Ein Prosit auf die Stammkneipe: Wo Lebensrealitäten aufeinander treffen

Am Stammtisch versammeln sich mitunter Menschen, die sich im normalen Alltag nicht gefunden hätten.

Am Stammtisch versammeln sich mitunter Menschen, die sich im normalen Alltag nicht gefunden hätten.

Ein Paar Rollschuhe steht im Flur. Jedes Mal, wenn ich aus der Klotür komme, sind die roten Schuhe in meinem Blickfeld. Mit jedem Bier in der Stammkneipe steigt die Lust, die Rollschuhe an meinen Schuhen zu befestigen. Schade, denke ich, hätte ich doch flache Schuhe angezogen. Irgendwann poltert es. Mit beiden Händen stützt er sich links und rechts an den Wänden, schubst sich los, rollt in den Kneipenraum, hebt die Arme in die Luft und ruft mehr, als er singt: „Starlight Express, Starlight Express!“

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Ich komme vom Dorf. Die Dorfkneipe hatte unter uns Jüngeren und unter Frauen generell nicht den besten Ruf. Es war hauptsächlich eine Ansammlung von älteren Herren, die zu viel tranken, Stammtischparolen losließen und sich nicht gerade politisch korrekt äußerten.

Kneipen im Lockdown: Eine Kultur, eine Gemeinschaft, die fehlt

20 Jahre später, im Lockdown 2020/2021, ist es die Kneipenkultur, die mir am meisten fehlt. Die Stammkneipe liegt auf meinem Arbeitsweg, regelmäßig radle ich an ihr vorbei. Sie hat schon immer verlassen ausgesehen. Der Eingang ist versteckt. Auch wenn zwei, drei Schilder den Weg weisen – sie sind wegen der Örtlichkeit leicht zu übersehen. Spontane Laufkundschaft gibt es nicht. Aber auf mich wirkt die Kneipe in diesen Tagen noch verlassener als sonst.

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Der lange Winter-Lockdown sorgte bei Wirtinnen und Wirten für Existenzangst. Doch: Das große Gastro-Sterben blieb aus, Überbrückungshilfen des Bundes federten ein wenig ab. Dann kam der Herbst 2021. Kneipen, Gaststätten und Restaurants sind geöffnet. Nur: Es kommt kaum einer mehr. Für ein, zwei Bier ewig im Kalten anstehen, um einen Corona-Schnelltest zu machen? Da weichen viele doch lieber auf das heimische Wohnzimmer aus.

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Kneipen erfüllen eine wichtige soziale Funktion

Ein Freitag im Dezember 2021. Rund 20 Leute sind wir heute. Es ist eigentlich nicht genug Platz für uns alle an dem Tisch, auf dem das Stammtischschild steht. Aber wir rücken die Stühle so zusammen, dass es passt. Es ist erwiesen, dass Kneipen, Bars und Gaststätten eine soziale Funktion erfüllen. Zahlreiche Studienarbeiten erzählen davon. Menschen, die einsam sind, finden hier Anschluss und Gesellschaft – auch ohne ein Wort wechseln zu müssen. Wir reden miteinander, wir haben uns angefreundet, doch es ist dieses Gefühl der Gemeinschaft, das uns verbindet.

Es sind jene hier, die jedes Wochenende da sind. Ohne diesen Ort hier, denke ich, hätte ich diese Menschen nie kennengelernt. Unsere Welten, unsere Lebensrealitäten, sind viel zu verschieden, als dass wir andernorts zufällig hätten aufeinander treffen können. Koch und Chemikerin, Wissenschaftler und Impfskeptikerin, Student und Arbeitsloser, Sozialarbeiter und Rentner, Journalistin und Soldatin, Weltenbummlerin und Alteingesessener.

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„Alster?“, ruft es hinter der Theke vor. Ich nicke.

Wir trinken, wir streiten, wir feiern, wir weinen, wir lachen, wir lieben

Freundschaften bilden sich meist unter Gleichgesinnten, wir finden uns in der Schule, an der Uni, auf der Arbeit. Unser Kreis ist oft eingeschränkt. Die Blasen in den sozialen Medien verstärken das. Doch hier, in der Kneipe, sind wir eine zusammengewürfelte Gruppe, die nur eines verbindet: eine Leidenschaft für den gleichen Fußballverein. So kamen wir alle miteinander ins Gespräch, die gleichen Vereinsfarben verbinden.

