“Prinzessinnenjungs”: Ein Buch über das Ende der Geschlechterrollen

Nils Pickerts erstes Buch “Prinzessinnenjungs” will Geschlechterrollen abschaffen.

Nils Pickerts erstes Buch “Prinzessinnenjungs” will Geschlechterrollen abschaffen.

Da ist dieser langhaarige Junge, gerade mal drei Jahre alt, der sich beim Friseur einen Kurzhaarschnitt wünscht – und auf Widerstand stößt. Denn der Friseur glaubt ein Mädchen vor sich – und präsentiert ihm und dem mitgekommenen Vater vor dem radikalen Frisurenwechsel erst mal als Alternative eine Auswahl mehr oder minder kunstvoller Langhaarschnitte. Dann hört er, dass das langhaarige Kind ein Junge ist – legt befreit los und verwandelt es in einen “richtigen kleinen Jungen”.

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Da ist dieser Junge, gerade einmal fünf Jahre alt, der begeistert die leuchtend bunten Röcke und Kleider seiner zwei Jahre älteren Schwester aufträgt – und damit in Berlin-Kreuzberg weder in der Kita noch auf dem Spielplatz sonderlich auffällt. Als seine Eltern aber ins baden-württembergische Villingen umziehen, ändert sich das. Plötzlich wird er für seine als nicht geschlechtergerecht empfundenen Kleidervorlieben von Kindern und Erwachsenen mit heftigen Worten beschimpft. Als “Mädchen”, “Schwuchtel” und “Missgeburt” muss er sich bezeichnen lassen.

“Papa im Rock” als Vorbild

Beide Jungs, möglicherweise ist es auch ein und derselbe, kommen in Nils Pickerts erstem Buch mit dem schönen Titel “Prinzessinnenjungs” vor. “Wie wir unsere Söhne aus der Geschlechterfalle befreien”, darum soll es gehen. Pickert hat Erfahrung damit. Der freiberufliche Journalist, Vater von inzwischen vier Kindern, wurde 2012 einer größeren Öffentlichkeit bekannt, als er seinen Kleider und Röcke liebenden Sohn mit einer ungewöhnlichen Aktion unterstützte. Er zog selbst einen Rock an, einen roten Rock zu grünem T-Shirt, und spazierte mit seinem ein rotes Kleidchen mit Spaghettiträgern tragenden Sohn Hand in Hand durch die Villinger Innenstadt.

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Es sei sein Weg, die Schultern für seinen kleinen Kerl breit zu machen, schreibt er damals, schließlich könne er ja von einem Kind im Vorschulalter nicht das gleiche Durchsetzungsvermögen erwarten wie von einem Erwachsenen. So ganz ohne Vorbild. “Das Vorbild bin jetzt also ich”, sagt Pickert damals. Blogger, die sein Foto und einen kurzen Text auf der Website der “Emma” finden, machen ihn weltberühmt.

Jetzt hat der “Papa im Rock” ein ganzes Buch über Prinzessinnenjungs geschrieben. Und er fordert uns alle auf, so kann man es verkürzt formulieren, Vorbilder für Jungs zu sein, vor allem für solche, die dem klassischen Rollenmuster nicht entsprechen (wollen). Pickerts Botschaft ist: wachsam zu sein, nicht zu schweigen, bei kleinen wie großen, ungewollten Zuschreibungen.

Pickerts Buch erntet viel Kritik

“Prinzessinnenjungs” ist ein zutiefst appellatives Buch. Die Leser werden immer wieder direkt angesprochen. “Lassen Sie uns zusehen, dass wir unsere verhärtete Gesellschaft aufweichen für Jungen, die so zart wie eine Feder sein können, wenn sie denn dürfen”, schreibt er am Ende. “Seien Sie einfach ein Anfang. Bitte.” Das klingt sympathisch, ja empathisch – und Pickert versammelt in seinem Buch viele Beispiele dafür, woran es bei den Jungen von heute krankt. Das beginnt damit, dass er für seine Aktion in Villingen nicht nur Beifall, sondern auch zum Teil zutiefst verstörende Kommentare bekommt. Einer, den er ernst nimmt, ist von dem britischen Journalisten Jake Wallis Simons. Dieser kommt zu dem Schluss, dass er einen Jungen nur beim Mädchenkleidertragen unterstützen würde, wenn dieser nicht anders könnte, als sie zu tragen.

