Umstrittene WM in Katar: Am Golf läuft’s nicht rund

Hier findet das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 statt: das Lusail Iconic Stadium in Lusail nördlich von Doha.

Hier findet das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 statt: das Lusail Iconic Stadium in Lusail nördlich von Doha.

Auch spät in der Nacht kommt die Stadt nicht zur Ruhe. Zwischen den Schluchten der futuristischen Wolkenkratzer piept es, immer wieder. Das Geräusch verursachen Bagger, die den Rückwärtsgang eingelegt haben. Die Schaufelfahrzeuge ackern überall in Doha, der Hauptstadt von Katar.

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Auch andernorts im Zwergstaat auf einer Halbinsel am Persischen Golf wird rund um die Uhr gewerkelt, das Emirat gleicht einer überdimensional großen Baustelle. Es sei schon viel besser geworden, sagt der Taxifahrer, während er seinen Wagen durch die Straßen lenkt. Kaum vorstellbar.

Extreme Hitze, extreme Arbeit

Katar rüstet sich für 2022. Im Winter des kommenden Jahres ist das kleine arabische Land der Nabel der großen Fußballwelt. Am 21. November beginnt hier die 22. Welt­meisterschaft, das Finale wird am 18. Dezember 2022 ausgespielt. Passenderweise in einem Stadion, das nicht so aussieht, als würde darin bald der Ball rollen. Die Finalarena, das Lusail Iconic Stadium (86.000 Plätze, Kosten: rund eine Milliarde US-Dollar), ist noch nicht fertiggestellt.

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Drum herum entsteht wie aus dem Nichts ein neuer Stadtteil. Ortsschilder weisen zumindest schon einmal darauf hin, dass hier irgendwann Menschen leben und arbeiten werden. Dass es bei großen Turnieren und dem Bau neuer Stadien Verzögerungen gibt, ist kein Problem, das Katar exklusiv hat. Fertig geworden ist jedoch immer alles rechtzeitig.

Der Countdown läuft: Die futuristische Uhr in Doha zählt die Tage bis
zur WM.

Der Countdown läuft: Die futuristische Uhr in Doha zählt die Tage bis zur WM.

Allerdings: Die Umstände, unter denen die Arenen und Wohnkomplexe am Golf entstehen, sind seit der umstrittenen Vergabe des Turniers im Jahre 2010 ein Thema, das immer wieder für viel Kritik sorgt. Im Sommer bezog sich die Menschenrechts­organisation Amnesty International in einem Bericht auf offizielle Zahlen, die besagen, dass zwischen 2010 und 2019 insgesamt 15.021 Gastarbeiter in Katar gestorben sind.

„Wenn gesunde junge Männer plötzlich sterben, wirft das ernste Fragen auf“

Aus diesen Angaben geht aber nicht hervor, wie viele von ihnen in Zusammenhang mit der Vorbereitung auf die WM gestorben sind. Zahlen aus dem Land besagen, dass es seit 2015 35 Menschen gewesen sein sollen. Glaubhaft? Der englische „Guardian“ berichtet dagegen von 6500 Fällen seit der WM-Vergabe.

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Es ist alles großartig hier in Katar. ­Jeder ist glücklich und zufrieden, ­alles ist top.

Tarek Salman,

Katars Nationalspieler

Laut der Menschenrechts­organisation gibt es zahlreiche Fälle, bei denen die Todesursachen nur ungenügend untersucht wurden. „Wenn junge und gesunde Männer nach vielen Arbeitsstunden in extremer Hitze plötzlich sterben, wirft dies ernste Fragen über die Arbeitsbedingungen in Katar auf“, schreibt Katja Müller-Fahlbusch, Expertin für die Region Naher Osten und Nordafrika bei Amnesty International in Deutschland.

