Biolebensmittel werden knapp – und teuer

Das Produkt «BIO Bittere Aprikosenkerne» mit den Mindesthaltbarkeitsdaten vom 31. Januar 2019 bis 28. Februar 2020 sollten Verbraucher nicht verzehren.

Beim Einkauf müssen sich Verbraucherinnen und Verbraucher künftig wohl auf deutlich höhere Preise für Bioprodukte einstellen.

München. Die ganz großen Wachstumsraten sind scheinbar vorbei, trotzdem liegen Biolebensmittel nach wie vor im Trend. Um knapp 6 Prozent haben die Umsätze im vergangenen Jahr zulegt, bei fast 16 Milliarden Euro liegt die Branche laut Marktanalystin Diana Schaak von der Agrarmarkt Informationsgesellschaft (AMI) nun.

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Im ersten Corona-Jahr 2020 hatte das Plus noch bei exorbitanten 22 Prozent gelegen – weil Gastronomie vielfach geschlossen war und Deutsche zu Hause selbst den Kochlöffel geschwungen haben. Anders ausgedrückt: Der Nachfragezuwachs bei Bioware normalisiert sich.

„Wir brauchen höhere Ladenpreise, sonst überleben einige nicht“

2022 steht die Branche vor einer Belastungsprobe. „Höhere Preise sind das Thema dieses Jahres“, schätzt Schaak. Über das Ausmaß will sie nicht spekulieren. Für die AMI-Expertin ist aber klar, dass die ein bis 2 Prozent Preisaufschlag 2021 erst ein Anfang waren.

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Denn sowohl die Erzeugerpreise für Biobäuerinnen und Biobauern etwa für Futtergetreide als auch die Kosten von Bioverarbeitenden seien zuletzt stark gestiegen, jedoch noch kaum an Verbraucherinnen und Verbraucher weitergegeben worden. „Das muss jetzt geschehen, wir brauchen höhere Ladenpreise, sonst überleben einige nicht“, warnt Schaak. Nur der Handel stemme sich mit seiner Einkaufsmacht noch gegen größere Preissprünge. Stärkere Preiserhöhungen dürften aber auch im Biosektor nur noch eine Frage der Zeit sein.

Nicht genug Biobäuerinnen und Biobauern in Deutschland

Die heimische Angebotslücke hat sich 2021 nicht verringert. Voriges Jahr wurde die deutsche Bioanbaufläche um knapp 5 Prozent auf knapp 1,8 Millionen Hektar ausgeweitet. Das entspricht ungefähr dem preisbereinigten Zuwachs der Bionachfrage. Seit Jahren müssen Biolebensmittel, die auch in Deutschland angebaut könnten, importiert werden, weil zu wenig Bäuerinnen und Bauern auf Bio umstellen.

Das Bistro bei Landwege ist geschlossen, informiert Tina Andres (50), Geschäftsführender Vorstand bei Landwege. „Einige Suppen bieten wir jetzt im Glas zum Mitnehmen an.“

Tina Andres, Chefin des Bunds ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW).

Tina Andres hat eine Erklärung dafür. „Die Politik der letzten Jahre war ziemlich biofeindlich“, meint die Chefin des Bunds ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Ändern sollen das die neue Bundesregierung und speziell Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir von den Grünen.

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Um bis 2030 das politische Ziel von 30 Prozent Ökoanbaufläche in Deutschland zu erreichen, müsste die Anbaufläche ab sofort im Schnitt 12 Prozent jährlich und damit zwei- bis dreimal so stark wie zuletzt zulegen, rechnet sie vor. „Das ist machbar“, sagt die Ökolobbyistin. 2021 ist der Anteil der Bioanbaufläche hierzulande von 10,2 auf 10,8 Prozent gestiegen. Um den noch knapp zu verdreifachen, müsse auf die Energiewende nun aber eine Ernährungswende folgen, stellt Andres klar.

Weitere Preisaufschläge sehr wahrscheinlich

Keinen Zweifel lässt sie daran, dass das wie bei der Energiewende auch höhere Preise für Verbraucherinnen und Verbraucher nach sich ziehen wird. „Die Transformation der Landwirtschaft kostet Geld“, räumt Andres ein. Die für 2022 vorausgesagten Preisaufschläge dürften also keine Ausnahme bleiben. Ob die jeder Verbraucher und jede Verbraucherin mitgehen kann und will, ist eine andere Sache.

Schon bei steigenden Energiepreisen ist bei manchem Haushalt die finanzielle Belastungsgrenze erreicht. Über das mögliche Ausmaß von Preissteigerungen infolge einer in Richtung Bio transformierten Landwirtschaft schweigen sich die Branchenvertreterinnen und -vertreter indessen aus.

Verbraucherinnen und Verbraucher ändern ihr Verhalten

Das mag auch daran liegen, dass die Biokundschaft in der Regel einiges im Geldbeutel hat. Trotz aller Zuwächse der letzten Jahre ist der Anteil von Bioware an Lebensmitteln in Deutschland voriges Jahr von 6,4 auf weiter überschaubare 6,8 Prozent gestiegen. In Nachbarländern wie Dänemark oder Österreich ist es nahezu das Doppelte. Vereinzelt ist Bio allerdings auch in Deutschland schon über die Nische hinausgewachsen. So wächst ein Drittel aller Hülsenfrüchte auf Biohöfen und ein Fünftel allen Obstes auf Bioflächen.

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In der Verbrauchergunst waren zuletzt vor allem pflanzliche Milchersatzgetränke und Biofleisch sowie Fleischersatzprodukte gefragt. Bei Milch- und Fleischersatz war das zwar auch im konventionellen Bereich so. Aber dort ist voriges Jahr nicht nur der Fleischkonsum sondern auch der bei Gemüse, Eiern oder Kartoffeln zu Gunsten von Bioware geschrumpft. „Weniger Fleisch und wenn schon, dann Bio“, fasst Andres diesen Trend zusammen.

Verbraucherinnen und Verbrauchern sei klar geworden, dass zu viel Fleischkonsum der Umwelt schadet. Sie hätten deshalb ihr Einkaufsverhalten verändert. „Die Gesellschaft ist bereit für den Umbau der Landwirtschaft“, liest die Biolobbyistin aus solchen Entwicklungen heraus. Seitens Erzeugerinnen und Erzeuger sei ihrerseits ein Fünftel aller Bauern und Bäuerinnen umstellungswillig, hätten jüngste Umfragen ergeben. Ein politischer Bioaktionsplan müsse das nun in Deutschland und auch auf EU-Ebene unterfüttern.

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