bei Ihnen?

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Mit 15.

Viele scheren die Reste auf Stephan-Remmler-Länge: 0,8 Millimeter.
Sie bevorzugen Mütze?

Nur bei öffentlichen Auftritten, also bei Konzerten und Interviews, privat nicht. (Mutzke nimmt die Mütze ab, man sieht eine Stephan-Remmler-Frisur). Die Mütze gibt eine andere Kopfform. Auf der Bühne gefalle ich mir mit Mütze tatsächlich besser. Die letzten drei Songs aber singe ich immer ohne. Weil ich nicht will, dass die Leute denken, dass ich mich für irgendetwas schäme. Vor allem ist die Mütze aber eine Hommage an den Soul, die Musik, die ich liebe.

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Am Anfang trugen Sie noch keine ...

Es geht mir nicht darum, etwas zu kaschieren. Bei den ersten Fernsehauftritten störten sich die Maskenbildner zum Beispiel an meinen zusammengewachsenen Augenbrauen. “Soll ich das wegrasieren?“, wurde ich immer wieder gefragt. Auf keinen Fall! Die sind für mich wie ein Familienwappen. Mein Opa hatte sie auch. Sie sind etwas ganz Besonderes, etwas Individuelles. Zwar hatte ich bei Mädchen anfangs keine Chance, weil ich nicht wie die Typen in der “Bravo“ aussah. Aber später haben sie erkannt, dass viele “Bravo“-Typen Mitläufer sind, die sich ein Skateboard nur kaufen, weil es gerade in ist. Ich habe da nicht mitgemacht. Ich spielte Schlagzeug in einer Band. Dass ich anders war, mich nicht verbog, hat auch den Start meiner Karriere erleichtert.

Das ist inzwischen 13 Jahre her. Sie waren ein Shootingstar.

Ja. Ich war ein Jahr lang total angesagt, lief ständig im Radio, trat in jeder Fernsehshow auf. Aber man hatte mich gewarnt: “Gewöhn dich nicht daran. Das hat nichts mit der Realität zu tun.“ Und tatsächlich, irgendwann hatten die Medien kein Interesse mehr. Ich war nun mal das Castingprodukt 2004, und schon 2005 gab es ein neues. Dem Senkrechtstart folgte die harte Landung, und ich machte anschließend all das, was ein Musiker normalerweise macht, um bekannt zu werden. Ich spielte in kleinen Clubs, trug dabei jedoch drei für jeden sichtbare Tätowierungen: Castingshow-Gewinner, Song-Contest-Teilnehmer, Stefan-Raab-Geschöpf.

Bereuen Sie etwa, dass Sie damals bei Stefan Raab vorgesungen haben?

Nein. Die ersten beiden Jahre empfinde ich rückblickend wie das Abitur. Sie sind mein Fundament. Ohne diese Zeit wäre ich nicht der, der ich heute bin. Aber ich musste mich emanzipieren, mich durchkämpfen, und das hat auch funktioniert. Ich erkenne das an meinem Terminkalender, den Radioeinsätzen, Einladungen in TV-Shows, Zuschauerzahlen bei Konzerten und dem Kontostand.

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Singen Sie "Can't Wait Until Tonight", den Song, mit dem Sie im Jahr 2004 beim Eurovision Song Contest
antraten, immer noch gern?

Ja, weil ich spüre, dass der Song den Menschen viel bedeutet. Viele singen mit, manche können sogar die Strophen. Das ist total erstaunlich, wenn man bedenkt, wie lange das her ist. Ich bin froh, dass mein erster Hit keine peinliche Teenienummer war, die ich jetzt, mit 35, nicht mehr singen kann.

Ist es wie beim Fußball, wo der Ausbildungsverein davon profitiert, wenn der Nachwuchsspieler beim neuen Club voll einschlägt? Verdient Raab bis heute an Ihren Auftritten mit?

Man unterschreibt einen Vertrag, der eine gewisse Zeit gilt. Danach überlegt man, ob man verlängert. Warum nicht, wenn alle davon profitieren? Als Stefan Raab aktiv war, war es ja jederzeit möglich, dass ich bei “TV total“ oder “Schlag den Raab“ auftrete. Aber das ist schon lange nicht mehr so. Schlimm finde ich 360-Grad-Deals, die Künstler heute bei einer Plattenfirma unterschreiben. Diese verdient bei allem mit, nicht nur, wenn man eine Platte veröffentlicht, sondern auch, wenn man im Radio gespielt wird, auf Tour geht, T-Shirts verkauft, einen Werbespot dreht. Ich hatte Glück: Stefan Raab war nicht darauf angewiesen, mich zu melken.

