Von Hirschhausen: „Die Klimakrise ist ein medizinischer Notfall“

Der Mediziner Eckart von Hirschhausen auskultiert einen Globus.

Der Mediziner Eckart von Hirschhausen (54) engagiert sich in seiner Stiftung „Gesunde Erde, gesunde Menschen“ für mehr Klimaschutz.

Die Klimakrise ist die größte Bedrohung für die Gesundheit, findet der Arzt, Kabarettist und TV-Moderator Eckart von Hirschhausen im RND-Podcast „Klima und wir“.

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In der ersten Episode des Jahres 2022 erzählt er, warum er als Mediziner nicht unpolitisch bleiben kann, wenn es um die Rettung des Planeten geht – und warum wir Krankenhäuser unbedingt hitzefest machen müssen.

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Herr von Hirschhausen, was sind Ihre Neujahrsvorsätze für 2022?

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Ich bin sehr umweltbewusst, was meine Neujahrsvorsätze angeht, weil ich die alten stets recycle: mehr Zeit für Familie und Freunde, mehr Sport, weniger Bauchspeck – das sind ja die Klassiker. Aber tatsächlich wünsche mir, dass 2022 ein „Kippjahr“ wird. Es gibt ja die planetaren Grenzen mit ihren Kipppunkten, aber es gibt auch soziale „tipping points“.

Nämlich?

Klimaschutz ist keine theoretische Diskussion mehr, sondern alltagsrelevant in Deutschland.

Ich habe das Gefühl, das Jahr 2021 hatte schon viel davon. Mit der Bundestagswahl und der Flutkatastrophe im Ahrtal haben viele Leute realisiert, was ich auch auf meinem Buchcover stehen habe: Wir müssen nicht das Klima retten, sondern uns. Klimaschutz ist keine theoretische Diskussion mehr, sondern alltagsrelevant in Deutschland. Und das wird 2022, was ja schon das dritte Jahr in diesem alles entscheidenden Jahrzehnt ist, noch viel dringender. Es geht darum, alle Generationen und Berufsgruppen zu motivieren: Leute, nehmt das Thema endlich ernst!

Drei Krisen zum Preis von zwei: Das Buch „Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“ von Eckart von Hirschhausen (24 EUR, dtv).

Drei Krisen zum Preis von zwei: Das Buch „Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“ von Eckart von Hirschhausen (24 EUR, dtv).

Gute Neujahrsvorsätze haben viele – und geben sie dennoch oft schnell wieder auf. Wieso darf uns das beim Klima nicht passieren?

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Es geht doch darum, dass wir die Lebensgrundlagen auf diesem Planeten erhalten. Und dabei machen wir gerade überhaupt keinen guten Job. Ein Beispiel: Im Wahlkampf letztes Jahr ging es ständig darum, was uns der Liter Benzin kostet. Dabei ist das nicht die entscheidende Frage.

Die wichtigste Frage ist: Was kostet uns das Nichtstun? Letztendlich geht es darum, dass wir auch alles verlieren könnten. Was werden uns denn zukünftige Generationen eher verzeihen: gestiegene Benzinpreise oder gestiegene Meeresspiegel?

Mit Ihrer Stiftung „Gesunde Erde, gesunde Menschen“ wollen Sie Medizin und Klimaschutz verbinden. Wie wirkt sich die Klimakrise auf unsere Gesundheit aus?

Mein Lieblingsbeispiel ist ein Fieberthermometer, das bei 42 Grad endet. Mehr zu messen macht keinen Sinn, denn dann bist du tot. Wir vergessen oft, dass wir eine Biologie haben: Wir bestehen aus Eiweißen, die bei Hitze ihre Form verändern. Wer das nicht glaubt, kann sich gerne mal in die Küche stellen und ein rohes Ei kochen. Das wird danach nie wieder weich.

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Was bedeutet das für uns?

Die Klimakrise ist ein riesiger medizinischer Notfall und betrifft jeden Menschen überall auf der Erde in jeder Generation.

Es gibt auch in unserem Körper irreversible Kipppunkte, an denen wir mit keiner medizinischen Pille oder Operation was dran ändern können. Auch mit keinem Impfstoff. Gegen Viren kann man impfen, gegen Hitze nicht.

Durch die Klimakrise nehmen Wasser- und Nahrungsmangel, Infektionskrankheiten und Allergien zu. Luftverschmutzung tötet jährlich 8,8 Millionen Menschen. Die Klimakrise ist ein riesiger medizinischer Notfall und betrifft jeden Menschen überall auf der Erde in jeder Generation.

Wieso sollten sich gerade Ärztinnen und Ärzte für mehr Klimaschutz engagieren?

Wir vertrauen denjenigen am meisten, die nah dran sind am Leid der Menschen: der Ärzteschaft, Pflegekräften und der Feuerwehr. Diese Gruppen, die in der Bevölkerung einen so großen Rückhalt haben, sollten sich ausnahmslos hinter die Forderung stellen, die Klimakrise als Gesundheitskrise und – positiv formuliert – Klimaschutz auch als Gesundheitsschutz zu verstehen.