Es ist heiß in der Metropole Doha, unglaublich heiß. Im Sommer klettert das Thermometer hier auf über 50 Grad Celsius – extreme, ja unmenschliche Bedingungen, um stundenlang in der brütenden Hitze zu arbeiten. Dazu wird den Gastarbeitern ein spärlicher Lohn von 250 bis 300 Euro pro Monat gezahlt. Über die Bedingungen drehte das ZDF für die „Sportreportage“ zuletzt mit versteckter Kamera vor Ort. Der Film zeigt acht Männer, die zusammen in einem kleinen Zimmer leben müssen. Manchmal bekommen sie ihr Gehalt verzögert ausgezahlt, manchmal gar nicht. Ein Arbeiter spricht vor der Kamera von „Sklaverei“.

Scharfe Kontrollen für Journalisten

Solche Berichte schaden dem Image. Vor Ort wird die Situation ganz anders gesehen. „Es ist alles großartig hier in Katar. Die Stadien, die Begeisterung – und das können jetzt alle endlich sehen. Du kannst jeden im Land fragen: Jeder ist glücklich und zufrieden, alles ist top“, sagte so auch Katars Nationalspieler Tarek Salman gegenüber dem ZDF am Rande des Arab Cups, der gerade als Testlauf für die WM in dem Land stattfindet.

„Die Bedingungen sind nicht so schlecht, wie sie gemacht werden“, erklärt auch Berthold Trenkel, angesprochen auf die Situation der Gastarbeiter im Land. Auf seiner Karte steht Chief Operating Officer von Qatar Tourism. „Jeder soll kommen und sich sein eigenes Bild machen.“ Das ist allerdings alles andere als einfach. In Gegenden, die weniger schmeichelhaft für die WM-Ausrichter zu sein scheinen, wird scharf kontrolliert. Zuletzt wurden zwei norwegische Journalisten festgenommen, als sie Arbeiter filmen wollten.

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Hantieren in der Höllenhitze: Im Lusail Iconic Stadium verlegen Gastarbeiter den Rasen.

Hantieren in der Höllenhitze: Im Lusail Iconic Stadium verlegen Gastarbeiter den Rasen.

Boykott der WM immer wieder gefordert

In Katar wird sich gern darauf bezogen, dass das sogenannte Kafala-System für Gastarbeiter abgeschafft wurde. Es bindet ausländische Arbeiter fest an einen einheimischen Bürgen. Sklavenähnliche Zustände für die Betroffenen. Seit der Abschaffung können die Menschen zumindest ohne Zustimmung ihres Arbeitgebers ausreisen oder den Job wechseln. Es gibt Arbeitsverträge und einen Mindestlohn. „Firmen, die sich nicht daran halten, werden abgestraft. Auch in den Medien hier vor Ort, damit jeder weiß, um wen es geht“, so Trenkel.

Allerdings ist es mit der Kontrolle hinsichtlich der Einhaltung der Arbeitsbedingungen nicht ganz so weit her, wie in Gesprächen zu hören ist. Die Menschenrechts­verletzungen sind der Kern, warum zahlreiche Organisationen den Boykott des Turniers fordern. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die deutsche Nationalmannschaft haben sich allerdings klar dazu bekannt, an der WM teilzunehmen. DFB-Direktor Oliver Bierhoff bezeichnete einen Verzicht als kontraproduktiv. Es sei besser, vor Ort auf die Umstände hinzuweisen und damit etwas zu bewirken.

Katars Emir Tamim bin Hamad Al Thani.

Katars Emir Tamim bin Hamad Al Thani.

Bierhoff war in dieser Woche mit Bundestrainer Hansi Flick in Katar, um sich ein Bild zu machen. Es ging um die Auswahl eines möglichen Quartiers für die Spieler. Der Plan war auch, „anhand von Gesprächen, Analysen und Vereinbarungen sicherzustellen, dass sich unsere Geschäftspartner und Dienstleister vor Ort zur Einhaltung menschen- und arbeitsrechtlicher Standards bekennen und dies auch dokumentieren“, erklärte Bierhoff vor der Reise.