Sie treten in der Elbphilharmonie auf, aber auch bei Familienfesten auf Supermarktparkplätzen. Sie singen auf Deutsch und Englisch. Sie sind ein Stilmixer, haben offenbar keine Berührungsängste. Wie kommt das?

Ich wuchs in Krenkingen auf, einem Ort mit 200 Einwohnern. Mein Vater praktizierte dort als Gynäkologe. Aber er half auch, wenn jemand mit Bauchschmerzen kam oder sich einen Finger abgesägt hatte. Die Patienten lagen dann auf unserem Sofa, und er hörte sie ab. Unabhängig davon, wer in Not war, er versorgte alle. Unsere Haustür war nie abgeschlossen. Diese Offenheit, jedem Menschen erst einmal zuzuhören, um herauszufinden, was er will, keine Angst vor Fremdem zu haben, das haben mir wohl meine Eltern beigebracht. Davon profitiere ich bis heute. Ich hätte sonst vielleicht nie Musiker wie den Posaunisten Nils Landgren oder den Saxofonisten Tony Lakatos kennengelernt, geschweige denn mit ihnen gespielt. Und auch nicht meine Freundin, die aus Ostafrika stammt.

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Sie kommt aus Eritrea. Sind Sie jetzt, in einer Zeit, in der Fremdenfeinde immer lauter werden, besonders wütend?

Ich finde das widerlich. Anfang der Neunzigerjahre brannten schon einmal Flüchtlingsheime in Deutschland. Ich hatte gedacht, die Zeit des Hasses ist vorbei. Das ist sie aber nicht. Ich bin im Schwarzwald geboren und aufgewachsen. Auch wenn Schwarzwald auf Englisch Black Forest heißt, Black Music wurde dort nicht erfunden. Wo wäre ich, wenn es keine äußeren Einflüsse gäbe? Dann würde ich im besten Fall Kuckucksuhren bauen und vielleicht Akkordeon spielen.

Wird Ihre Familie attackiert?

Nein, wir sind ja dort, wo wir leben, keine Fremden. Ich glaube, meine Kinder haben in ihrem Leben zweimal das Wort Neger zu hören bekommen. “Lauf weiter, du Neger!“, hat ein Mädchen mal zu einem meiner Kinder gerufen.

Wie haben Sie reagiert?

Ich wollte das andere Kind zur Rede stellen, zum Lehrer zerren, die Eltern anrufen. Die ganze Schule sollte wissen, dass es Ärger gibt, wenn meine Kinder beleidigt werden. Das habe ich dann aber nicht gemacht.

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Warum nicht?

Als ich mein Kind schließlich fragte, was es dem Mädchen geantwortet habe, sagte es nur: “Ja, nichts. Die ist doch dumm.“ Und dann dachte ich: Stimmt. So zu reagieren, habe ich meinen Kindern ja beigebracht. Mein Kind hat es weggegrinst, einfach so. Ich dagegen habe mich aufgeregt wie ein Affe.

In Ihrem Song “Hier bin ich Sohn“ singen Sie über Ihre alkoholkranke Mutter, die vor vier Jahren starb. Haben Sie Ihren Seelenfrieden inzwischen wiedergefunden?

Ich bin mit der Krankheit meiner Mutter aufgewachsen. Man arrangiert sich irgendwie damit. Man lebt damit. Man versucht es mit Liebe und mit Vorwürfen, mit umarmen und mit ignorieren – und immer wieder wird man enttäuscht. Manchmal möchtest du sie am liebsten rauswerfen, weil du das Gefühl hast, dass sie alles kaputt macht. Du willst nicht wahrhaben, dass selbst die Liebe ihrer sechs Kinder nicht ausreicht, um sie vom Trinken abzubringen.

Was half Ihnen?

Ein Gespräch mit dem Pfarrer, der sie beerdigte. Er sagte zu uns: “Ihr müsst vielleicht akzeptieren, dass es für sie einfach keinen anderen Weg gab. Denn mehr als das, was ihr für sie getan habt, kann man nicht tun.“ Irgendwann verstand ich: Nichts hätte sie umgestimmt. Meinen Song “Hier bin ich Sohn“ hat sie einmal gehört. Heute tröstet er mein Publikum. Viele weinen, wenn ich ihn singe, weil sie sich wohl verstanden fühlen.

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Von Mathias Begalke

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