An Weihnachten wird wieder gezaubert

In Hogwarts nichts Neues? Warum es trotzdem eine „Harry Potter“-Serie braucht

Kennenlernphase in Hogwarts: Ron Weasley (Alastair Stout, v. l.), Hermine Granger (Arabella Stanton) und Harry Potter (Dominic McLaughlin).

„Confundo!“, sagt ein Zauberer – unter der entsprechend korrekt ausgeführten Bewegung seines Zauberstabs – wenn er einen Verwirrungszauber entfesseln möchte. So jedenfalls lernt man es in der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei. Die Macher der neuen „Harry Potter“-Serie, deren erste Staffel an Weihnachten 2026 starten soll, scheinen genau das getan zu haben.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die Ähnlichkeiten der Darsteller des „Goldenen Trios“ Harry, Hermine und Ron zu denen der „Harry Potter“-Filme seien frappierend bis verwirrend, befanden viele Fans nach Sichtung des ersten Trailers – medial bestätigt durch Magazine wie „Deadline“ und „People“ oder auch den indischen Nachrichtensender „CNN-News 18“.

Ansicht wechseln

In dieser Ansicht können leider nicht alle Inhalte korrekt dargestellt werden.

Zur vollständigen Ansicht

Die Looks der Seriendarsteller Dominic McLaughlin (Harry Potter), Arabella Stanton (Hermine Granger) und Alastair Stout (Ron Weasley) sind denen der Kinostars Daniel Radcliffe, Emma Watson und Rupert Grint (Letzterer hat das in Interviews selbst bestätigt) tatsächlich zauberhaft nachempfunden. Und Eule Hedwig ist in ihrem Käfig am Gleis Neundreiviertel ihrer Vorgängerin wie aus dem Gesicht geschnitten.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Kultfilme neu – das geht schonmal schief

Auch Nick Frost als struppiger Wildhüter/Hausmeister Rubeus Hagrid und John Lithgow als Schulleiter Albus Dumbledore erinnern stark an Robbie Coltrane respektive Richard Harris/Michael Gambon aus den acht Filmen. Allein Harrys Zieheltern, die Dursleys (Bel Powell und Daniel Rigby), sind nicht so karikaturhaft geraten.

Was neuerlich die Frage aufwirft, die viele schon bei der ersten Vermeldung des Serienplans hatten: Wozu Neuverfilmungen, wenn nichts neu ist? Verbieten sich nicht auch Neuauflagen von Klassikern wie „Casablanca“ oder „12 Uhr mittags“? Und können sie nicht verflixt schiefgehen, wenn man etwa an Mick Garris‘ kreuzlangweiligen Grusel-Dreiteiler „Shining“ (1997) oder Timur Bekmambetows traurigen Aufguss des Antikenspektakels „Ben Hur“ (2016) denkt?

Hauptsache Klassenbeste: Hermine (Arabella Stanton) ist strebsam, fleißig, klug und mit einem enormen Gerechtigkeitssinn ausgestattet.

Ein völlig neuer Look hätte die Fans befremdet

Das mit der Ähnlichkeit der Potter-Hauptdarsteller sollte freilich niemanden Wunder nehmen. Zum einen gab es da ja schon die Vorgaben der Buchcover und die Beschreibungen der Charaktere durch Potter-Mutter Joanne K. Rowling (die zu den Produzenten der Serie zählt). Und dann will derselbe „Hersteller“, nämlich Warner Brothers (respektive sein Streamingdienst HBO Max), natürlich an den Kult und Erfolg der Filme anknüpfen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Eine zu weit von den Originalen abweichende Optik des Dreigespanns würde das Risiko einer Ablehnung durch die zig Millionen Potterianer weltweit vergrößern. Deshalb runde Brille für Harry. Ein Ron mit Sommersprossen. Und so weiter.

Sie waren Kinokult der Nullerjahre: Harry Potter (Daniel Radcliffe, l.) mit seinen besten Freunden Ron (Rupert Grint) und Hermine (Emma Watson) im Kinofilm "Harry Potter und der Stein der Weisen" (2001)

Vom Schriftzug bis zur Musik – alles ist vertraut potteresk

Umgehend versetzt einen im Trailer schon der vertraute Blitz-Namenszug auf weinrotem Grund in eine festliche Stimmung. Erst recht die ersten magischen Impressionen des leitenden Kameramanns Adriano Goldman. Dazu passt auch der Score von Hans Zimmer, der klingt, als sprühten wirbelnde Funkensternchen aus einem Zauberstab (und der sich an die spukig-wohlige Stimmung der Filmmusik „Hedwig’s Theme“ von John Williams anlehnt, ohne freilich deren Ohrwurm-Appeal zu haben).

