Stress lass nach!

Feiertage, friedliche Tage? Doch zu viel Stille kann Menschen, die unter Depressionen leiden, weiter verunsichern.

Feiertage, friedliche Tage? Doch zu viel Stille kann Menschen, die unter Depressionen leiden, weiter verunsichern.

Hannover. Die letzten Geschenke sind noch nicht besorgt, der Tannenbaum nicht geschmückt, das Essen nicht vorbereitet und Tante Ernas Gemecker wie jedes Jahr programmiert: Kurz vor Weihnachten steigt der Stresspegel in deutschen Haushalten spürbar an. Auch die Feiertage selbst laufen oft nicht reibungslos und spannungsfrei ab – gerade dann, wenn Verwandte aufeinandertreffen, die im Alltag kaum Kontakt und wenig gemeinsame Bezugspunkte haben.

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„Nicht selten sind die Erwartungen an Weihnachten auch zu hoch, und zwar nicht nur bei psychisch kranken Menschen“, sagt Dr. rer. nat. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). „Die Familie ist viel mehr zusammen als sonst, für den Einzelnen bestehen kaum Ausweichmöglichkeiten. Dies birgt das Risiko, dass unterschwellige familiäre Konflikte zu Spannungen führen und eskalieren können.“

Auch Ruhe kann Stress auslösen

Andererseits kann aber auch zu viel Ruhe und Besinnlichkeit an Weihnachten Stress auslösen – wenn etwa die im Alltag Sicherheit gebende Routine wegfällt. „Viele Feiertage hintereinander, an denen nichts passiert und das öffentliche Leben stillzustehen scheint, können für psychisch kranke Menschen besonders belastend sein“, sagt BPtK-Präsident Munz. „Faktoren, die das Leben sonst strukturieren und meist mit Kontakten zu anderen Menschen verbunden sind, Arbeit, Einkaufen, regelmäßige Termine wie etwa das Fußballtraining, fallen weg, Depressionen und Ängste können sich verstärken.“ Er rät deshalb, sich rechtzeitig auf die bevorstehenden Belastungen einzustellen und einen Plan für die Feiertage zu erstellen, der auch den Umgang mit eventuell auftretenden Krisen beinhaltet. Was hierbei hilfreich ist und was nicht, hängt nicht nur von einer bereits gestellten psychiatrischen Diagnose ab, sondern unterscheidet sich auch individuell von Mensch zu Mensch. „Jemand mit einer Angststörung sollte vielleicht nicht alle sozialen Begegnungen meiden, während jemand mit Alkoholmissbrauch lieber einen großen Bogen um alkoholintensive Feierlichkeiten machen sollte“, erklärt Prof. Dr. med. Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

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Weihnachten ist die Zeit der Emotionen

Generell wichtig zu wissen: Nicht immer handelt es sich bei psychischen Reaktionen auf den von vielen empfundenen Weihnachtsstress gleich um eine ernsthafte Erkrankung. „Weihnachten ist eine Zeit voller Gefühle, die oft auch mit Tränen und Enttäuschungen einhergeht. In der Depression dagegen ist die Fähigkeit, Gefühle zu empfinden, abgeschaltet und bei schweren Depressionen versiegen auch die Tränen. Zudem macht nichts mehr Freude, weder die Hobbys noch die geliebten Lebkuchen“, sagt Hegerl. Erst wenn mehrere Symptome zusammenkommen und diese über einen Zeitraum von mehr als zwei Wochen anhalten, sprechen Mediziner von einer psychischen Erkrankung.

Manchmal könne es auch hilfreich sein, sich einer belastenden sozialen Situation nicht immer auszusetzen – insbesondere, wenn Menschen nicht wohlwollend seien, sagt Matthias Seibt vom Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE). Menschen zu meiden, die einem nicht guttun, sei aber auch unabhängig von Weihnachten und nicht nur für Psychiatrie-Erfahrene eine gute Strategie, betont er. Wer Weihnachten nicht allein verbringen möchte, findet in vielen Städten Angebote von kommunalen oder kirchlichen Trägern zum geselligen Beisammensein.

Viele Familienmitglieder, das kann auch viele Konflikte bedeuten.

Viele Familienmitglieder, das kann auch viele Konflikte bedeuten.

Ebenfalls an den Feiertagen erreichbar sind die Krisendienste vor Ort, der ärztliche Bereitschaftsdienst und die Telefonseelsorge. In akuten Notfällen nehmen psychiatrische Krankenhäuser jederzeit Patienten auf. Generell helfe es, sich selbst besser kennenzulernen und so frühzeitig reagieren zu können, wenn sich die eigene Befindlichkeit spürbar verändert, empfiehlt BPE-Vorstandsmitglied Matthias Seibt. Schriftlich – etwa in einer Patientenverfügung – festzuhalten, ob und wie man im Krisenfall behandelt werden möchte, ist insbesondere für Betroffene wichtig, deren Kommunikationsfähigkeit in der Krise gestört ist, da dies häufig als Hilflosigkeit gedeutet werde und nicht selten zu einer Einweisung führe.

Kein Besuch bei Tante Erna – Stressfaktoren reduzieren

Grundsätzlich neigten Menschen jedoch dazu, äußere Belastungsfaktoren wie den Weihnachtsstress als mögliche Auslöser von psychischen Krisen zu überschätzen, meint Hegerl: „Wer kann, sollte das Weihnachtsfest so weit wie möglich genießen.“ Insbesondere für Menschen mit einer akuten Depression sei oft nicht die Belastung an sich, sondern der Umgang damit das eigentliche Problem – durch die schwarze Brille der Depression werde alles Negative drastisch vergrößert wahrgenommen.

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Zudem können psychische Krisen das ganze Jahr hindurch auftreten und nicht nur an Weihnachten. Deshalb ist eine vorsorgliche und individuelle Krisenplanung für Betroffene auch so wichtig. Daneben darf es statt des mühsam ausgesuchten Geschenks, das dann doch nicht gefällt, dieses Jahr einfach mal ein Gutschein sein. Oder das Weihnachtsbaumschmücken als gemeinschaftliches Erlebnis für gelangweilte Gäste. Oder vorgekochter Rotkohl aus dem Glas. Oder ausnahmsweise kein Besuch bei Tante Erna.

Von Lisa Stegner/RND

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