Aktienkurse: im ersten Stadium der Euphorie

Die Dax-Kurve im Handelssaal der Deutschen Börse in Frankfurt (Archivbild).

Die Dax-Kurve im Handelssaal der Deutschen Börse in Frankfurt (Archivbild).

Frankfurt. Wie stehen die Aktien? Von einem „ersten Stadium der Euphorie“ spricht der Verhaltensökonom Joachim Goldberg. Der Deutsche Aktienindex (Dax) ist am Donnerstag zum Handelsstart auf ein neues Allzeithoch geklettert. 16.050 Punkte zeigte die große schwarze Tafel der Frankfurter Börse an. Der alte Topwert lag bei 16.030 und war im August erreicht worden.

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Im Handelsverlauf gab der Dax zunächst etwas nach. Gegen Mittag rangierte das wichtigste hiesige Barometer aber sogar bei 16.060 Punkten. Die Experten waren sich einig, dass der entscheidende Impuls von Jerome Powell kam.

Dabei hatte der Chef der US-Notenbank am Vorabend (nach hiesiger Zeit) einfach nur das verkündet, was er zuvor schon vielfach angedeutet hatte: Die Fed steigt ganz langsam aus der extrem expansiven Geldpolitik aus. Aber: Allein dadurch, dass sich damit Restunsicherheiten über den Fed-Kurs verflüchtigten, stieg die Stimmung der Investoren.

Notenbanker sind etwas weniger locker

Doch auch Powells Erläuterungen sind nach dem Geschmack der Börsianer. Der oberste US-Notenbanker will von nun an die Ankäufe von Anleihen jeden Monat um weitere 15 Milliarden Dollar zurückfahren. Zieht er das durch, ist Mitte des nächsten Jahres Schluss mit dem Erwerben der Papiere, das wie eine zusätzliche Zinssenkung wirken sollte. Doch am moderaten Anziehen der geldpolitischen Zügel geht nun angesichts der hohen Inflation in den USA von mehr als 5 Prozent kein Weg mehr vorbei.

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Aber: Powell lässt erst einmal die Finger von einer „echten“ Erhöhung der Zinsen. Weil die hohe Inflation größtenteils auf „vorübergehende Faktoren“ zurückzuführen sei, die seine Geldpolitik ohnehin nicht beeinflussen könne. Gemeint ist damit vor allem die hohe Nachfrage der Konsumenten, die nach dem Ende der Lockdowns nun verschobene Anschaffungen nachholen.

Das US-Zinsniveau wird niedrig bleiben

Die Experten der Fondsgesellschaft DWS gehen davon aus, dass sich in den USA frühestens im zweiten Halbjahr 2022 eine „Normalisierung“ bei der Geldpolitik vollziehen könnte, aber auch nur, wenn bis dahin eine „maximale Beschäftigung“ erreicht würde. Das bedeutet, dass das Zinsniveau in den USA erst einmal niedrig bleibt und Aktien für Anleger grundsätzlich attraktiv bleiben, weil es insbesondere bei festverzinslichen Geldanlagen kaum etwas zu holen gibt.

Das dürfte umso mehr für die Euro-Zone gelten. Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), hatte zuletzt am Mittwoch betont, dass Zinserhöhungen im gesamten nächsten Jahr „höchst unwahrscheinlich“ seien. Als Stütze für die Aktienkurse erwies sich am Donnerstag überdies, dass die Bank of England die eigentlich angekündigte Zinswende auf später verschob, weil wieder Verwerfungen wegen steigender Inzidenzen befürchtet werden.

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Zudem gab es gute Nachrichten von der deutschen Industrie. Das Statistische Bundesamt meldete ein starkes Plus bei Aufträgen aus dem nicht europäischen Ausland. „Der globale Hunger nach deutschen Maschinen infolge der rasanten Erholung nach der Corona-Pandemie ist also noch immer nicht gestillt“, sagte DWS-Volkswirt Martin Moryson. Und dann auch noch die Fortsetzung der erfreulichen Zwischenberichte von großen Unternehmen. Am Donnerstag teilte die Commerzbank überraschend mit, dass sie wieder in die schwarzen Zahlen gerutscht ist.

Wann kommen die Gewinnmitnahmen?

Schon in den Tagen zuvor hatte unter anderem BMW Anleger mit hohen Gewinnen trotz (oder gerade wegen) der Chipkrise verblüfft. Oder das erstaunliche deutliche Umsatzplus beim Kochboxenversender Hello Fresh. Die Aktienexperten der DZ Bank gehen davon aus, dass es so weitergehen könnte. In den vorliegenden Gewinnerwartungen vieler Firmen sei immer noch ein gehöriges Stück Konjunkturpessimismus enthalten, „sodass die Chancen für positive Überraschungen gut sind“.

Zumal die Engpässe bei Rohstoffen und Vorprodukten dazu führten, dass Aufträge später ausgeführt würden. Die dadurch entstehenden Gewinne würden aufgeschoben, aber nicht aufgehoben – quasi eine Art Profit-Reservoir, was Anlegern gefallen dürfte.

Das passt zu Goldmanns Einschätzung vom „ersten Stadium der Euphorie“. Insgesamt gebe es derzeit bei institutionellen Investoren mit mittelfristigem Handelshorizont keine Angst „vor Inflation und anderen größeren Risiken“. Darunter dürfte auch die Pandemie fallen. Aktuell seien „bullishe Engagements“ – die auf steigende Kurse setzen – noch einmal aufgestockt worden. Goldmanns Sentiment-Index ist auf das höchste Niveau seit November 2018 gestiegen.

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Aber zugleich fragen sich viele Insider, wie lange das noch gutgehen kann. Immerhin ist der Dax in den vergangenen vier Wochen um mehr als 1000 Punkte geklettert. Trotzdem sind die berüchtigten Gewinnmitnahmen – Anleger verkaufen, um ihre Profite ins Trockene zu bringen – bislang ausgeblieben. Doch der Drang danach könne sich bereits „bei kleineren negativen Ereignissen“ vergrößern, so Goldberg.

Auch der Sentiment-Experte Stephan Heibel macht darauf aufmerksam, dass sich viele Anleger als Kursziel das alte Allzeithoch vom August notiert hätten. Also als den passenden Moment, um mit dem Abstoßen von Aktien zu beginnen. Gleichwohl konnte der Dax sich zumindest bis zum Donnerstagnachmittag nah an den 16.050 Punkten halten.

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