Distanz bei Nähe war musikalisch der Anspruch der Produktion – etwas Neues zu erschaffen, zugleich aber, so Zimmer, „das zu ehren, was zuvor kam“. Von dem 94-jährigen Williams, der eigentlich nur bis zum dritten Potter-Film an Bord des Franchise war, aber die durchweg verwendete, ikonische Erkennungsmelodie schrieb, gibt es kein Statement. Alles in allem macht einem der Clip auf Youtube aber ähnlich Lust auf mehr wie damals der Trailer zum ersten Film „Harry Potter und der Stein der Weisen“.

Ein Herz und eine Eule: Hedwig (im Käfig) ist Harry Potters (Dominic McLaughlin)Vogel für Post und spezielle Aufträge.
Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Der Film startete am 22. November 2001, transportierte den Massenappeal der Buchreihe ins Medium der bewegten Bilder und war der Kinohit des Advents – bis dann am 19. Dezember „Die Gefährten“ kam, der erste Teil von Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Trilogie – ebenfalls ein Abräumer aus dem Hause Warner.

Diesmal feiert Harry Weihnachten ohne die Hobbits

Frodo und seine Hobbit-Konsorten sind 2026 fern vom Frohen Fest. Die Elbin Galadriel und ihr Widersacher Sauron kommen mit der dritten Staffel der Streamingserie „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ nach derzeitigen Prophezeiungen schon im Sommer zu Amazon Prime Video. In diesem Jahr gehört Weihnachten also Harry Potter allein. Der beginnt sein Zauberschülerdasein am 25. Dezember (mit wöchentlich einer Folge) und wird voraussichtlich viele kleine und große Potter-Fans an den Fernsehsessel binden.

Selbstzweifel sind sein Ding: Ron (Alastair Stout) steht im Schatten seiner älteren Brüder und kommt aus einer armen Familie, die gut zusammenhält.

Die einzige Konkurrenz legt am selben Tag wie Harry Potter bei Netflix los – wenn „Barbie“-Regisseurin Greta Gerwig ihre erste Verfilmung der „Chroniken von Narnia“ unter dem Titel „The Magician’s Nephew“ (Der Neffe des Zauberers) online stellt. Da switcht man dann halt einfach zum anderen Streamingdienst.

Die ersten Potter-Filme waren Nummernrevuen

Gespannt ist man vor allem auf die ersten beiden der „Harry Potter“-Staffeln – „Stein der Weisen“ und „Kammer des Schreckens“. Denn bei diesen wird die Serie auch inhaltlich deutlich mehr herausholen können als es die Filme taten. Von acht Folgen zwischen je 48 und 51 Minuten Länge ist die Rede – das wären knapp sieben Stunden Erzählzeit insgesamt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Showrunnerin Francesca Gardiner („His Dark Materials“) hat damit genug Zeit, Rowlings Romanen gerecht zu werden, während die ersten beiden Filme unter Regie von Chris Columbus mit ihren zweieinhalb respektive zweieindreiviertel Stunden Spielzeit dem Buchfan doch extrem hastig abgespult erschienen.

Den Eindruck einer Nummernrevue (mit vielen Auslassungen) wurde der Kino-Potter erst mit dem dritten Film „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ (2004) los, den der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón dann auch gleich in ein Fantasy-Meisterwerk verwandelte – eine Qualität, die die folgenden fünf Filme nicht mehr erreichten.

Düsterschönes Hogwarts: Rubeus Hagrid (Nick Frost) erwartet die neuen Schüler, die mit dem Hogwarts-Express ankommen. Szene aus der ersten Staffel von "Harry Potter und der Stein der Weisen".

Vor allem der sechste Teil wird profitieren

Am meisten dürfte vom Serienformat die Neuverfilmung des sechsten und mit Abstand dicksten Wälzers der Buchreihe profitieren (1020 Seiten, 257.045 Wörter). Der wurde von Regisseur David Yates und Drehbuchautor Michael Goldenberg auf 138 Minuten zusammengequetscht.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Sodass sich die gewaltige Geschichte darüber, wie die vom Zaubereiministerium eingesetzte neue Schulleiterin Dolores Umbridge in Hogwarts institutionell Intoleranz, Hass und Spaltung durchsetzt und damit das Feld für den dunklen Lord Voldemort und seine Todesser vorbereitet, auf der Leinwand nur ungenügend entfalten konnte. Der Film war ein recht anstrengendes szenisches Prasseln.

Denn das ist „Harry Potter“ auch – und vor allem: Eine Sieben-Bücher-Saga für die Toleranz, auch wenn Joanne K. Rowling seit ihrer Verteidigung des biologischen Geschlechts gegenüber Transpersonen zumindest in der LGBTQI+-Community als intolerante Terf (Trans-ausschließende radikale Feministin) gilt und sich ob dieser Frage auch mit ihren „Harry Potter“-Darstellern Watson, Radcliffe und Grint überworfen hat.

