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Energiekrise und Inflation

Das Spritparadox: Warum Autofahrer trotz hoher Preise weiter Gas geben

Ein Mann tankt an einer Tankstelle Diesel (Archivbild).

Frankfurt am Main. Die Verbraucher ächzen unter einer Inflationsrate nahe dem Rekordniveau. Vor allem anderen machen die hohen Energiekosten zu schaffen. Dabei wäre es so einfach, die Belastungen schnell und spürbar zu senken. Einfach weniger Kraftstoff verbrauchen. Doch davon ist kaum etwas zu erkennen. Wir erläutern, was es mit dem Spritparadox auf sich hat.

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Die jüngsten Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) haben es noch einmal gezeigt. Der mit weitem Abstand wichtigste Faktor bei der Teuerung (Juni: plus 7,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr) ist und bleibt die Energie. Gas und Heizöl, Benzin und Diesel sind die Inflationstreiber. Der Tankrabatt hat bei Letzteren nur wenig geändert. Nach den Zahlen des Verbraucherportals Clever Tanken kostet Diesel derzeit wieder um die 2 Euro pro Liter, gut 40 Prozent mehr als vor einem Jahr. Beim Superbenzin bedeutet 1,85 Euro im Schnitt ein Aufschlag von rund einem Fünftel.

Im Dienstwagen schnell unterwegs

Die Grundprinzip der Marktmechanismen besagt: Mit steigendem Preis sinkt die Nachfrage. Beim Sprit ist diese Regel offensichtlich außer Kraft gesetzt. Destatis-Zahlen zeigen, dass in den ersten vier Monaten merklich mehr Rohöl nach Deutschland importiert wurde als im gleichen Zeitraum des Jahres 2019 – also vor der Pandemie, als der Kraftstoff noch etwa 25 bis 30 Prozent billiger war.

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Scholz zur aktuellen Inflation: „Wir stehen vor einer historischen Herausforderung“

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat die Menschen in Deutschland auf eine lange Krise mit hohen Preisen eingestimmt.

Michael Müller-Görnert vom ökologischen Verkehrsclub VCD weist auf aktuelle Berechnungen hin, die diesen Trend bestätigen. „Die Navigationsfirma Tomtom hat Daten von Fahrten tagsüber auf Autobahnen ausgewertet und festgestellt, dass weiterhin munter schnell gefahren wird“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Was ist bloß in die Autofahrer gefahren? Für die Raserei auf den Fernstraßen hat Michael Müller-Görnert eine einfache Erklärung: „Es handelt sich vor allem um Dienstwagenfahrer, die beruflich unterwegs sind und ihre Tankkarten von der Firma haben. Die müssen sich über Spritverbrauch und Spritkosten keine Gedanken machen.“ Dieses Verhalten trage natürlich zu hohen Spritverbräuchen bei, so der VCD-Experte. Und wirkt als Preistreiber. Schließlich versuchen Tankstellenbetreiber permanent, den höchstmöglichen Preis durchzusetzen, Tankkartennutzer sind sehr gern gesehene Kunden.

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Doch nicht jeder Pkw-Lenker ist auf Firmenrechnung unterwegs. Carl-Friedrich Elmer von der Denkfabrik Agora Verkehrswende verweist auf Ökonomen, die nachgewiesen haben, „dass sich bei Kraftstoff die Nachfrage nur sehr langsam an steigende Preise anpasst.“ Wichtig sei zu verstehen, dass Autofahrer für den Moment technologisch feststecken: „Ein Fahrzeug lässt sich für die meisten nicht so einfach auswechseln durch ein sparsameres“, sagte der Verkehrsökonom dem RND.

