In Athen geht das Trinkwasser zur Neige
1979 mussten die 200 Bewohner des Dorfes Kallio in der mittelgriechischen Provinz Fokida ihren Ort verlassen. Zwei Jahre später war das Dorf im Wasser des Flusses Mornos verschwunden. Er wurde bei Kallio hinter einem der größten künstlichen Dämme Europas zu einer Talsperre aufgestaut. Jetzt taucht das Dorf wieder aus den Fluten auf: erst die Kirche, dann das Schulhaus, Gehöfte und Wohnhäuser. Jeden Tag zieht sich das Wasser weiter zurück.
„60 der 82 Gebäude sind schon wieder zu sehen“, sagt Apostolos Gerodimos, der Ortsvorsteher des Ende der 1970er-Jahre neu erbauten Dorfes Kallios. Es lag noch vor einigen Jahren am Ufer des künstlichen Sees. Jetzt ist das Wasser weit weg. „Wenn es so weitergeht, wird Ende Oktober das ganze Dorf aufgetaucht sein“, sagt Gerodimos.
Für die Menschen von Kallio sind die Ruinen ihrer einstigen Häuser ein trauriger Anblick, für die Bewohner der 250 Kilometer entfernten Hauptstadt Athen sind sie ein Alarmsignal. Denn der Mornos-Stausee ist das wichtigste Trinkwasserreservoir der Hauptstadtregion Attika mit ihren vier Millionen Einwohnern. Durch ein 415 Kilometer langes Netz aus Kanälen und Tunneln fließt das Wasser aus der Talsperre in die Ebene von Attika. Das Mornos-Aquädukt ist eine der längsten drucklosen Trinkwasserleitungen Europas und gilt mit einem präzise konstruierten Gefälle von 0,015 Prozent als ein Meistwerk der Ingenieurskunst.
Vorräte gehen dramatisch zurück
Doch das hilft wenig, wenn das Wasser versiegt. Der Rückgang der Vorräte in den vergangenen drei Jahren ist dramatisch: Anfang 2022 hatte der Mornos-Stausee eine Fläche von 19 Quadratkilometern. In diesem September waren es nach Messungen des europäischen Erdbeobachtungssatelliten Sentinel-2 nur noch 8,7 Quadratkilometer. Am Dienstag hatte der Stausee nach Angaben der Wasserwerke EYDAP noch 158,4 Millionen Kubikmeter Wasser. Ein Jahr zuvor waren es 290,9 Millionen. 2021 beliefen sich die Wasserreserven sogar noch auf 672,3 Millionen Kubikmeter.
Wenn es so weitergeht, wird Ende Oktober das ganze Dorf aufgetaucht sein.
Apostolos Gerodimos,
Ortsvorsteher des Dorfes Kallios, das Ende der Siebzigerjahre im Fluss Mornos versank
Der Grund: Während der Wasserverbrauch steigt, regnet es immer weniger. Von Anfang Januar bis Mitte September fielen im Einzugsgebiet des Mornos-Stausees nur 289,4 Millimeter Niederschlag. Im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre waren es fast 500 Millimeter.
Es ist fünf nach zwölf
Charis Sachinis, Chef der zu 61 Prozent staatlich kontrollierten Wasserwerke EYDAP, warnte jetzt bei der Hauptversammlung seiner Aktionäre: „Wenn sich die Trockenheit fortsetzt, haben wir in Attika nur noch Wasser für zwei Jahre.“ Das bedeutet: Eigentlich ist es schon fünf nach zwölf, denn die Erschließung neuer Wasserressourcen dauert viele Jahre – vor allem angesichts der langwierigen Genehmigungsverfahren in Griechenland.
Ein Grund für Premierminister Kyriakos Mitsotakis, die Wassernot zur Chefsache zu machen. Anfang Oktober berief Mitsotakis ein Krisentreffen in der Villa Maximos ein, seinem Amtssitz, um über Maßnahmen zu beraten. Der Regierungschef weiß, welche Dimensionen die Krise erreichen könnte, wenn nicht schnell gehandelt wird.
Die letzte große Wassernot in Athen liegt mehr als drei Jahrzehnte zurück. Mitsotakis war damals 25 Jahre alt und sein Vater Konstantinos griechischer Ministerpräsident. Nach einer vierjährigen Dürreperiode gingen Anfang der 1990er-Jahre die Wasserreserven zur Neige. Im Februar 1993 rief die Regierung den Notstand aus und rationierte das Trinkwasser. Um den Verbrauch zu drücken, wurden die Wasserpreise drastisch erhöht. Autowaschen, die Bewässerung von Gärten und das Befüllen von Swimmingpools wurden verboten. Mit Sparkampagnen forderten die Wasserwerke die Bürger unter anderem auf, einen Ziegelstein in den WC-Spülkasten zu legen oder das Badewasser für die Toilettenspülung zu verwenden, um den Wasserverbrauch zu reduzieren.
Großstädte sind verwundbar
Die Krise zeigte, wie verwundbar große Städte gegenüber Klimaschwankungen sein können, insbesondere wenn die Versorgungsinfrastruktur und die Reserven nicht ausreichend auf längere Niederschlagsarmut vorbereitet sind. Wissenschaftler erwarten infolge des Klimawandels in Zukunft längere Dürreperioden.
Als Konsequenz aus der Notlage von 1993 erschlossen die staatlichen Wasserwerke neue Quellen. Tiefenbohrungen wurden niedergebracht und ein weiteres Reservoir am Fluss Evinos gebaut, um dessen Wasser in den Mornos-Stausee zu leiten. Doch nun steht man erneut vor einer ähnlichen Situation wie damals.
Und wieder drängt die Zeit. Als Sofortmaßnahme planen die Wasserwerke Tiefbohrungen in der Provinz Böotien. Das dort geförderte Grundwasser, geschätzt 50 Millionen Kubikmeter im Jahr, soll in das Mornos-Aquädukt eingeleitet werden. Zweites Projekt ist der Bau einer Meerwasser-Entsalzungsanlage bei Thisvi am Golf von Korinth. Sie soll 150.00 bis 200.000 Kubikmeter im Jahr liefern, die ebenfalls in den nur 30 Kilometer entfernt verlaufenden bestehenden Mornos-Kanal gepumpt werden könnten.
Der Regierungschef macht Druck
Drittes und größtes Vorhaben: Man will Wasser aus dem Kremasta-Stausee in Westgriechenland, der größten Talsperre des Landes, über ein Hunderte Kilometer langes System von Kanälen und Tunneln nach Attika leiten. Damit wäre die Versorgung Athens für mindestens 50 Jahre gesichert.
Die drei Projekte sind kostspielig. Sie werden auf rund 700 Millionen Euro veranschlagt. Mitsotakis mache Druck, hört man in Regierungskreisen. Dass in zwei Jahren Athen das Wasser ausgeht, will er schon deshalb nicht riskieren, weil 2027 ein Wahljahr ist.