Harry Potter erzählt von unserer Gegenwart

Speziell im Buch „Harry Potter und der Orden des Phönix“ wird aufgezeigt, was geschieht, wenn Autoritäten keine Rechenschaftspflicht mehr haben, wie sie Sündenböcke ausfindig machen, unliebsame Gruppen (in diesem Fall Zauberer mit einem menschlichen Elternteil, magische Kreaturen und politische Widersacher) unterdrücken, ausgrenzen, ausschalten.

Die Vorstellung, dass gewöhnliche Menschen dem Bösen die Stirn bieten können, ist nicht naiv.

Carol Grenham, Englischlehrerin, in der "New York Times"

Und wie die Wahrheit der Macht untergeordnet wird, die Lüge triumphiert. Ein märchenhaftes Lehrbuch für die Wegbereitung von Rassismus und Faschismus in Zeiten, in denen Donald Trump und sein Regime die USA entdemokratisieren und Autoritarismus und rechtsextreme Bewegungen einen globalen Frühling erleben.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Morddrohungen gegen schwarzen Snape-Darsteller Essiedu

Und in denen ein schwarzer englischer Schauspieler dafür rassistisch angefeindet und bedroht wird, dass er in der Serie Severus Snape spielt - einer der Unterschiede zu den Filmen, in denen der 2016 verstorbene (weiße) Alan Rickman der zwielichtige Zauberer war. „Die Realität ist: Wenn ich mir Instagram anschaue, sehe ich, wie jemand schreibt: Ich komme zu dir nach Hause und bringe dich um“, erzählte der Londoner Paapa Essiedu in einem Interview mit der „Sunday Times“.

Essiedu war 2016 auch der erste schwarze Hamlet-Darsteller der Royal Shakespeare Company gewesen und war dafür mit dem Ian-Charleston-Award ausgezechnt worden. „Die Beschimpfungen geben mir Kraft“, sagte er der „Sunday Times“. HBO-Chef Casey Bloys gab daraufhin bekannt, dass die Sicherheitsvorkehrungen am „Harry Potter”-Set erhöht würden.

Schon 2016 hatte es ähnlichen Internet-Hass gegeben, als die schwarze Schauspielerin als Noma Dumezweni für die Rolle der Hermine Granger in der Londoner Originalproduktion des Theaterstücks „Harry Potter und das verwunschene Kind“ gecastet wurde.

Was den Trumpismus betrifft, bleibt zu hoffen, dass er dann, wenn die sechste Staffel der Serie ins Streaming geht, bereits Geschichte ist. Und die Versuche Trumps, die Medien und die Unterhaltungsindustrie Hollywoods auf MAGA-Linie zu bringen, letztendlich an zuletzt heftiger amerikanischer „No Kings“-Resilienz scheitern. In jedem Fall wird die „Harry Potter“-Serie – gemäß ihres Handlungsorts – nicht in den USA gedreht, sondern in Großbritannien nahe London.

Harrys Filmkarriere begann vor einem Vierteljahrhundert

Harry Potter ist wichtig. Eine Neuverfilmung derselben Geschichten, nur um auch die Generation Z zu binden, mag nicht jedem einleuchten, unterstreicht aber die inhaltliche Relevanz. Die Verfilmung des ersten Buchs liegt, auch wenn es sich anders anfühlt, immerhin stolze 25 Jahre zurück. Der letzte Film, „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 2“ (2011) lief vor 15 Jahren in den Kinos. Man wird sich an Dominic McLaughlin, Arabella Stanton und Alastair Stout gewöhnen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Und vielleicht fängt ja auch diese Generation an, die Bücher zu verschlingen.

„Die Vorstellung, dass gewöhnliche Menschen dem Bösen die Stirn bieten können, ist nicht naiv“, schrieb Carol Grenham erst im Februar in der „New York Times“ in einem Plädoyer für Harry Potter. „Geschichten, die darauf bestehen, dass Entscheidungen nach wie vor eine Rolle spielen, sind keine Relikte. In der feindseligen Welt, mit der junge Menschen heute konfrontiert sind, sind Glaube und Hoffnung eine unverzichtbare Rüstung.“

Lassen wir Harry, Hermine und Ron wieder und noch mehr Licht ins Dunkel bringen: „Lumos!“

OZ Inhalte als bevorzugte Quelle markieren — dann erscheinen unsere Artikel häufiger in Ihren Google-Schlagzeilen.Inhalte in den Google-Schlagzeilen bevorzugen?
Bevorzugen