76 Prozent der Kellnerinnen betroffen

Wie Frauen auf dem Oktoberfest vor sexueller Gewalt geschützt werden sollen

Beim Teufelsrad auf dem Oktoberfest kommt es immer wieder zu sexuellen Übergriffen, weil Frauen unter den Dirndlrock gefilmt wird.

Ausufernder Alkoholkonsum, Partystimmung, Menschenmassen, sinkende Hemmschwellen, im Fahrtwind auf Karussells hochgewehte Dirndl-Röcke: Auf dem Oktoberfest trifft all das zusammen. Und sorgt immer wieder für Übergriffe auf Frauen. Videos und Fotos von Frauen, denen unter den Rock gefilmt wurde, landen online. Andere werden unsittlich berührt, an Po oder Busen gestreift oder richtig angepackt. Wieder andere sind verbaler sexueller Belästigung ausgesetzt: Die Übergriffe sind so vielfältig wie das Publikum. Allein am ersten Wiesn-Tag wurden fünf sexuelle Belästigungen angezeigt, ein 23-Jähriger soll Notfallsanitäterinnen begrabscht haben.

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„Mir fällt auf, dass es so etwas wie eine sexualisierte Grundatmosphäre gibt”, sagt Manuela Soller vom Verein AMYNA, Organisatorin beim Projekt „Sichere Wiesn“ dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Vor zwei Jahren gab es eine große Debatte: Bilder auf Fahrgeschäften, Botschaften auf Lebkuchenherzen, Werbeplakate, die Frauen als Objekte darstellten, leicht bekleidet, immer sexy. Auch wenn heute einige Motive übermalt seien und eine Entwicklung festzustellen sei: „So schafft man eine sexualisierte Atmosphäre“, sagt Soller. Während einige Männer spontane Gelegenheiten inmitten der Menschenmenge für Belästigungen nutzten, würden sich andere das Oktoberfest gezielt als Ort für sexualisierte Übergriffe aussuchen.

Oktoberfest: Drei Viertel aller Kellnerinnen sexuell belästigt

In einem Beitrag der ARD-Sendung „Brisant“ gab eine Mehrheit der befragten Frauen im vergangenen Jahr an, schon sexuelle Übergriffe erlebt zu haben. Zu Anzeigen kam es offenbar nicht. Häufig sei es nicht so offensichtlich gewesen, es habe sich etwa um Po-Streifer gehandelt, die Männer seien oft nicht identifizierbar gewesen. Männliche Kellner bestätigten, dass sie immer wieder Übergriffe auf Kolleginnen mitbekämen. Zwei Frauen berichteten, dass eine Gruppe männlicher Freunde eingeschritten sei, als fremde Männer einer der Frauen unter den Rock filmten. „Die Dunkelziffer von Frauen, die nie eine Anzeige stellen, ist vermutlich sehr groß“, sagt Soller.

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Übergriffe auf dem Oktoberfest: „Es gibt eine sexualisierte Grundatmosphäre“

Im vergangenen Jahr suchten so viele Frauen wie noch nie den „Safe Space“ auf der Wiesn auf. Hier werden sie etwa unterstützt, wenn sie Übergriffe erleben. Aktuell gebe es auffällig viele Fälle mit Verdacht auf K.-o.-Tropfen, berichten die Initiatorinnen. Die Zahlen liegen dem RND vorab exklusiv vor.

Ähnliche Ergebnisse lieferte eine Studie der Hochschule München, die im vergangenen Jahr für Aufsehen sorgte. Sie ergab, dass 76 Prozent der weiblichen Bedienungen auf dem Oktoberfest schon sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren. Die wenigsten aber gaben an, die Vorfälle an Vorgesetzte oder gar die Polizei gemeldet zu haben. Die Untersuchung ergab auch, dass Bedienungen von ihren Vorgesetzten vor dem Einsatzbeginn kaum über sexuelle Übergriffe und wie sie darauf reagieren können aufgeklärt werden.

Probleme mit Upskirting besonders bei einem Fahrgeschäft

Doch nicht nur Personal ist betroffen. Eine Besucherin, die 2023 Opfer von Upskirting wurde, sagte der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ): „Das Teufelsrad ist ein Risiko für die Sicherheit von Frauen geworden.“ Zuletzt gab es auch immer wieder Debatten um das Fahrgeschäft. Durch den Fahrtwind werden hier vermehrt Dirndlröcke von Frauen hochgeweht. Männer stehen neben dem Karussell und halten mit ihrem Handy auf die entblößten Stellen. Vielfach sind Aufnahmen davon im Internet gelandet, auch wenn seit dem vergangenen Jahr mit Hinweiszetteln darauf aufmerksam gemacht wird.

