Ex-Renaut-Chef Carlos Ghosn: Die spektakuläre Flucht aus Japan – und ihre Folgen

Abgetaucht: der frühere Nissan-Chef Carlos Ghosn.

Abgetaucht: der frühere Nissan-Chef Carlos Ghosn.

Carlos Ghosn kann es nicht klein. Er führte Renault, rettete Nissan, machte aus beiden einen der größten Autoverbünde der Welt und schrieb das Buch dazu gleich selbst: „Nissans historische Wiederbelebung“. Anfang des Jahrtausends war es ein Bestseller in Japan – genauso wie der Superheldencomic „Die wahre Geschichte des Carlos Ghosn“. Der gebürtige Brasilianer mit französischem und libanesischem Pass schien Unmögliches geschafft zu haben: Ein ausländischer Manager war unangefochtener Star der abgeschotteten japanischen Geschäftswelt.

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Japan wird Ghosn wohl nicht mehr freiwillig betreten

Er ist gescheitert in jeder Hinsicht. Der von ihm geschaffene Autoverbund ist eine Großbaustelle, und Japan wird er freiwillig wohl nicht mehr betreten. Über den Jahreswechsel floh er aus Tokio, um sich einem Betrugsverfahren und weiterer Haft zu entziehen. Details will er in der nächsten Woche berichten – vom Libanon aus, wo er eine Villa besitzt. Vorab rechnete er aber schon mit seinen einstigen Fans ab: Er sei kein Justizflüchtling, sondern ungerechter Behandlung und politischer Verfolgung entkommen. Er wolle die Welt über das in seiner Sicht verlogene Justizsystem Japans informieren.

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Der Star stürzte am 19. November 2018. Nach der Landung in Tokio – er kam im Privatjet aus dem Libanon – wurde Ghosn festgenommen. Die japanischen Behörden werfen ihm Steuerhinterziehung und Veruntreuung in Höhe von umgerechnet rund 38,8 Millionen Euro vor. Seine Einkünfte seien in Nissan-Geschäftsberichten falsch dargestellt. Nach dieser ersten Festnahme saß Ghosn über 100 Tage in Untersuchungshaft, ohne dass er Zugang zu einem Anwalt verlangen konnte. Zweimal lehnten die Gerichte die Freilassung gegen Kaution mit dem Argument der Fluchtgefahr ab. Im März durfte er dann doch auf freien Fuß, gegen eine Kaution von 7,9 Millionen Euro.

Ausreise aus Japan? Nicht einmal der Anwalt ahnte etwas

Die hat Ghosn nun geopfert. Nicht einmal sein Anwalt ahnte von der Flucht, die offenbar monatelang vorbereitet wurde. Im Flugplan eines Privatjets soll ein falscher Name gestanden haben, die Kontrollen soll der 65-Jährige versteckt in einem Kontrabasskoffer passiert haben, berichten libanesische Medien. „Ich weiß nicht einmal, wie wir ihn jetzt kontaktieren können. Ich weiß nicht, wie es weitergeht“, sagt sein Anwalt Junichiro Hironaka, einer der bekanntesten Strafverteidiger des Landes. Libanon, wo Ghosn bereits den Präsidenten getroffen haben soll, hat kein Auslieferungsabkommen mit Japan. Auch Frankreich würde ihn nicht zurückschicken – aber womöglich ebenfalls anklagen.

Denn in Frankreich wankt das Denkmal Ghosn aus ähnlichen Gründen wie in Japan. Seine Gehaltsvorstellungen sprengten den Rahmen. Im weniger steil vergütenden Japan fiel das besonders auf, aber auch beim teilstaatlichen Renault-Konzern gab es darüber Krach mit der Regierung. Zudem verschwammen die Grenzen zwischen Privat- und Firmenvermögen – zum Beispiel bei einer opulenten Hochzeitsfeier im Schloss Versailles.

Mit der Fusion von Nissan und Renault machte sich Ghosn Feinde

Ghosn selbst weist alle Vorwürfe zurück und sprach schon vor Monaten von einer „Verschwörung“. Das könnte tatsächlich der andere Teil der Wahrheit sein: Feinde machte sich Ghosn wohl endgültig, als er die Autobauer Renault und Nissan komplett fusionieren wollte. Er führte zwar beide, die Unternehmen halten aber gegenseitig nur Minderheitsbeteiligungen. Ghosn wollte ein einheitliches Unternehmen daraus machen.

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Da sich die japanische Seite bei dem angedachten Deal benachteiligt fühlte, regte sich Widerstand. Ghosn selbst behauptete, Nissans Leistung habe nachgelassen, und „bestimmte Leute“ fühlten sich bedroht durch den nächsten Schritt „in Richtung Annäherung und Fusion“ mit Renault. Europäische Automanager halten das für plausibel. Die Vorwürfe gegen Ghosn dürften auch dazu dienen, ein französisch-japanisches Gemeinschaftsunternehmen zu verhindern, heißt es in der Branche.

Das japanische Justizsystem steht immer wieder in der Kritik

So vermuten manche, dass die Verhaftung 2018 auf den Verrat seiner Mitarbeiter zurückzuführen sei. Ghosn betont seither die Diskriminierungen im japanischen Justizsystem und die faktische Vorverurteilung von Angeklagten. Tatsächlich wird, sobald die Staatsanwaltschaft ihre Tätigkeit aufnimmt, fast jeder Verdächtigte auch für schuldig befunden. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International kritisieren zudem seit langem die Praxis, Verdächtigte für lange Zeit ohne Zugang zu einem Anwalt zu verhören.

Allerdings befand sich Japans Justiz zuletzt in einem Wandel. Ein Signal dafür war auch die überraschende Freilassung Ghosns auf Kaution Anfang 2019. Lag der Anteil der Fälle, in denen einem Kautionsgesuch stattgegeben wurde, im Jahr 2007 laut einer Anwaltsvereinigung noch bei nur 15 Prozent, so war er bis 2017 schon auf 32 Prozent gestiegen.

Fraglich ist nun, ob dieser Trend durch den Fall Ghosn aufgehalten wird. Schließlich war dieser auf freien Fuß gelassen worden, weil seine Verteidiger überzeugend argumentiert hatten, es bestehe keine Fluchtgefahr. Konservativere Richter haben nun ein prominentes Beispiel zur Hand, mit dem sie gegen diese in anderen Ländern längst gängige Rechtspraxis wettern können. Schließlich lässt die Flucht Carlos Ghosns dessen Freilassung wie einen Scherz aussehen.

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