Folgen für Umwelt und Gesundheit möglich

Forschende warnen: Wäschetrockner setzen Mikroplastik frei

Wer Energie sparen und zusätzlich die Umwelt schützen will, sollte häufiger auf den Trockner verzichten und die Kleidung lieber auf die Leine hängen.

Wer Energie sparen und zusätzlich die Umwelt schützen will, sollte häufiger auf den Trockner verzichten und die Kleidung lieber auf die Leine hängen.

In vielen Wohnungen laufen Wäschetrockner mehrmals pro Woche – und setzen aus Textilien faseriges Mikroplastik frei. Von den Filtern in den Geräten werden ein großer Teil der abgelösten Fasern und Faserbruckstücke zurückgehalten, aber bei weitem nicht alles, sagt Maike Rabe, Leiterin des Forschungsinstituts für Textil und Bekleidung an der Hochschule Niederrhein. Wäschetrockner gehörten daher nicht ins Zimmer, sondern höchstens in den Keller, betont die Expertin. Die beste Lösung mit Blick auf Umwelt, Klima und Gesundheit sei, ganz auf die Geräte zu verzichten und die Wäsche stattdessen auf die Leine zu hängen.

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Analysen von Rabes Teams zufolge liegt die Menge des pro Durchgang von Textilien gelösten Materials bei Trocknern höher als bei Waschmaschinen. Einer Anfang 2022 im Fachblatt „Environmental Science & Technology Letters“ veröffentlichten Analyse zufolge setzen Trockner im Betrieb sogar bis zu 40 mal so viele mikroskopisch kleine Teilchen aus der Kleidung frei wie Waschmaschinen.

Große und kleine Partikel landen in der Natur

„Textilien aus synthetischen Fasern wie Polyester und Acryl sind eine der Hauptquellen der unbeabsichtigten Freisetzung von Mikroplastik in die Umwelt“, heißt es bei der EU-Kommission. Als Mikroplastik werden Teile mit weniger als fünf Millimetern Größe bezeichnet. Über Luftströmungen können die Partikel in entfernte Gegenden getragen werden. Faserige Kunststoffmikropartikel wurden selbst im Schnee der Arktis nachgewiesen. Größere Partikel werden durch mechanische Beanspruchung und andere Prozesse spröder und fragmentieren zu immer kleineren.

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In Deutschland werden die in Waschmaschinen entstehenden Partikel mit dem Abwasser zu Kläranlagen geleitet und dort weitgehend zurückgehalten, wie Ergebnisse aus dem Förderschwerpunkt „Plastik in der Umwelt“ des Bundesforschungsministeriums zeigten. Beim Trockner kann je nach verwendetem Modell zumindest ein kleiner Teil in die direkte Umgebung gelangen.

Die Zahl der Geräte ist riesig: In Europa sind rund 30 Prozent der Haushalte mit Wäschetrocknern ausgestattet, in Deutschland 48 Prozent, wie es von der BSH Hausgeräte GmbH heißt, einem der größten Hersteller von Haushaltsgeräten in Europa. In den USA sind es demnach sogar 77 Prozent, in China nur 0,3 Prozent.

Kampf gegen Plastik: Noch keine Trendwende in Sicht

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Luftgetragenes Mikroplastik weltweit allgegenwärtig

Neben der Hitze wirkt die Reibung beim Umwälzen in der Trommel zerstörerisch auf Gewebe. Sehen kann man die von Trocknern freigesetzten superfeinen Plastikflusen meist nicht, solange sie sich nicht zu Flocken angesammelt haben. Durch die Filter der Geräte schlüpfen vor allem die kleineren Faserbruchstücke.

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Typische Kunststoffkleidungsstücke sind etwa Fleecepullover, Sportkleidung, Outdoorjacken und Unterwäsche. Vielfach sind die Ausgangsstoffe – oft Polyethylen, Polyamid oder Polyester – chemisch behandelt, Outdoorausrüstung zum Beispiel mit per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS). Viele davon werden in der Natur kaum abgebaut und reichern sich in der Nahrungskette an, manche gelten als krebserregend oder können die Fruchtbarkeit schädigen.

