Was geschah in Srebrenica?
Berlin. Das Gedenken an die mehr als 8000 Opfer des Massakers von Srebrenica vor 30 Jahren begann am 9. Juli 2025 mit einem dreitägigen Friedensmarsch. Der etwa 100 Kilometer lange Weg führte etwa 6000 Überlebende, Aktivisten und internationale Teilnehmer durch Wälder, Berge und Dörfer Bosnien-Herzegowinas. Ziel ist die Srebrenica-Gedenkstätte im Ort Potočari, wo am 11. Juli - dem internationalen Gedenktag - an die Ermordeten erinnert wird.
Die Route begann in der Stadt Tuzla. Sie war in jenem Sommer 1995 das Ziel muslimischer Bosniaken, die vor der serbisch-bosnischen Armee in die freie Stadt zu fliehen versuchten. Die tagelangen Massaker 1995 erschweren das Zusammenleben im Vielvölkerstaat bis heute. Denn noch nach drei Jahrzehnten werden immer wieder Massengräber gefunden.
Das Massaker von Srebrenica gilt als größtes Verbrechen gegen die Menschlichkeit seit Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Es fand quasi vor den Augen der Weltöffentlichkeit statt. Denn die Vereinten Nationen hatten in der Stadt Schutztruppen stationiert. Die niederländischen Blauhelm-Soldaten waren allerdings zu wenige, schwach bewaffnet und ihnen war verboten worden, zu schießen.
Wie es dazu kommen konnte - hier die wichtigsten Fragen und Antworten.
- Wo liegt Srebrenica?
- Was war der Bosnienkrieg?
- Wie war die Bevölkerung in Srebrenica vor dem Bosnienkrieg zusammengesetzt?
- Welche Vorgeschichte hatte das Massaker von Srebrenica?
- Was geschah am 11. Juli 1995 in Srebrenica?
- Wohin flohen die Einwohner von Srebrenica?
- Was hat es mit dem Fluchtmarsch auf sich?
- Was passierte mit den Eingeschlossenen in Potočari?
- Wo blieben Frauen, Mädchen, Kinder und Alte?
- Was ist über das Massaker bekannt?
- Warum griffen die UN-Blauhelme nicht ein?
- Wurden die Täter von Srebrenica verurteilt?
Wo liegt Srebrenica?
Srebrenica ist eine Stadt im Osten von Bosnien und Herzegowina, nahe der Grenze zu Serbien. Die Gemeinde hatte zur Volkszählung 2013 etwa 13.500 Einwohner. Damit hat sie durch den Bosnienkrieg einen Bevölkerungsverlust von fast zwei Dritteln gegenüber 1991 zu verzeichnen.
Was war der Bosnienkrieg?
Der Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 war Teil der sogenannten Balkankriege, die von 1991 bis 2001 geführt wurden. Auslöser waren die Unabhängigkeitserklärungen der jugoslawischen Teilstaaten Slowenien und Kroatien in Volksabstimmungen 1991. Damit zerfiel der Vielvölkerstaat Jugoslawien. Deren Volksarmee versuchte dies militärisch zu verhindern.
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Zur vollständigen AnsichtWie war die Bevölkerung in Srebrenica vor dem Bosnienkrieg zusammengesetzt?
Im Jahr 1991 hatte der Kreis Srebrenica 36.666 Einwohner. 75 Prozent bezeichneten sich als Bosniaken, 23 Prozent als Serben und zwei Prozent als Angehörige anderer Volksgruppen. Die Stadt selbst hatte 11.673 Einwohner, davon 64 Prozent Bosniaken und 28 Prozent Serben. Von den 80 Dörfern in der Gemeinde waren 23 mehrheitlich serbisch, die restlichen überwiegend bosniakisch. Die meisten Dörfer waren ethnisch homogen, eine gemischte Bevölkerung bildete die Ausnahme.
Welche Vorgeschichte hatte das Massaker von Srebrenica?
Srebrenica wurde bereits am 17. April 1992 zum ersten Mal von serbischen paramilitärischen Kräften angegriffen, geplündert und verwüstet. Am 8. Mai wurde der serbische Gemeindeführer Goran Zekić ermordet. In der Folge flohen die ersten Serben aus der Stadt oder wurden vertrieben. Einen Tag später eroberten bosniakische Verbände die Stadt zurück. Es kam zu Vergeltungsaktionen, bei denen mehrere serbische Dörfer in der Gegend niedergebrannt wurden.
