Chipindustrie in der Krise

Beispielloser Einbruch – ausgerechnet in der Hightechbranche

Nach dem Boom befindet sich die Chipbranche in der Krise.

Nach dem Boom befindet sich die Chipbranche in der Krise.

Frankfurt am Main. Dieser Tage braucht es nur wenig, um Hightech-Aktien in den Keller zu schicken. Im Verlauf des dritten Quartals habe die Schwäche des Geschäfts in der gesamten Industrie zugenommen, teilte der US-Chipkonzern Texas Instruments gerade mit. Das reichte am Mittwoch, um den Aktienkurs des Unternehmens, das einst mit Taschenrechnern bekannt wurde, um mehr als 4 Prozent einbrechen zu lassen.

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Denn die Bekanntmachung passt ins pessimistische Bild. Der unfeine Begriff des Schweinezyklus macht wieder die Runde. Die Branche hat mit der Pandemie einen seit vielen Jahren nicht mehr gesehenen Boom erlebt. Weltweit statteten Angestellte ihre Privatwohnungen mit der Ausrüstung für das Zuhausebüro aus. Rechner, Bildschirme, Drucker und so weiter. Dazu Smartphones und Unterhaltungselektronik wie sündhaft teure Kopfhörer und Lautsprecher – für das Leben im Stay-at-Home-Modus.

Jetzt hat Microsoft für sein einstiges Flaggschiff, das Betriebssystem Windows, einen Absatzrückgang von 15 Prozent gemeldet. Das sind die stärksten Einbußen seit der Mitte des vorigen Jahrzehnts und deutlich weniger als das Management als Ziel vorgegeben hatte. Und dann auch noch ein grimmiger Ausblick für das vierte Quartal. Windows wird an PC-Hersteller verkauft, die ihre Geräte inklusive der Software offerieren. Doch beides wird von Kunden zusehends links liegen gelassen.

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Die Zahlen für das dritte Quartal könnten insgesamt einen „historischen Einbruch für den PC-Markt“ bringen, betont Mikako Kitagawa vom Marktforscher Gartner. Den Berechnungen des US-Unternehmens zufolge ist der Absatz in den drei Sommermonaten (Juli, August, September) um fast 20 Prozent im Vergleich zur Vorjahreszeit zurückgegangen. Das sind die höchsten Einbußen seit Mitte der 1990er-Jahre, als Gartner begann, den Markt systematisch zu beobachten.

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Nach Kitagawas Worten seien weltweit die Zurück-zur-Schule-Verkäufe trotz massiver Werbung und Sonderangeboten eine Enttäuschung gewesen. Zudem gebe es für viele Verbraucher derzeit keinen Grund, einen neuen Rechner zu kaufen, da der aktuell eingesetzte häufig noch nicht mal zwei Jahre alt sei – das ist mit Schweinezyklus gemeint: Dem Boom folgt quasi zwangsläufig die Absatzkrise.

Mehrere Ursachen kommen zusammen

Der Gartner-Experte sieht aber noch weitere Gründe für den jähen Abschwung: Nachdem sich die Lieferengpässe für Chips und andere Komponenten aufgelöst hatten, seien hohe Lagerbestände in vielen Firmen entstanden, deshalb werde nicht weiter geordert. Besonders steil ging es in der Region Europa, Naher Osten, Afrika nach unten – mit einem Absatzminus von mehr als 25 Prozent. Da spiele auch eine Rolle, dass viele Unternehmen ihre geschäftlichen Aktivitäten in Russland eingestellt hätten. Schwindende Kaufkraft und eine miese Kauflaune auch wegen Inflation und Rezessionsängsten kommen hinzu.

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Und die Negativnachrichten ziehen sich mittlerweile fast durch alle Bereiche der Hightech-Welt. So berichtete Hynix, der südkoreanische Experte für Speicherchips, am Mittwoch, dass die Preise für seine Produkte im dritten Quartal um 20 Prozent gefallen seien. Es gebe eine „beispiellose Verschlechterung“ der Marktlage. Das Management hat Konsequenzen gezogen und seine Investitionen für nächstes Jahr halbiert. Auch Hynix ist massiv vom PC-Geschäft abhängig.

Kioxia, ein direkter japanischer Konkurrent, hat angekündigt die Fertigung um 30 Prozent herunterzufahren, um den Preisverfall zu bremsen. Das alles bildet sich im Philadelphia-Semiconductor-Index AB, dem wichtigsten Barometer für die Branche, das aktuell knapp 30 Prozent unter dem Wert von vor einem Jahr liegt. Schließlich sieht es bei Smartphones, einem anderen Schlüsselprodukt der Branche, nicht viel besser aus als bei den PCs.

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Selbst bei dem weltweit wichtigsten Auftragsfertiger von Chips, der taiwanischen Firma TSMC, ist die Flaute angekommen. Das Unternehmen wollte eigentlich dieses Jahr 40 Milliarden für neue Fertigungsanlagen und Maschinen investieren. Jetzt wurde das Budget dafür um zehn Prozent gedrosselt. TSMC produziert unter anderem für Apple und Qualcomm, den Spezialisten für Smartphone-Halbleiter. Zu allem Übel kommt hier ein weiterer Faktor zum Tragen: US-Präsident Joe Biden will den Technologietransfer nach China – etwa bei Komponenten für Künstliche Intelligenz und Supercomputing – stark reglementieren. Die Experten des Finanzdienstes Bloomberg rechnen damit, dass allein dies die Umsätze von TSMC um 10 Prozent drücken könnte.

Der Hightech-Rückschlag lässt sich längst auch als Vorbote von düsteren Zeiten für die gesamte Wirtschaft lesen. So hat Texas Instruments einen sehr pessimistischen Ausblick fürs vierte Quartal vorgelegt. Das Unternehmen, das Chips für alles Mögliche (von der Rakete bis zur Küchenmaschine) herstellt, lässt wissen, dass nicht nur die Nachfrage nach Halbleitern für PCs und Handys zurückgeht, sondern auch nach Chips für industrielle Ausrüstungen – ein Feld, das bislang weitgehend immun war gegen die Mechanismen des Schweinezyklus.

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