Für medizinische Zwecke

„Sicher wie Fort Knox“: So wird in Deutschland medizinisches Cannabis angebaut

Cannabis-Plantage im Rotlicht: Die Blüten können drei bis vier Mal im Jahr geerntet werden.

Cannabis-Plantage im Rotlicht: Die Blüten können drei bis vier Mal im Jahr geerntet werden.

Neumünster. Sie ist nach dem berühmten englischen Premierminister Winston Churchill (1874-1965) benannt und gilt in der Wirkung als ausgewogen: die Cannabis-Pflanze, die hinter dicken Stahlwänden in einer Anlage für medizinisches Cannabis in Neumünster wächst.

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Churchills Blüten beinhalten je fünf bis neun Prozent THC (Tetrahydrocannabinol) und Cannabidiol (CBD). In den Sorten Great Bear und Bienville ist der THC-Gehalt deutlich höher. „Im ersten Halbjahr wollen wir das erste Mal liefern“, sagt Aphria-Geschäftsführer Hendrik Knopp.

16.000 Tonnen Stahlbeton: Cannabis-Pflanze steht unter extremen Schutz

Wer zu Churchill vordringen will, muss in der hoch geschützten Anlage in Schleswig-Holstein mehrere Sicherheitsstufen passieren. Erst geht es durch eine Luftschleuse. Ein 20 Sekunden währender starker Luftstrom soll dort eine mögliche Kontamination der ein Dutzend Pflanzkammern verhindern. Der niederländische Chefanbauer Han Duijndam und seine knapp zehn Mitarbeiter betreten die Kammern nur in Schutzkleidung.

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Nach draußen sorgen fast 16.000 Tonnen Stahlbeton, 24 Zentimeter dicke Außenwände sowie Bodendetektoren und Sensoren für Sicherheit. Sie registrieren, wenn sich jemand der Anlage nähert. „Das ist Fort Knox hier“, sagt Produktionsleiter Thorsten Kolisch. Aussortierte Cannabis-Pflanzen werden zerhäckselt und verbrannt, die Exkremente der Mitarbeiter werden nach dem Toilettengang geschreddert.

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Rund 1000 Patienten bekommen Cannabis verschrieben

Seit 2017 können sich Patienten Cannabis für medizinische Zwecke regulär vom Arzt verschreiben lassen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat neben Aphria RX aus Neumünster auch den Unternehmen Aurora und Demecan den Anbau erlaubt. Insgesamt geht es um 10,4 Tonnen.

Allein in Schleswig-Holstein verschreiben Ärzte rund 1000 Patienten regelmäßig medizinisches Cannabis in der Schmerztherapie, wie der Geschäftsführer der Apothekerkammer, Frank Jaschkowski, 2021 erklärte. Es komme nicht nur bei der Krebsbehandlung, sondern auch bei der Krampf- und Anfallsproblemen zum Einsatz. „Wenn sie gut drauf sind, dann tut es nicht so weh.“ Medizinisches Cannabis wird nicht im Joint geraucht, sondern verdampft.

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In Neumünster soll in diesem und den drei Folgejahren jeweils gut eine Tonne medizinisches Cannabis angebaut werden. „Mehr als viermal pro Jahr können wir die Blüten pro Kammer ernten“, sagt Knopp. Möglich macht dies ein Schnelldurchlauf. Natürliches Sonnenlicht sehen die ersten 150 Mutterpflanzen der Sorte Churchill und die Pflanzen der anderen Sorten Great Bear und Bienville nie. Sie wurden aus Kanada importiert.

Han Duijndam, Chefanbauer aus den Niederlanden, und Hendrik Knopp (l), Geschäftsführer Aphira RX, begutachten ein Cannabisplanze der Sorte Churchill im Blühraum einer Produktionsanlage für medizinisches Cannabis.

Han Duijndam, Chefanbauer aus den Niederlanden, und Hendrik Knopp (l), Geschäftsführer Aphira RX, begutachten ein Cannabisplanze der Sorte Churchill im Blühraum einer Produktionsanlage für medizinisches Cannabis.

Stattdessen simulieren LED-Lampen in acht Blühkammern Sonnenauf- und -untergänge. Bis zu 18 Stunden lang scheint die künstliche Sonne bei bis zu konstanten 28 Grad Celsius. Ideale Wachstumsbedingungen. Zwei Blockheizkraftwerke mit je knapp 1000 Megawatt Leistung sorgen für die nötige Energie.

Anbau von medizinischem Cannabis deutlich schwieriger

„Tatsächlich könnte grundsätzlich jeder Cannabis im Keller anbauen oder ein, zwei Pflanzen auf dem Balkon, wenn es rechtlich erlaubt wäre“, sagt Knopp. Medizinisches Cannabis mit konstant hohem THC- und CBD-Anteil, wie er für die medizinische Versorgung erforderlich ist, sei jedoch deutlich schwieriger anzubauen. „Den kleinen Schimmel oder sonstige Verunreinigungen an der Blüte sieht ein kleiner Anbauer gar nicht.“

Optisch erinnern die 50 Zentimeter hohen Pflanzen wegen der für ihre Größe dicken Stämme an Bonsai. Für jede Lebensphase versorgt Chefanbauer Duijndam sie mit spezieller Nährlösung. Diese landet über einen Schlauch direkt an den Wurzeln. Der Niederländer hat etwa 40 Jahre Berufserfahrung, baut aber erstmals Cannabis an. Vor wenigen Tagen setzte er mit seinem Team die ersten Setzlinge ein. „Er ist wahrscheinlich einer der wenigen Holländer, der Cannabis noch nie probiert hat“, sagt sein Chef Knopp.

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Mit einem zweistelligen Millionenbereich gibt das nordamerikanische Unternehmen die Investitionssumme für die 12 000 Quadratmeter große Plantage an. „Es ist die sicherste und modernste Anlage der Welt“, sagt Knopp. Und die habe Reserven. „Wir können hier jährlich drei bis vier Tonnen medizinisches Cannabis produzieren.“

RND/dpa

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