Upskirting ist seit 2021 strafbar. Dennoch ist es schwierig, Täter zu überführen: Ihnen muss nachgewiesen werden, dass sie nicht die Attraktion an sich mit dem Handy festhielten, sondern gezielt Unterwäsche oder nackte Körperstellen von Frauen aufnehmen wollten. Die Betreiberin des Teufelsrades hat in diesem Jahr reagiert: Elisabeth Polaczy verleihe Radlerhosen an Frauen, die sie sich unters Dirndl anziehen können, berichtet die SZ.

Initiative „Sichere Wiesn“ gibt Frauen Tipps

Auch wenn mancherorts Stimmen laut werden, dem Thema sexueller Übergriffe keine zu große Aufmerksamkeit zu geben und dadurch den Ruf der Wiesn ins Negative zu ziehen, haben die Veranstalter in den vergangenen Jahren zunehmend reagiert. Schon 2003 gründete sich die Initiative „Sichere Wiesn“, die Frauen Tipps gibt.

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Ein Polizist weist mit einem Plakat auf dem Oktoberfest darauf hin, dass das Filmen unter den Rock eine Straftat ist.

Oft geht es um grundsätzliche Tipps. Etwa, das Handy vor dem Besuch aufzuladen, eine volle Powerbank und ein Ladekabel bei sich zu tragen, die Nummer einer Freundin oder die Adresse der Unterkunft separat zu notieren, Treffpunkte zu vereinbaren und sich vorab Gedanken über einen sicheren Heimweg zu machen. Tipps und Hinweise werden etwa in Hotelzimmern und an anderen prominenten Stellen als Flyer ausgelegt. Auf der Website der Initiative gibt es weitere Hilfsangebote und Tipps zu einer möglichen Anzeige.

App „SafeNow“ soll für Sicherheit in Festzelten sorgen

Auch vor Ort gibt es in Notsituationen konkrete Hilfe. Als Reaktion auf die Studie der Hochschule München, die von einer Studentin, die selbst als Kellnerin auf dem Oktoberfest gearbeitet hatte, durchgeführt wurde, soll in den Zelten die App „SafeNow“ für Sicherheit sorgen. Frauen, die sich belästigt fühlen oder in einer anderen hilfsbedürftigen Situation sind, können über einen Alarm in der App Sicherheitspersonal in den Festzelten und ihren Notfallkontakt informieren. Durch eine GPS-Funktion kann die Betroffene lokalisiert werden und umgehend Hilfe erhalten.

Mehrere Betreiber haben zudem sogenannte „SafeNow Zonen“ errichtet. Es gibt sie beispielsweise im Schottenhamel-Zelt, im Armbrustschützenzelt, im Hofbräu-Festzelt und in der Ochsenbraterei. Ebenso haben sich der Wiesnclub, das Pacha, die 089 Bar sowie der Club milchundbar angeschlossen, wo nach dem Oktoberfest gerne weitergefeiert wird.

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Mehr als 350 Frauen suchten 2024 im „Safe Space“ Hilfe

Auch den „Safe Space“ wird es in diesem Jahr wieder geben. Im Servicezentrum beim Eingang „Erste Hilfe“ hinter dem Schottenhamel-Zelt ist der Zutritt nur Personen gestattet, die sich als Frau identifizieren. Dort können Frauen in vielen Fällen Hilfe finden, auch wenn sie sich gesundheitlich nicht gutfühlen, ihre Begleitung oder ihr Handy verloren haben oder einen Taxigutschein für den sicheren Heimweg benötigen. Das Zentrum ist täglich von 18 bis 1 Uhr geöffnet, freitags bis sonntags ab 15.30 Uhr.

Dass ein Safe Space notwendig ist, zeigen die Erfahrungen aus der Vergangenheit. Bei den Wiesn 2024 sind rund 350 Hilfesuchende in den geschützten Raum gekommen, davon 60 Minderjährige. „Am Safe Space erleben wir, dass das Bedürfnis der Frauen häufig eher ist, zur Ruhe zu kommen, sicher nach Hause zu kommen und erst einmal Abstand zum Vorfall zu gewinnen“, sagt Soller. Entscheiden sich Frauen für eine Anzeige, würden sie vom Team begleitet.

Nebst Erfahrungen und Angst vor physischer und sexueller Gewalt wurden laut Bayerischem Rundfunk auch zwölf Frauen behandelt, bei denen der Verdacht bestand, dass sie K.o.-Tropfen bekommen haben. Die Zahl habe sich von 2023 bis 2024 fast verdoppelt. In der offiziellen Polizeistatistik, die allerdings nur Vorfälle auf dem Oktoberfestgelände selbst erfasst, spiegelt sich das nicht wider. Wie bei sexualisierter Gewalt im Alltag gibt es auch beim Oktoberfest offenbar eine hohe Dunkelziffer. Unter den 2024 von der Polizei registrierten 706 Straftaten gab es mehr als 50 Fälle sexualisierter Gewalt.

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