Sammlung hat unschätzbaren Wert

Sorge um Saatgutbank in Charkiw: Haben die Russen ein wichtiges Pflanzenbackup zerstört?

Weizenkörner in einem Getreidesilo (Symbolfoto).

Weizenkörner in einem Getreidesilo (Symbolfoto).

Berlin. Agrarwissenschaftler, Pflanzenzüchter und Landwirte weltweit schauen nach Berichten in ukrainischen Onlinemedien über die Zerstörung einer wichtigen internationalen Samengutbank im Jurjew-Institut für Pflanzenbau in Charkiw mit noch größerer Sorge ins Kriegsgebiet.

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Forschungsleiter Sergej Awramenko hatte am 14. Mai auf seinem Youtube-Kanal in einem mehrere Minuten langen Video erklärt, dass bei einem russischen Angriff die ukrainische Sammlung von Pflanzensorten, er spricht von 160.000, weitestgehend verbrannt sei. Er steht dabei in einem ausgebrannten Haus und greift in am Boden liegende verkohlte Samenkörner.

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Awramenko zufolge haben sich auf dem Institutsgelände weder Truppen noch einzelne Soldaten der ukrainischen Armee befunden. „Der Angriff galt genau dem Ort, an dem die Bank für pflanzengenetische Ressourcen gelagert wurde“, so der Wissenschaftler in dem Video, das allerdings seit 19. Mai nicht mehr abzurufen ist.

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Also: Wie schwer ist die Gendatenbank wirklich betroffen? Und welche Folgen hätte eine vollständige Zerstörung?

Saatgutbank zerstört? Team bemüht sich um Aufklärung

Ein internationales Forscherteam bemüht sich seit Auftauchen des Videos um Aufklärung. Beteiligt ist auch Frank Begemann von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Er spricht davon, dass die Einrichtung in Charkiw bedeutend sei. „Wir gehen davon aus, dass etwas zerstört worden ist. Allerdings befindet sich die ganze Sammlung nie an einem Ort.“

Baerbock: Es geht nicht nur um Getreide, sondern auch um Energieversorgung weltweit

Vor dem G7-Treffen in Weißensee schwört die Außenministerin Annalena Baerbock ihre Kolleginnen und Kollegen auf gemeinsame Lösungen ein.

Wie wenig sie dabei auf offizielle Stellen in der Ukraine setzen können, zeigen die Tweets des Außenministeriums in Kiew und der Stadt Charkiw.

Saatgutbank von Russen zerstört?

Das Ministerium meldet am 18. Mai: „160.000 Samenproben wurden vernichtet, darunter einzigartige, die nicht wiederhergestellt werden können. Die Institution überlebte den Zweiten Weltkrieg, wurde aber durch die Russen zerstört.“

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Dabei hatte Charkiw auf dem offiziellen Stadtaccount bereits am Tag zuvor erklärt: „Die Hauptkollektion ist unbeschädigt.“ Sie befindet sich an mehreren Standorten in unterirdischen Gewölben.

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Stefan Schmitz, Direktor des international agierenden und unabhängigen Welttreuhandfonds für Kulturpflanzen (Crop Trust) mit Sitz in Bonn, gehört zu dem Wissenschaftlerteam, das mehr herausfand.

Deutschland lagert in Gatersleben

Er gibt leichte Entwarnung: „Entgegen den jüngsten Medienberichten geht die Leitung der Genbank davon aus, dass die wichtigsten Saatgut­sammlungen noch sicher sind und dass die Schäden, die wir online sehen, hauptsächlich eine landwirtschaftliche Forschungsstation betreffen. Leider wurden einige Arbeitssaatgut­sammlungen, die sich in dieser Versuchsstation befanden, zerstört.“

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Die Aufregung um das Schicksal der Saatgutbank ist verständlich. 1400 Einrichtungen dieser Art gibt es weltweit. Sie sammeln vor allem die Samen der regional vertretenen Kulturpflanzen – alte und neue Sorten.

