Die IG Metall pokert zu hoch

Autoproduktion bei Mercedes-Benz in Bremen.

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Berlin. Die Wirtschaft in Deutschland wächst stärker als gedacht, und die Metallgewerkschaft fordert ein Recht auf reduzierte Arbeitszeiten. Zwei Meldungen, die vordergründig wenig – in Wahrheit aber eine ganze Menge miteinander zu tun haben.

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Der fast schon unheimliche Boom kommt nicht von ungefähr. Er hat seine Wurzeln im starken Export, im schwachen Euro, im niedrigen Ölpreis – aber natürlich auch im großen Einsatz der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Die Lohnzurückhaltung früherer Jahre spielt dabei eine untergeordnete Rolle; sie wurde durch die Steigerungsrunden der vergangenen Jahre bereits überkompensiert. Von großer Bedeutung allerdings ist die immer weiter zunehmende Verdichtung der Arbeit. Ohne sie wäre der Wachstumsrekord in Zeiten des Fachkräftemangels kaum vorstellbar.

Das Thema wabert seit Jahren. Es taucht an verschiedenen Stellen auf. Wenn Eltern beklagen, dass ihnen ausreichend Zeit für ihre Kinder fehlt. Wenn die Pflege von Oma zum Problem wird. Wenn Vereine nicht mehr genügend Ehrenamtliche finden. Oder wenn die Zahl der psychisch bedingten Krankschreibungen ansteigt. Es war nur eine Frage der Zeit, ehe das Thema zum Streitgegenstand in Tarifverhandlungen werden würde. Jetzt ist es so weit.

Wie weit geht die Selbstoptimierung des Menschen?

Es war wichtig und richtig, dass die IG Metall die Flexibilisierung der Arbeitszeiten aus den Sonntagsreden an den Verhandlungstisch gebracht hat. Wie wollen wir künftig arbeiten? Wie lassen sich die steigenden Ansprüche des Berufsalltags mit modernen Rollenbildern im Familien- und Privatleben in Einklang bringen? Wie weit geht die Selbstoptimierung des Menschen? Sollte darüber endlich eine ernsthafte Debatte geführt werden, wäre das ein Verdienst der streitbaren Metallgewerkschafter.

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Das Thema ist also richtig gesetzt, leider jedoch hat die IG Metall in der Absolutheit ihre Forderung maßlos überzogen. 6 Prozent mehr Lohn bei gleichzeitiger Arbeitszeitreduzierung – selbst Wohlmeinende können da nur den Kopf schütteln. Für den öffentlichkeitswirksamen Aufschlag zum Verhandlungsbeginn sind die Metaller ein hohes Risiko eingegangen: dass man sie und ihr Anliegen nicht mehr ernst nimmt. Schon von den in der Branche üblichen 35 Wochenarbeitsstunden können die meisten Beschäftigten nur träumen. 40 Wochenstunden sind inzwischen die Regel, viele arbeiten deutlich mehr.

Gerade deshalb wäre die Debatte so wichtig, und gerade deshalb wäre es schade, wenn sie nun als überzogene Tarifforderung abgetan würde. Die Flexibilisierung der Arbeitszeiten ist mehr als bloße Verhandlungsmasse im Tarifpoker einer Gewerkschaft. Sie ist eine der entscheidenden Zukunftsfragen unserer Gesellschaft. Wir sollten darüber reden.

Von Andreas Niesmann

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