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Mehr Hitzetote als durch Corona

Was müsste sich im medizinischen Bereich selbst tun?

Kitas, Schulen, Altenpflegeheime, Krankenhäuser und Intensivstationen müssen hitzeresilient gemacht werden. Da ist noch eine Milliardeninvestition nötig. Wir haben gar nicht auf dem Schirm, was das bedeutet: wie viele Menschen mit Demenz, Herzschwäche oder Lungenerkrankungen allein oder zum Teil in Pflege wohnen. Die sind alle maximal gefährdet.

Worüber haben wir die letzten zwei Jahre geredet? Praktisch nur über Corona.

Allein im Jahr 2018 hatten wir über 20.000 Hitzetote in Deutschland. Im August 2020 waren es sogar mehr Tote durch Hitze als durch Corona. Aber worüber haben wir die letzten zwei Jahre geredet? Praktisch nur über Corona. Wir haben nicht darüber geredet, dass Corona ein Teilaspekt einer globalen Krise der Naturzerstörung ist.

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Wie meinen Sie das?

Normalerweise würden sich Wildtiere wie Fledermäuse ja zurückziehen, wenn ein Mensch in die Nähe kommt – die betreiben sozusagen Social Distancing. Wenn wir sie aber jagen, auf Tiermärkten durch die Welt schleifen und blutend mit anderen Spezies übereinanderlegen, die sie normalerweise nie gesehen hätten – dann dürfen wir uns doch nicht wundern, dass das krank macht!

Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass diese Pandemie unnötig war. Ob man sie komplett hätte verhindern können, ist eine kühne These, aber auf alle Fälle ist klar: Zoonosen (von Tieren auf den Mensch übertragene Krankheiten, d. Red.) werden häufiger und heftiger, je länger wir die Natur und ihre Naturgesetze mit Füßen treten.

„One Health“: Gesundheit und Umwelt zusammendenken

Was folgern Sie daraus?

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Wir müssen menschliche, tierische und die Gesundheit der Umwelt gemeinsam angehen. Das ist der „One Health“-Ansatz. Um mal was Positives zu sagen: Wir haben jetzt endlich Leute in der Regierung, die diese Zusammenhänge kennen und ernst nehmen. Der neue Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat das auch voll auf dem Schirm.

Doch er hat eine extrem undankbare Aufgabe vor sich. Machen wir uns nichts vor, die Pandemie wird uns noch lange beschäftigen.

Wie zuversichtlich blicken Sie auf das vor uns liegende Jahr?

Ich sehe die große Herausforderung im Jahr 2022 darin, ob wir als Gesellschaft ein Gefühl von Zusammenhalt und Aufbruch erzeugen können. Ob wir es hinbekommen, zu sagen: Ich unterstütze auch Maßnahmen, die ich mir nicht ausgedacht habe und die ich vielleicht auch nicht toll finde, aber dafür profitieren wir an allen Ecken und Enden davon.

Die Idee, dass die Krisenstimmung mal vorbei ist und dann alles wieder wird wie in den 80ern, das ist Quatsch.

Es gibt keinen Weg zurück

Wie kann das auch mit Blick auf den Klimaschutz gelingen?

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Ich wünsche mir sehr, dass die Politik die Kommunikation rund um die Themen Klimawandel, Artensterben und Pandemie so ernst nimmt, dass viele Leute verstehen: Es gibt kein normal mehr. Es gibt auch keinen Weg zurück. Die Idee, dass die Krisenstimmung mal vorbei ist und dann alles wieder wird wie in den 80ern, das ist Quatsch. Und das ist schwer zu akzeptieren, für mich auch.

Die nächsten Jahrzehnte werden geprägt sein von einer zunehmenden Unsicherheit. Umso mehr müssen wir den Menschen erklären, woher die Unsicherheit kommt und was wir dagegen tun können. Dass wir viele Dinge wie bestimmte Extremwetterlagen wie Stürme, Hitzewellen und Niederschläge nicht mehr abwenden können. Und dass wir uns deswegen vorbereiten müssen.

Die Anpassung an die Klimakrise würde auch die gesundheitlichen Risiken mindern.

In den skandinavischen Ländern gelingt es viel besser als in Deutschland zu erklären, dass erneuerbare Energien einen gewaltigen Gesundheitsvorteil bieten. Wir haben das zu lange als Ingenieursthema betrachtet. Aber mal ehrlich: Luftverschmutzung ist weltweit der Killer Nummer eins. Erneuerbare haben ihren Vorteil auch darin, dass sie nicht so viel Feinstaub emittieren.

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Wie Eckart von Hirschhausen zum Klimaschützer wurde und was eine Schimpansenforscherin damit zu tun hat: Das ganze Gespräch hören Sie in der Podcast-Folge „Klima und der Arzt“ auf Spotify und den gängigen Plattformen. Folgen Sie gern auch unserer Instagram-Seite für mehr Klima- und Umweltnews.

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