Für Fische, Seevögel und andere Meeresbewohner wurde bereits in Studien gezeigt, dass Mikroplastik ihre Gesundheit beeinträchtigen kann. Luftgetragenes Mikroplastik ist Studien zufolge weltweit allgegenwärtig – und besonders häufig in Innenräumen anzutreffen, in denen sich Menschen viele Stunden am Tag aufhalten. Was für Folgen drohen, wenn der Mensch faseriges Mikroplastik etwa aus Trocknerabluft samt Farben und anderen Chemikalien einatmet, ist unklar.

Auswirkungen von Mikroplastik auf die Gesundheit derzeit unklar

Textiltypische Fasern haben Rabe zufolge einen Durchmesser von mindestens drei, häufiger zehn Mikrometern, so dass das Risiko, dass sie in die Atemwege gelangen, gering sei. „Dennoch sollten genauere Untersuchungen angeregt werden.“ Mit Kunststoffanalytik im Luftbereich habe man gerade erst angefangen, erklärt Wolfram Birmili vom Fachgebiet Innenraumhygiene und gesundheitsbezogene Umweltbelastungen des Umweltbundesamts. „Über Gesundheitsfolgen ist darum wenig bekannt bisher.“

In einer britischen Studie wurde Mikroplastik in 11 von 13 Lungenproben lebender Menschen nachgewiesen. Die Partikel waren bis zu 2475 Mikrometer lang und bis zu 88 Mikrometer breit, Fasern kamen häufiger vor als rundliche Partikel. Eine Anreicherung eingeatmeten Mikroplastiks im Lebensverlauf sei vorstellbar, die Folgen noch unklar, schrieben die Forschenden um Laura Sadofsky von der Hull York Medical School im Fachjournal „Science of The Total Environment“.

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Dem Team zufolge gibt es bisher kaum Analysen zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Mikroplastik im Größenbereich von zehn Mikrometern bis fünf Millimetern. Solche Partikel seien bisher meist als zu groß angesehen worden, um samt der daran gebundenen Farbstoffe und Zusatzstoffe tief in die Lunge zu gelangen.

Die Lunge habe durchaus Mechanismen, um eingedrungene Partikel wieder nach oben zu befördern und loszuwerden, erklärt Birmili. Erst unterhalb von etwa einem Mikrometer würden Kunststoffstückchen in Zellen aufgenommen. Abgebaut würden sie anders als etwa Baumwollfasern nicht. Dass viele derart kleine Partikel mit der Trocknerabluft freigesetzt werden, hält Birmili für unwahrscheinlich.

Die für die Zerstückelung der Plastikfasern nötigen physikalischen Kräfte würden in den Geräten nicht freigesetzt. Bei einer Bewertung des Risikos seien aber auch Zusätze wie Nanosilber, Farbstoffe und zu den PFAS zählende Substanzen zu beachten, bei denen die schleichenden, langfristigen sowie die sich im Mix aufaddierenden Effekte häufig noch nicht klar seien.

Porengröße entscheidet über Filtermöglichkeiten

Von der BSH Hausgeräte GmbH heißt es, dass bei BSH-Wäschetrocknern mit zwei im Türbereich angeordneten Flusensieben zwei unterschiedliche Maschenweiten vorlägen: eines mit 50 und eines mit 200 Mikrometern. Während einer Trocknung sammelten sich die Partikel auf dem Filter zudem zu einer Matte an, die einen weiteren, feinporigen Filter bilde.

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Claus Gerhard Bannick vom Fachbereich Abwassertechnikforschung und Abwasserentsorgung des Umweltbundesamtes erklärt dazu: „Je kleiner die Filterporen sind, umso mehr Energie braucht man, um die Abluft des Trockners hindurchzubekommen. Die Porengröße ist somit immer ein Kompromiss zwischen der Abfangrate und dem Energieverbrauch des Geräts." Zudem dauere bei kleineren Poren im Filter das Trocknen länger.

Bei der in „Environmental Science & Technology Letters“ vorgestellten Analyse wurde ein sogenannter Ablufttrockner verwendet, dessen feucht-warme Abluft über einen Schlauch durch ein Fenster nach draußen geleitet wird. Bei regelmäßigem Betrieb würden von einem solchen Trockner pro Jahr zwischen 90 und 120 Millionen Mikrofasern in die Umgebungsluft freigesetzt, so die Hochrechnung der Forschenden um Kai Zhang und Kenneth Leung von der City University Hong Kong. Inwiefern die Ergebnisse auf sogenannte Kondensationstrockner übertragbar sind, geht aus der Studie nicht hervor.

