Folge der drastischen Corona-Maßnahmen

Wie die chinesische Wirtschaft unter „Null Covid“ ächzt

Ein Mitarbeiter steht neben einem Temperaturmessgerät am Eingang eines Geschäfts.

Ein Mitarbeiter steht neben einem Temperaturmessgerät am Eingang eines Geschäfts.

Peking. Eigentlich hätte am Freitag das nationale Zollamt die Handelszahlen für den Monat September publizieren sollen. Doch ganz offensichtlich sollen kurz vorm Parteikongress keine negativen Meldungen die Krönung Xi Jinpings in der Großen Halle des Volkes überschatten: Die Statistiken wurden jedenfalls ohne Nennung von Gründen vorerst nicht eröffnet.

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Doch wie sehr die chinesische Wirtschaft derzeit kriselt, ist selbst ohne die jüngste Runde an empirischen Daten unübersehbar. Erstmals seit 30 Jahren liegt das Wachstum der Volksrepublik unter dem asiatischen Durchschnitt, für das laufende Kalenderjahr prognostiziert die Weltbank eine Expansion des Bruttoinlandsprodukts von nur 2,8 Prozent. Möglicherweise muss sich China auch mittelfristig an eine solche Größenordnung gewöhnen.

Was für viele OECD-Staaten solide klingt, ist für das Reich der Mitte eine Katastrophe: Jedes Jahr muss das Land über zehn Millionen Universitätsabsolventen in den Arbeitsmarkt integrieren, zudem beträgt das monatlich verfügbare Einkommen von rund 600 Millionen Chinesen weiterhin nur umgerechnet 150 Euro.

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PCR-Tests „offensichtlich ein riesiges Geschäft geworden“

Der größte Klotz für das schleppende Wirtschaftswachstum ist unverkennbar die dogmatische „Null Covid“-Politik, die den Alltag der 1,4 Milliarden Chinesen auch im dritten Jahr der Pandemie dominiert. Wie sehr die Maßnahmen auch die Unternehmen beeinträchtigen, ist offensichtlich: Man muss nur einmal den Vertretern der europäischen Handelskammer (EUCC) zuhören, wie sie aus dem alltäglichen Nähkästchen sprechen.

„Die Bürger werden wieder nervös“, sagt etwa Francis Liekens, Vize-Leiter des EUCC-Büros in Shanghai. „Es ist ein bisschen wie Roulette spielen: Jedes Mal fragt man sich, ob man wirklich die Wohnung verlassen oder ein bestimmtes Gebäude betreten soll.“ Denn jederzeit könne ein unverhoffter Lockdown warten. In etlichen Bürotürmen und Einkaufszentren wurden in der Finanzmetropole zuletzt Menschen eingesperrt, nachdem dort ein Corona-Fall festgestellt wurde.

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Harald Kumpfert vom Büro im nordöstlichen Shenyang sagt: „Wir sehen keine großen Anstrengen für Impfkampagnen.“ Stattdessen drehe sich längst alles um die verpflichtenden PCR-Tests. „Es ist offensichtlich ein riesiges Geschäft geworden. Manche von unseren Partnern der Handelskammer werden bis zu viermal täglich getestet – jedes Mal, wenn sie die Stadtgrenze oder die Autobahn verlassen“, sagt der deutsche Wirtschaftsvertreter.

Sein Kollege Christoph Schrempp vom EUCC-Büro in Tianjin weiß zu berichten: „Wir haben mittlerweile mit der fünften Welle zu kämpfen. Letztens hatten wir einen Corona-Ausbruch in einer Firma mit 20 Fällen. Bis 6.30 Uhr war das gesamte Viertel abgesperrt.“

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Xi Jinping eröffnet 20. Kongress der Kommunistischen Partei in China

Eine Woche lang will die machthabende Partei Chinas nun personelle und strategische Weichen für die nächsten fünf Jahre stellen.

Und ein weiterer Wirtschaftsvertreter aus Chengdu erzählt mit süffisantem Unterton, dass er für seinen jüngsten Außentermin in einer Nachbarstadt zuvor vier Tage in Quarantäne musste – alles nur, um eine Stunde mit seinen Geschäftspartnern zu verhandeln.

Selbst die populärsten Einkaufszentren sind häufig gespenstisch leer

Für Außenstehende, die nicht in China leben, dürften solche Aussagen zunehmend surreal anmuten. Auch ein hochrangiger Mediziner, der sich derzeit in Europa auf Heimaturlaub aufhält, spricht mit Bitte um Anonymität von einer „kollektiven Psychose“.

Doch wie die Parteizeitung „People’s Daily“ zuletzt in drei Leitartikeln in Folge zementiert hat, wird es in China kein Abweichen von der „Null Covid“-Politik geben. Diese habe sich als „nachhaltig“ herausgestellt, heißt es.

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Für die Unternehmen mag dies geradezu höhnisch klingen, doch offene Kritik wird man von chinesischen Vorständen aus Angst vor Repressionen nicht zu hören bekommen. Die Folgen der Maßnahmen sind dabei längst mit dem bloßen Auge zu erkennen: In Peking sind selbst die einst populärsten Einkaufszentren an vielen Tagen der Woche gespenstisch leer, und in Shanghai hat auch die Anzahl an Menschen wieder zugenommen, die auf der Straße schlafen.

Mutmaßlich handelt es sich dabei nicht um klassische Obdachlose, sondern vielmehr um Arbeitsmigranten mit Wohnsitz im Umland, die sich aus Angst vor einem Lockdown – und dem daraus resultierenden Verlust ihrer Einkommensquelle – nicht in ihre Behausungen trauen.

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