Manche kommen hin und wieder mal, andere mehrmals die Woche, auch ohne Fußball. Manche verabschieden sich nach dem Abpfiff, andere sitzen mitten in der Nacht noch mit Kellnerin, Kellner oder Besitzer zusammen. Wir lachen zusammen und weinen zusammen, wir trinken, streiten und feiern, es sind Liebesbeziehungen entstanden und Schwangerschaftsbäuche gewachsen.

Die Kneipe – eine Parallelwelt zum normalen Alltag

Es ist eine merkwürdige Parallelwelt, die hier für mich entstanden ist. Wir machen Quatsch und führen tiefgründige Gespräche, wir diskutieren über aktuelle Politik, die letzte Urlaubsreise und was Trainer und Manager mal wieder falsch gemacht haben. Gleichzeitig hat diese Welt keinerlei Berührungspunkte mit meinem Alltag, mit Arbeit und Freundeskreis, mit Familie und meinem sonstigen Sozialleben.

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Draußen mein Alltag, bis ich das Fahrrad abschließe, den QR-Code für den Einlass scanne und hineintrete. Drinnen bin ich gleichsam ich selbst und eine andere Version meiner selbst. Mit der einen oder dem anderen treffe ich mich auch mal außerhalb, aber es sind auch hier wieder diejenigen, die ich vielleicht auch so mal kennengelernt hätte, an der Uni, auf der Arbeit.

Sichtweisen, die ich in meinem Freundeskreis nie bekommen würde

Vielleicht ist das der Grund, warum mir die Kneipenkultur im Lockdown so gefehlt hat – und so sehr fehlen würde, wenn es die Stammkneipe irgendwann nicht mehr gäbe. Es ist eine Gruppendynamik, die nur in diesem geschützten Raum funktioniert. Es sind Menschen, die ich lieb gewonnen habe, auf die ich mich freue. Aber es sind auch Menschen, die kein Teil meines Alltags sind. Ich würde sie wohl, auch wenn ich sie mag, außerhalb nicht mehr sehen. Es würde sich verlaufen, wie man gerne sagt.

2 Uhr morgens an einem Samstag. Das Abendspiel wurde gewonnen. Von der Regel, bei jedem Tor und einmal für den Sieg einen Schnaps zu trinken, sind wir abgewichen. Trotz der Freude über den Sieg diskutieren wir über ernsthafte Themen. Wir sprechen über Impfpflicht und Triage, über Erwartungen an die neue Bundesregierung und über Entwicklungspolitik, über Familiengründung und Fridays for Future.

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Ich bekomme hier Anregungen und Perspektiven, die ich in meinem Freundeskreis nie bekommen würde – weil dieser viel zu homogen ist und wir in viel zu vielen Dingen viel zu ähnlich ticken. Was die Menschen aus meiner Kneipe beschäftigt, spielt in meinem normalen Umfeld gar keine Rolle, weil sich noch niemand darüber Sorgen machen musste. Der Kneipenbesuch – er erweitert den Horizont.

Was wäre, wenn die Kneipe Corona nicht überlebt?

Der Wirt setzt sich zu uns. An jedem Abend passiert das irgendwann, wenn sich der Raum leert und nur noch vereinzelt andere Gäste sitzen. Meist bringt er eine Runde Schnaps mit – aufs Haus, für die treue Kundschaft. Er erzählt uns, wie eng es langsam wird, nach fast zwei Jahren Corona. Wie im Stich gelassen er sich fühlt. Von der Politik, von anderen Kunden, die früher hier ein- und ausgingen und nach den beiden Lockdowns nicht zurückkamen. Von Versprechen, die nie eingehalten wurden.

Es ist der Moment, in dem mir die Bedeutung dieses Ortes bewusst wird. Was wäre, wenn die Kneipe Corona nicht überlebt? Was würde das mit den Menschen hier machen? Was würde aus den Beziehungen, die hier mit den Jahren entstanden sind?

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Ich möchte nicht darüber nachdenken, denn ich weiß: Auch wenn mir dieser Ort fehlen würde, in meinem normalen Alltag würden die meisten der Leute hier wohl keinen Platz finden.

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