Scheidungskinder: Warum sie seltener Eltern werden
Bei etwa jedem vierten Kind in Deutschland lassen sich die Eltern scheiden. Allein im Jahr 2024 gab es mehr als 65.000 Scheidungen, bei denen minderjährige Kinder involviert waren. Ein internationales Forscherteam hat nun herausgefunden, dass Scheidungen in der Kindheit Einfluss auf die eigene Kinderzahl nehmen. So bekommen Kinder, bei denen sich die Eltern scheiden ließen, im späteren Leben weniger Nachkommen als Kinder verheirateter Eltern.
Die Ergebnisse der Studie sind am Dienstag im Fachjournal „Demography“ erschienen.
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Zur vollständigen AnsichtScheidungskinder trennen sich häufiger ...
Die Forschenden hatten Daten von rund 1,75 Millionen Menschen ausgewertet, die zwischen 1970 und 1980 in den Niederlanden geboren wurden. Von ihnen erlebten rund 186.000 vor dem Alter von 18 Jahren eine elterliche Scheidung – also etwa 11 Prozent. Das Team verfolgte deren Lebensläufe bis ins Jahr 2023 und stellte so fest, dass sich die durchschnittliche Kinderzahl durch eine Scheidung der Eltern bei Männern um rund 13 Prozent verringerte. Bei Frauen waren es rund 5 Prozent. Die Effekte waren also bei Männern mehr als doppelt so groß.
Ausschlaggebend dafür könnte aus Sicht der Forschenden sein, dass sich Scheidungskinder als Erwachsene häufiger trennen und dadurch kürzere Partnerschaften haben. Denn Geburten fänden typischerweise innerhalb einer ehelichen oder nicht ehelichen Partnerschaft statt. „Die Studie ordnet sich in soziodemografische Untersuchungen ein“, sagte Heike Trappe, Professorin für Soziologie und Familiendemografie an der Universität Rostock. „Diese haben gezeigt, dass Kinder geschiedener Eltern häufig selbst ein höheres Trennungs- oder Scheidungsrisiko haben.“
Gehen oder bleiben? Wenn Langzeitbeziehungen an Grenzen stoßen
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Die Forscherinnen und Forscher räumen ein, dass die Ergebnisse keinen kausalen Zusammenhang zeigen. „Offen bleibt, ob es entweder die elterliche Scheidung als solche ist, die das Partnerschafts- und Fertilitätsverhalten der Kinder beeinflusst“, sagte Trappe. „Das könnte zum Beispiel durch ‚Lernen‘ am elterlichen Modell der Fall sein. Oder der Grund könnten über die Herkunftsfamilie vermittelte Werte und Einstellungen sein.“
... und sind häufiger kinderlos
Die Studie konnte zudem zeigen: Nicht nur haben Scheidungskinder später weniger eigene Kinder, sie bleiben auch öfter kinderlos – Männer häufiger als Frauen. Wenn sie jedoch Kinder bekommen, kommen diese früher auf die Welt. Frauen mit geschiedenen Eltern bekamen demnach ihr erstes Kind 0,75 Jahre eher als Frauen mit verheirateten Eltern. Je später die Scheidung in der Kindheit stattfand, desto später erfolgte die Schwangerschaft.
Bei Männern fiel der Effekt mit 0,3 Jahren früherer Vaterschaft deutlich kleiner aus. Auch der Einfluss des Alters der Kinder bei der Scheidung war bei Männern geringer.
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Zur vollständigen AnsichtGeburtenraten sinken
In den vergangenen Jahrzehnten sei die Zahl der Geburten in nahezu allen europäischen und nordamerikanischen Ländern unter das Bestandserhaltungsniveau gesunken, heißt es in der Studie. „Die Kinderlosigkeit hat zugenommen, wobei viele Menschen freiwillig kinderlos bleiben.“
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Zur vollständigen AnsichtAus Sicht von Martin Bujard gibt es mehrere Gründe für die niedrigen Geburtenraten: „Da wären als Erstes die erschwerte Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die fehlende verlässliche Kinderbetreuung“, sagte der Soziologe und Forschungsdirektor am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung im Bereich Familie und Fertilität. „Dazu kommen Arbeitsmärkte, die auf Eltern wenig Rücksicht nehmen. Eine weitere Ursache ist teurer Wohnraum – und zudem seit einigen Jahren die Unsicherheit wegen multipler Krisen.“
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Zur vollständigen AnsichtExperte: Ablauf der Trennung entscheidend
Ob sich die Ergebnisse der Studie auf Deutschland übertragen lassen, ist fraglich. Soziologin Trappe wies etwa darauf hin, dass die Niederlande deutlich kleiner sind als Deutschland. „Für Deutschland lässt sich auf Basis des Forschungsstandes Folgendes sagen: Es konnte bislang auch hier eine intergenerationale Übertragung des Scheidungsrisikos von der Kinder- auf die Elterngeneration gezeigt werden“, sagte sie. „Deren Auswirkungen auf das endgültige Fertilitätsverhalten wurden bislang jedoch nicht untersucht, da vergleichbare Daten, wie in den Niederlanden, nicht verfügbar sind.“
Zusätzliche Analysen hätten den Forschenden zufolge zudem nahegelegt, dass sich die Ergebnisse auf Kinder, deren Eltern sich unverheiratet getrennt haben, übertragen lassen. Trappe stellte das infrage: „Denn zumindest in Deutschland heiraten die meisten Paare mit Kindern, auch wenn sie zum Zeitpunkt der Geburt des ersten Kindes nicht verheiratet sind.“ Es sei daher davon auszugehen, dass sich unverheiratete Paare stark von verheirateten unterscheiden.
Soziologe Bujard merkte zudem an, dass jede Trennung unterschiedlich verlaufe: „Teilweise und im Zeitverlauf zunehmend gibt es Patchworkfamilien mit guter Kommunikation, teilweise destruktive dauerhafte Konflikte zwischen den Eltern.“ Eine Trennung könne daher nicht pauschal mit einem geringeren Kinderwunsch in Verbindung gebracht werden. „Es kommt darauf an, wie die Trennungen ablaufen: Bei den Auswirkungen auf den Kinderwunsch der Kinder sind die Art der Kommunikation der Familie nach der Trennung sowie der Kontakt zu beiden Elternteilen entscheidend.“