Heutzutage enthalten nahezu alle Textilien synthetische Fasern

In den USA sind nach Angaben der BSH Hausgeräte GmbH 98 Prozent der Wäschetrockner in Haushalten Ablufttrockner. In Deutschland seien es hingegen zu 99 Prozent Kondensationstrockner, bei denen das aus der nassen Wäsche entfernte Wasser durch einen Filter geleitet wird und kondensiert. Der Auffangbehälter des Gerätes muss regelmäßig entleert werden, die entfeuchtete Abluft wird in die Umgebung abgeleitet.

Einer von US-Forschenden um Neil Lant vom Waschmittelhersteller Procter & Gamble in der Fachzeitschrift „PLOS ONE“ vorgestellten Analyse zufolge werden in Nordamerika jedes Jahr mehr als 30 Milliarden Wäscheladungen in Ablufttrocknern getrocknet, etwa 60.000 Ladungen starten jede Minute, wodurch jährlich tausende Tonnen Fasern in die Luft gelangen.

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Bei Testreihen ihres Teams habe sich gezeigt, dass bei den ersten beiden Wäschen rund 200 bis 300 Milligramm Mikroplastik je Kilogramm Textil freigesetzt werden, sagt Textilforscherin Maike Rabe. Nach rund zehn Wäschen pendele sich der Wert bei etwa 10 Milligramm ein. „Wird die Wäsche mit einem Wäschetrockner getrocknet, kommt jeweils mindestens noch einmal dieselbe Menge obendrauf.“ Beim Trocknen auf der Leine werde dagegen kaum Mikroplastik freigesetzt.

Früher dominierte Baumwolle den Textilbereich. „Inzwischen sind 65 Prozent aller Textilfasern synthetische Fasern“, sagt Rabe. Verschärft wird das Problem durch die Gier nach immer neuen Klamotten und immer kürzere Modezyklen. „Der Konsum ist immens gestiegen, die Masse global verkaufter Textilien hat sich binnen 15 Jahren verdoppelt.“ Der erzielte Umsatz sei in etwa gleich geblieben – um dennoch Gewinn zu machen, werde schlechtere Qualität geboten.

Übermäßiger Konsum schadet auch der Umwelt

Von der EU heißt es, der Verbrauch von Textilien sei nach der Lebensmittelherstellung, dem Wohnungsbau und der Mobilität der viertstärkste Faktor, was die Auswirkungen auf Umwelt und Klimawandel angehe. „Weltweit wird jede Sekunde eine LKW-Ladung Textilien auf Deponien abgelagert oder verbrannt."

Beim Konsum liegt also ein entscheidender Ansatzpunkt dafür, die Menge freigesetzten faserigen Mikroplastiks zu vermindern. Vermindern lasse sich die Freisetzung auch einfach dadurch, weniger zu waschen, so Rabe. Nutzerinnen und Nutzer von Waschmaschinen und Trocknern sollten zudem darauf achten, die Flusensiebe nicht in den Abfluss, sondern den Restmüll zu leeren. „Etwa 95 Prozent der Mikroplastikpartikel filtern die Kläranlagen in Deutschland zwar raus“, erklärt Rabe. Aber gerade faseriges Mikroplastik schlängele sich eher mal durch die Poren und werde schlechter herausgefiltert.

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Hinzu komme, dass der Klärschlamm aus den Anlagen zwar zu einem großen Teil verbrannt werde, ein Teil aber in der Landwirtschaft noch immer als Dünger genutzt werde. So landen die Partikel aus Waschmaschine und Trockner im Boden, werden von Pflanzen aufgenommen – und können sich letztlich auf unseren Tellern finden.

Forschende um Collin Weber von der Universität Marburg haben kürzlich nachgewiesen, dass Kunststoffpartikel aus ausgebrachtem Klärschlamm im Acker auch nach 30 Jahren noch erhalten waren. Der im Fachjournal „Scientific Reports“ vorgestellten Analyse zufolge stammt das meiste Mikroplastik auf Ackerflächen aus der landwirtschaftlichen Praxis, zum Beispiel aus der Düngung mit Klärschlamm. Der Abfall aus Kläranlagen enthalte im Schnitt fast 100 Plastikteilchen pro Gramm.

RND/dpa

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