Deutschlands zentrale Genbank befindet sich in Gatersleben in Sachsen-Anhalt. Derzeit lagern hier und an zwei weiteren Standorten knapp mehr als 151.000 Proben. Damit gehört sie zu den zehn größten weltweit.

Arche Noah der Pflanzen

„Es ist das Backup unserer genetischen Vielfalt“, erklärt Professor Andreas Börner von der Genbankabteilung am Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzen­forschung Gatersleben. „Dieses Riesenreservoir an Informationen, beispielsweise über Resistenzen, kann uns in Nöten immer weiterhelfen.“ Der Wert sei unschätzbar.

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Seit 2008 gibt es deshalb einen globalen Saatguttresor auf der zur norwegischen Inselgruppe Svalbard gehörenden Insel Spitzbergen. Es ist ein Projekt von Crop Trust.

Dabei geht es vor allem um die Lagerung von Saatkörnern solch wichtiger Lebensmittel wie Reis, Mais, Weizen, Kartoffeln, Früchten, Nüssen oder Wurzelgemüse. Die Bank ist so etwas wie die Arche Noah der Pflanzen. Sie sollen im Katastrophenfall nachgezüchtet werden können.

Samen im Tiefschlaf

Das Saatgut wird bei minus 18 Grad Celsius gelagert. Der umgebende Permafrostboden soll vor Schäden schützen, falls die Kühlung einmal ausfällt. Doch der Klimawandel arbeitete zuletzt auch auf Spitzbergen gegen solche natürlichen Absicherungen. Die Samen lagern hier quasi im Tiefschlaf und halten so im Durchschnitt mehrere Jahrzehnte. Alte Samen werden kontinuierlich ersetzt.

Den Praxistest hat der Svalbard Global Seed Vault 2015 bestanden. Damals 2015 wurden erstmals Samenproben aus dem Welttresor ins Internationale Zentrum für landwirtschaftliche Forschung in Trockengebieten (Icarda) im syrischen Aleppo zurückgegeben. Der Grund: Die Saatgutsammlung war im Bürgerkrieg völlig zerstört worden.

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Mittel im Kampf gegen Hunger

So bedeutend die Saatgutbank in Aleppo für den Pflanzenbau in trockenen Regionen ist, so wichtig ist die ukrainische Sammlung wegen ihrer hochwertigen und widerstands­fähigen Getreidesorten, vor allem Weizen, betont Professor Börner in Gatersleben. „Viele Züchter kreuzen ihn ein in ihre Sorten, die Vernichtung wäre weltweit – auch zur Bekämpfung des Hungers – eine Katastrophe.“

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Deshalb ist es erstaunlich und hochgefährlich, dass auf Spitzbergen aus der Ukraine derzeit lediglich 2800 Proben mit jeweils 500 Samen lagern, meint Börner. Zum Vergleich: Deutschland lagert dort derzeit etwa 65.000 Proben.

Auch Crop-Trust-Direktor Schmitz warnt: „Alles, was verloren geht, ist für immer verloren.“

Warnschuss für Forscher

Die verwirrenden Meldungen aus Charkiw sind den Forschern und Forscherinnen Warnschuss und Ansporn, ein Netzwerk zur Unterstützung der ukrainischen Kollegen zu installieren. Schmitz: „Jedes in einer Genbank aufbewahrte Saatgutmuster stellt eine einzigartige zusätzliche Option dar, die Züchtern, Forschern und Landwirten im Kampf gegen den Klimawandel und die Ernährungs­unsicherheit zur Verfügung steht.“

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Leider wären die Menschen bereits heute mit einem noch nie da gewesenen Verlust an landwirtschaftlicher Biodiversität auf den Feldern der Landwirte konfrontiert, sagt er. „Wir dürfen nicht auch noch die Pflanzenvielfalt aus Genbanken verlieren.“

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