Weltweiter Überblick in Grafiken

Welche Länder auf Atomkraft setzen – und wo die Werke stehen

Hannover. Nach der Havarie der Reaktoren im japanischen Fukushima im Jahr 2011 hat Deutschland beschlossen, den Ausstieg aus der Atomenergie zu beschleunigen. Seit Anfang 2022 sind nur noch drei Reaktoren am Netz, am Ende des Jahres soll ganz Schluss sein mit der Kernenergie auf deutschem Boden. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck will lediglich zwei Kraftwerke als Notreserve in Betriebsbereitschaft halten.

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Viele andere Länder halten dagegen an dieser Form der Stromerzeugung fest oder wollen den Anteil am Energiemix sogar ausbauen. In Folge des Angriffskriegs auf die Ukraine hat etwa Belgien den Atomausstieg um zehn Jahre verschoben – Frankreich hält trotz massiver Probleme weiter an der Kernenergie fest und baut sogar eine weitere Anlage. Die meisten neuen Atomreaktoren entstehen jedoch außerhalb Europas, vor allem in Asien.

Für die Neubauten sind wie schon in den vergangenen Jahrzehnten häufig Standorte nah an der eigenen Landesgrenze und in Küstennähe vorgesehen. Daran hat sich auch seit Fukushima nichts geändert. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) hat die Standorte aller alten und neuen Atomkraftwerke untersucht und die Abstände zum nächsten Nachbarland und zum nächsten Meer ermittelt.

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Kernenergie ist kein Auslaufmodell

Weltweit sind derzeit 437 Nuklearreaktoren in 32 Ländern in Betrieb und decken etwas mehr als zehn Prozent des globalen Strombedarfs. Ihren Höhepunkt hat die Atomkraft in globaler Hinsicht seit den 1990er Jahren überschritten: Damals lag der Anteil laut World Nuclear Industry Status Report an der Stromerzeugung mit 17,5 Prozent deutlich höher. Auch die Zahl der Reaktoren ist seitdem merklich reduziert.

Doch auch, wenn in den vergangenen Jahren mehr AKW vom Netz als neu in Betrieb gingen, heißt das nicht, dass die Zeit der Kernenergie ausläuft.

China produziert mehr als Frankreich

Einige Weltregionen setzen weiter auf nukleare Energie. China zum Beispiel ist zwar erst Anfang der 1990er-Jahre in die Atomenergie eingestiegen. Doch mittlerweile produziert das Land mit seinen 55 Kernkraftwerke mehr Atomstrom als Frankreich. Darüber hinaus befinden sich 16 weitere Anlagen in Bau.

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Auch andere asiatische Staaten setzen auf Atomstrom: Indien baut sechs neue Anlagen, Südkorea drei. Bangladesch, die Vereinigten Arabischen Emirate und die Türkei steigen demnächst in die Atomkraft ein.

Auch in Europa entstehen neue Anlagen

In Europa sind viele Bürger zwar weiterhin skeptisch. Dennoch haben einige Staaten ihre Haltung gegenüber der Kernenergie revidiert. In Schweden zum Beispiel kippte die Regierung den vor 30 Jahren getroffenen Ausstiegsbeschluss. Auch die Slowakei, die Ukraine, Belarus und Russland setzen auf Kernenergie. In Frankreich stand die Kernenergie nie infrage. Am Standort Flamanville in der Normandie befindet sich ein weiteres AKW im Bau.

Neubauten ersetzen alte Reaktoren

Ziel der Neubauten ist aber nicht immer, den Anteil der Atomkraft am Strommix zu erhöhen, sondern häufig dienen sie als Ersatz für in die Jahre gekommene Anlagen. Weltweit beträgt das Durchschnittsalter der Atomkraftwerke inzwischen mehr als 30 Jahre, in Frankreich sind die Anlagen im Durchschnitt sogar älter als 35 Jahre. Die Kernkraftwerke aus dem Boom der 1970er-Jahre vor allem in Europa und den USA nähern sich in absehbarer Zeit dem Ende ihrer wirtschaftlichen Betriebsdauer.

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Klimaschutz treibt die Projekte an

Die Pläne für neue AKW werden vom stetig wachsenden Energieverbrauch und den steigenden Preisen für fossile Energien getrieben. Hinzu kommt ein Argument, das zunehmend an Bedeutung gewinnt: der Klimaschutz. Schließlich wird bei der Produktion von Atomstrom kaum Kohlendioxid emittiert.

Die Nachteile der zivilen Nutzung der Kernenergie wiegen ebenfalls schwer: Der Müll aus Atomkraftwerken muss über Jahrtausende sicher gelagert werden. Bei einem Gau wird das Gebiet rund um das Kraftwerk zum Sperrgebiet. Die verstrahlten Gebiete sind über Generationen nicht bewohnbar.

Standorte spiegeln die Risiken wider

Ein Indiz, dass die Risiken auch von den Erbauern gesehen werden, ist die Wahl der Standorte. In der Regel werden die Anlagen nämlich möglichst nah an den Rand des eigenen Staatsgebiets gebaut, um im Fall der Fälle die eigene Bevölkerung wenigstens ein wenig zu schützen.

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Eine RND-Auswertung aller bisherigen und neuen Standorte ergibt, dass fast ein Drittel der weltweiten Reaktoren weniger als 100 Kilometer Abstand zum nächsten Nachbarland hält. Armenien rückt der Türkei auf die Pelle, China Hongkong, die USA Kanada und Russland auch in dieser Hinsicht der Ukraine. Russland baut zudem ein Atomkraftwerk in seiner Exklave Kaliningrad an der Ostsee, direkt an der Grenze zu Litauen.

Diese Praxis findet sich in allen Erdteilen mit Ausnahme Afrikas, das ohnehin nur zwei Reaktoren in Südafrika unterhält, und Ozeaniens, das gänzlich auf Kernenergie verzichtet. Weltweit stehen 30 Anlagen sogar näher als zehn Kilometer von der Grenze entfernt. Am dichtesten steht das schweizerische AKW Leibstadt in unmittelbarer Nähe zum Rhein und damit nur rund einen Kilometer von deutschem Staatsgebiet entfernt.

Die folgende Tabelle zeigt alle betriebenen und in Bau befindlichen Atomkraftwerke weltweit. In vielen Fällen gehören zu einem AKW mehrere Reaktoren. Die rechten Spalten enthalten die Abstände zum Meer und zur Grenze des nächstgelegenen Nachbarlands.

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Neubauten trotz Risiken in Küstennähe

Viele Kernkraftwerke liegen zudem an der Küste oder an Flüssen, weil sie enorm viel Wasser benötigen. Das gilt auch für die Neubauten, obwohl die Katastrophe von Fukushima die Risiken dieser Praxis sichtbar gemacht haben.

Die Häufigkeit von Naturkatastrophen wie Stürmen, Hurrikans und Tsunamis nehme durch den Klimawandel zu und der Anstieg des Meeresspiegels mache die meeresnahen Reaktoren noch anfälliger, warnt Brahma Chellaney, Professor für strategische Studien am Center for Policy Research in New Delhi. So liegen zum Beispiel viele der Kernkraftwerke an der britischen Küste nur wenige Meter über dem Meeresspiegel.

Die RND-Analyse zeigt: Weltweit liegen 179 Reaktoren rund einen Kilometer oder weniger vom Meer entfernt, darunter Neubauprojekte in Frankreich, Japan, China, Finnland, der Türkei und Brasilien.

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