Das Auto als mobiles Wohnzimmer

Doch er räumt zugleich ein: „In Deutschland tun viele sich beim Thema Auto schwer, sich zu verändern. So spielt das Auto als Statussymbol immer noch eine wichtige Rolle – also dass das eigene Auto größer und leistungsstärker ist als das des Nachbarn.“ Und Autofahren hat viel mit Gewohnheiten zu tun. Diese aufzubrechen sei nicht einfach, bestätigt Müller-Görnert: „Für viele Pendler ist das Auto ihr mobiles Wohnzimmer, wo sie Musik hören können, wo sie abschalten können.“

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Dennoch gibt es Spielräume, zumal laut VCD rund die Hälfte aller Autofahrten kürzer als fünf Kilometer ist. „Manche Strecken können mit dem Fahrrad bewältigt werden, es gibt die Möglichkeit von Fahrgemeinschaften, und Fahrten lassen sich intelligent bündeln“, erläutert Elmer. Das Prinzip Velo statt Auto gehört denn auch zum Standardrepertoire der Spritspartipps des ADAC, nebst vorausschauendem Fahren bei möglichst niedriger Drehzahl oder dem Ausschalten unnötiger elektrischer Verbraucher.

Müller-Görnert bringt die Potenziale zum Senken der persönlichen Inflationsrate auf eine einfache Formel: Wer langsamer fährt, braucht weniger Sprit und spart damit Geld.“ Dem könne am besten noch mit einem generellen Tempolimit auf Autobahnen nachgeholfen werden.

„Von der Kirmes habe ich meinem Sohn nichts erzählt“

Die Inflation treibt die Preise in die Höhe. Besonders hart trifft das Familien mit mehreren Kindern. Wie bewältigen sie den Alltag, wenn alles immer teurer wird? Vier Eltern erzählen.

Elmer schlägt vor, die Sache mit dem Spritsparen spielerisch anzugehen. Etwa mit einem Wettbewerb: „Welche Abteilung in einem Unternehmen sammelt die meisten Fahrradkilometer?“

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Doch dem Experten von der Denkfabrik reichen individuelle Verhaltensänderungen nicht, um von der Abhängigkeit vom teuren Sprit wegzukommen. Denn: „Bei Firmenwagen plus Tankkarte kann man kaum Einsparungen erwarten.“ Diese Kombination tritt bei 20 bis 25 Prozent der neu zugelassenen Pkw auf. Hier sei eine Reform dringend nötig. Private Fahrstrecken müssten erfasst und bei der Versteuerung des geldwerten Vorteils berücksichtigt werden. Ferner müsse eine schnelle Transformation der Pkw-Flotte kommen – in Richtung elektrischer Antriebe und sparsamerer Fahrzeuge.

Privilegien für Dienstwagen streichen

Ein wichtiger Ansatzpunkt sei dabei die massive Dienstwagenprivilegierung, die derzeit den Kauf von großen und schweren Fahrzeugen anreize. Und: „Die Kfz-Steuer muss überdies grundlegend umgebaut werden, um ein starkes CO₂-orientiertes Preissignal bei der Erstzulassung zu setzen.“ Müller-Görnert argumentiert in die gleiche Richtung und fordert zudem, Alternativen zum Auto zu stärken. „Busse und Bahnen müssen so einfach zu nutzen sein wie das eigene Auto.“ Neben dem Abbau der Dienstwagenprivilegien gelte es, die Entfernungspauschale umzugestalten, weil davon derzeit vor allem Besserverdiener profitierten.

Das soll dem Klimaschutz dienen; könnte aber auch bei der Bekämpfung der Inflation helfen. Zahlreiche Rohstoffexperten rechnen damit, dass die Kraftstoffpreise wegen des Ausstiegs aus Energieimporten aus Russland dauerhaft auf hohem Niveau bleiben. Seit Jahresanfang hält sich der Preis der Rohölreferenzsorte Brent oberhalb von 100 Dollar pro Fass (159 Liter). Am Mittwoch tauchte die Notierung wegen wachsender globaler Rezessionssorgen zwar zeitweise unter diese Marke ab, aber am Nachmittag war sie wieder dreistellig.

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