Wirecard-Insolvenzverwalter: Von allen Seiten Steine in den Weg gelegt bekommen

Der Schriftzug von Wirecard an der damaligen Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters in Aschbeim bei München (Archivfoto).

Der Schriftzug von Wirecard an der damaligen Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters in Aschbeim bei München (Archivfoto).

München. Auf den Treuhandkonten sollten eigentlich 1,9 Milliarden Euro liegen. Die Rede ist von Geld, das der Pleitekonzern Wirecard bei Banken erst in Singapur, dann auf den Philippinen deponiert haben will und auch in eigenen Bilanzen ausgewiesen hat. Der neue Sachstandsbericht, den Wirecard-Insolvenzverwalter Michael Jaffe gerade erstellt hat, spricht eine andere Sprache.

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Denn mittlerweile konnte der Jurist einen genauen Blick in die Treuhandkonten werfen. „Die Kontoauszüge belegen, dass die vermeintlichen Milliardenbeträge … nicht existent waren“, schreibt Jaffe. Es habe sich eher um Spesenkonten gehandelt. Auf einem fand er noch 2 Millionen Euro vor, auf einem zweiten unter 3000 Euro. Zahlungseingänge angeblicher Wirecard-Geschäftspartner darauf gab es nicht.

Auch Nachforschungen bei Kreditkartenfirmen hätten ergeben, dass das Wirecard-Geschäft in weiten Teilen nur erfunden war. Dafür wurde über die angeblichen Treuhandkonten bei einem Spielzeughändler eingekauft, Sprit getankt und vorzugsweise an Wochenenden in der Tanzbar Hedgehog in Singapur konsumiert. Für Letzteres fand Jaffe mehr als 660 Abbuchungen. Der Bezahlterminal des Etablissements sei zudem für Barabhebungen genutzt worden. Das klingt eher nach großer Sause als nach treuhänderischer Tätigkeit.

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In weiten Teilen liest sich der 166-seitige Bericht Jaffes, der dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorliegt, allerdings wenig vergnüglich. Stattdessen wirkt er wie ein Report über eine Aufklärung, der von allen Seiten Steine in den Weg gelegt werden – nicht nur in der Ferne, sondern geballt auch hierzulande. So wurden Jaffes Auskunftsersuchen nicht nur vom Wirecard-Wirtschaftsprüfer EY abgelehnt, sondern auch vom Bundesjustizministerium, der Aufsichtsstelle für Abschlussprüfer mit dem Kürzel Apas und der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR).

Alle vier Blockierer hat Jaffe mittlerweile auf Auskunft verklagt, weil er dort wichtige Informationen für seinen Fall vermutet. „Es wird wohl befürchtet, dass Negatives über das jeweils eigene Haus ans Tageslicht kommen könnte“, vermutet eine mit den Vorgängen vertraute Person zur weitverbreiteten Verweigerungshaltung. Jaffe selbst will die nicht kommentieren.

Mehr als 35.000 Forderungen von Wirecard-Geschädigten

Auf dem Tisch liegen hat er mittlerweile über 35.000 Forderungen von Wirecard-Geschädigten, die sich abzüglich wieder zurückgenommener Ansprüche auf netto 14 Milliarden Euro summieren. Rund 4000 Forderungen von Wirecard-Aktionären seien in dieser Summe allerdings noch nicht enthalten, schreibt Jaffe im Bericht. Es wird also noch mehr werden.

Dem gegenüber stehen Erlöse, die der Jurist aus dem Verkauf der Insolvenzmasse erzielt hat von bislang rund einer dreiviertel Milliarde Euro. Dieses Verhältnis von Forderungen und Masse macht klar, dass Geschädigte kaum etwas von ihrem Geld wiedersehen werden. Vor allem gilt das für Aktionäre, deren Ansprüche heftig umstritten sind.

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Inzwischen erstellte Gutachten kommen hier zu unterschiedlichen Ergebnissen. Aktionären, die für 2017 und 2018 von Wirecard Dividende kassiert haben, droht sogar deren Rückzahlung. Denn Jaffe hat die Abschlüsse angefochten und will sie für nichtig erklären lassen. Wirecard habe nie, wie bilanziell ausgewiesen, Gewinn, sondern Milliardenverluste gemacht und hätte deshalb keine Dividende zahlen dürfen, begründet er seinen Griff nach der Ausschüttung.

Schwer in Bedrängnis bringt der Report auch die Verteidigungsstrategie des seit Sommer 2020 in Untersuchungshaft sitzenden ehemaligen Wirecard-Chefs Markus Braun. Dessen Anwälte sagen, ihr Mandant sei selbst Opfer und nicht Täter. Die von Jaffe als niemals existent bezeichneten Milliarden auf den Treuhandkonten habe es schon gegeben. Der flüchtige Vorstandskollege Jan Marsalek und seine Komplizen hätten sie aber auf andere Konten eingezahlt, auf die nur sie Zugriff hatten.

Jaffes Report liest sich anders. Angebliche Geschäfte mit Milliardenerträgen hat es bei Wirecard nie gegeben, glaubt er beweisen zu können.

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