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Dass Katar polarisiert, hat zuletzt auch der FC Bayern München zu spüren bekommen. Der deutsche Rekordmeister hat einen Sponsorenvertrag mit Qatar Airways, der staatlichen Fluglinie des Landes. Wer damit fliegt, bekommt von Bayerns Superstar Robert Lewandowski die Sicherheitshinweise in einem Filmchen erklärt. Viele Fans wünschen sich, dass das Engagement aufgrund der fragwürdigen Menschenrechtslage beendet wird. Auf der Jahreshaupt­versammlungen des Klubs kam es deshalb zu heftigen Wortgefechten zwischen Anhängerschaft und Klubführung.

Jeder soll kommen und sich sein ­eigenes Bild machen.

Berthold Trenkel,

Tourismusförderer von Katar

Der Wüstenstaat hat ein Jahr vor dem Finale nicht nur in Menschenrechtsfragen Nachholbedarf. Wie will das Land, das etwa so groß ist wie Hessen, den zu erwartenden Besucheransturm überhaupt bewältigen? Aktuell gibt es rund 32.000 Zimmer. Weitere 60.000 Apartments sollen gebaut werden. Dazu sollen zwei riesige Kreuzfahrtschiffe im Hafen von Doha anlegen, die als Unterkunft für rund 10.000 Fans dienen sollen.

Zum Vergleich: Das letzte WM-Turnier in Russland besuchten etwas mehr als drei Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer. Und die Probleme hören nicht auf: Aufgrund der geringen räumlichen Entfernung zwischen den Stadien könnten rivalisierende Fangruppen leicht aufeinandertreffen. Zwischen dem nördlichsten der acht WM-Arenen (Al Bayt) und der südlichsten (Al-Wakrah) liegen gerade einmal 68 Kilometer oder 45 Minuten Autofahrt. Für Sicherheitsfragen holt man „sich Rat von anderen Nationen“, wie Trenkel sagt. Er nennt als Beispiele Großbritannien, Australien oder die Türkei.

Glühwein statt Bier

Für viele Fans zu Hause wird die Fußball-WM eine ganz neue Erfahrung. Statt auf Fanmeilen in leichter Bekleidung zu jubeln, kann auf dem Weihnachtsmarkt in Schal und Mütze gefeiert werden. Glühwein statt Bier. Ob dabei Stimmung aufkommt, ist fraglich. Es ist die erste WM, die aufgrund der extremen Sommerhitze im Winter stattfindet. Wenn das Turnier beginnt, steigen in Katar die Temperaturen nur selten über 30 Grad. Am Abend kann es durch Wüstenwinde sogar kühl werden. Für die Spieler sind die Bedingungen ideal.

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Vor Ort läuft bei einem Besuch eines Fußballspiels längst noch nicht alles rund. Der Einlass in die Stadien ist deutlich chaotischer als in Deutschland. Frauen und Männer werden getrennt eingelassen und kontrolliert. Einige Frauen sind vollverschleiert.

Gezahlt werden kann für Cola (umgerechnet etwa 2,50 Eu­ro) oder einen halben Liter Wasser (1,25 Euro) aktuell nur mit einer Visakarte. Knackpunkt ist auch die Frage nach dem Alkoholverzehr in dem muslimischen Land. In den Stadien gibt es während des Arab Cups keinen. Das soll auch während der WM so bleiben. In den Fanzonen soll es allerdings alkoholische Getränke geben. Auch in den Supermärkten. Wobei die Einwohnerinnen und Einwohner in diesen aktuell eine Lizenz für den Erwerb brauchen. Die Menge des zu erwerbenden Alkohols richtet sich nach dem Gehalt. Für die WM soll auch dieses Konstrukt überarbeitet werden.

Schließlich will man sich als weltoffener Gastgeber präsentieren. Das reiche Katar mit seinen schier unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten zeigt sich gern. Schon 2015 richtete das Emirat die Handball-WM aus, 2019 die Leichtathletik-WM, in diesem Jahr das erste Formel-1-Rennen. Der Preis für diejenigen, die all das auf die Beine stellen müssen, ist jedoch sehr hoch.

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