Simons’ Entscheidung hat einen bedrückenden Grund: Seinem Cousin Philip Sallon, einem bekannten britischen Aktivisten für die Rechte von Homosexuellen, wird ein Jahr zuvor auf offener Straße der Schädel eingeschlagen. Er überlebt nur knapp. Anders zu sein, das macht Pickerts Buch an vielen Stellen deutlich, kann auch 2020 noch stark provozieren, im Extremfall sogar lebensgefährlich sein.

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Nils Pickert, der “Papa im Rock”, hat ein ganzes Buch über Prinzessinnenjungs geschrieben.

Nils Pickert, der “Papa im Rock”, hat ein ganzes Buch über Prinzessinnenjungs geschrieben.

Erziehung: Viele Jungs müssen Demütigungen ertragen

Pickert dröselt die Rosa-Hellblau-Schubladen auf, in die Babys und Kleinkinder immer noch gesteckt werden. Viel schlimmer, weil viel subtiler, sind klassische Demütigungen, denen Jungs auf dem Weg zum Mann immer noch ausgesetzt sind, auf dem Schulhof, auf dem Sportplatz, in den Umkleidekabinen. Nicht weinen dürfen, Fußballversager, mit 14 noch keine Freundin haben, kleiner Pimmel, keinen hochkriegen, nicht mal richtig saufen können: Es sind nur einige von vielen, gegen die es sich einen Panzer anzuschaffen gilt, einen, der die Gefühle der “Prinzessinnenjungs” langsam erfrieren lässt.

Pickert weist auch auf die Deformationen von Vätern hin. Zu den bedrückendsten Passagen seines Buches gehört die Stelle, an der er beschreibt, wie sein Vater ihn in seiner Kindheit straft. Er schlägt Pickert nicht nur mit voller Wucht ins Gesicht. Er befiehlt ihm, vorher die Hände herunterzunehmen, damit er sich nicht schützen kann. Gewalt und Demütigung ertragen lernen – das macht aus vielen Jungen immer noch “echte” Männer. Pickert führt nicht zuletzt die hohen Zahlen häuslicher Gewalt gegen Frauen auf solche Teufelskreise zurück.

Transsexualität: Blick auf moderne Entwicklungen

All das ist gut und richtig und wichtig. Der immer wieder betonte persönliche Ansatz, die oft nur kurz angerissenen Forschungsergebnisse sind Programm. Dennoch krankt das Buch auf Dauer daran. Was zu kurz kommt, ist eine Bestandsaufnahme der Kindheit der Jungs von heute, die über persönliche Beobachtungen und unsystematisch addierte Studien oder Forschungsergebnisse hinausgeht.

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Es ist ein erweiterter Fokus, der die jetzige Generation mit all ihren Widersprüchen ganzheitlicher in den Blick zu bekommen sucht. Wer selbst Kinder hat, weiß, dass es erstaunliche Veränderungen gibt. Vielen Jugendlichen, manchmal erst 13, 14 Jahre alt, geht die Abkürzung LGBTQ (für Lesbian, Gay, Bisexual Transgender and Queer) ohne jedes Zögern über die Lippen. Teenager “shippen” im Harry-Potter-Universum mit Begeisterung Harry und Draco zu Drarry, einem homosexuellen Liebespaar. Das Spiel mit Geschlechterrollen, auch Transsexualität, gilt in manchen Klassen fast als hip.

Sind das Zeichen dafür, dass sich in Sachen Geschlechterrollen tatsächlich etwas ändert? Oder sind es oberflächliche Moden, die keine tief greifenden Veränderungen nach sich ziehen? Auch darüber hätte man gern mehr gewusst. Stoff für weitere Bücher über Prinzessinnenjungs und ihre Pendants, die von Pickert Seeräubermädchen genannt werden, gibt es jedenfalls genug.

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