Serbische Quellen nennen die Zahl von 1000 zivilen, serbischen Opfern. Das Research and Documentation Center in Sarajevo geht von 446 serbischen Soldaten und 119 serbischen Zivilisten aus, die bei den Kampfhandlungen getötet wurden. Im Sommer 1992 begann eine dreijährige Belagerung Srebrenica durch serbische Freischärler. Am 16. April 1993 erklärte der UN-Sicherheitsrat Srebrenica zur UN-Schutzzone.
Was geschah am 11. Juli 1995 in Srebrenica?
Die Stadt war zu der Zeit hoffnungslos mit Flüchtlingen aus der Gegend überfüllt, Anfang Juli gab es die ersten Hungertoten in Srebrenica. Die Situation hatte vor allem Radovan Karadžić, Präsident der autonomen Republika Srpska, mit seinem Befehl Anfang 1995 an die bosnisch-serbische Armee, durch Militäroperationen eine unerträgliche Lage völliger Unsicherheit in der Schutzzone Srebrenica herbeizuführen, forciert. Bereits seit März 1995 registrierten Blauhelme Vorbereitungen der bosnisch-serbischen Armee für Angriffe auf UN-Beobachtungsposten am Rand der Schutzzone.
Die bosnisch-serbische Armee und mit ihr verbundene Paramilitärs marschierten ab 6. Juli 1995 in die Schutzzone ein, wo noch rund 36.000 Menschen lebten. Als die Militärs am 11. Juli die Kontrolle in Srebrenica übernommen hatten, setzte eine Massenflucht der Bosniaken ein.
Wohin flohen die Einwohner von Srebrenica?
Tausende Frauen, Männer und Kinder suchten nach Sicherheit in Potočari, einem nördlichen Nachbarort innerhalb der Schutzzone. Sie sammelten sich auf dem Gelände der Blauhelme, einer früheren Batteriefabrik. Die überwältigende Mehrheit waren Frauen, Kinder, Behinderte oder ältere Personen. Am Abend des 11. Juli 1995 befanden sich in Potočari ungefähr 25.000 bosniakische Flüchtlinge.
Was hat es mit dem Fluchtmarsch auf sich?
Angesichts der Zustände in Potočari wurde anderenorts von Bosniaken mithilfe versprengter Kräfte einer Division der Armee der Republik Bosnien-Herzegowina eine Massenflucht nach Tuzla geplant. Tatsächlich setzte sich am 11. Juli gegen Mitternacht eine 15 Kilometer lange Kolonne aus 10.000 bis 15.000 Menschen in Marsch. Zwei Drittel waren Zivilisten.
Am 12. Juli griffen bosnisch-serbische Militäreinheiten den Flüchtlingstreck an, nur dem vorderen Drittel gelang der Weitermarsch unter schweren Verlusten. Überlebende des blockierten Teils der Kolonne sprachen später davon, die Serben hätten eine „Menschenjagd“ auf sie veranstaltet. Tausende Männer wurden in den nächsten Tagen entweder sofort getötet oder zu Exekutionsstätten deportiert.
Was passierte mit den Eingeschlossenen in Potočari?
Die Eingeschlossenen hatten kaum Wasser und Nahrung. Die Angreifer schossen am 12. Juli auf die versammelte Menschenmenge und setzten Häuser sowie Felder in Brand. Unter die Flüchtlinge hatten sich bosnisch-serbische Soldaten gemischt, die die Menschen bedrohten und einzelne sogar töteten. Dies befeuerte Angst, Entsetzen und Panik unter den Geflüchteten.
In der Nacht zum 13. Juli entfesselten die bosnisch-serbischen Soldaten und die sie unterstützenden Paramilitärs den blanken Terror, berichteten Überlebende später in Gerichtsprozessen. Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt, einzelne Männer wurden abgeführt und nie wieder lebend gesehen.
Die Militärs begannen, Jungen und Männer zu selektieren und an separaten Plätzen festzuhalten. Manche wurden bereits hier unter den Augen von UN-Blauhelmen gefoltert und exekutiert. Die etwa 2000 Gefangenen wurden auf Lastwagen und in Bussen in die etwa zehn Kilometer von Srebrenica entfernte Ortschaft Bratunac transportiert, wohin noch weitere Gefangene gebracht worden waren. Hier begannen die Tötungen.
Wo blieben Frauen, Mädchen, Kinder und Alte?
Frauen, Kinder und alte Menschen wurden in Bussen von Potočari auf bosniakisch kontrolliertes Gebiet in der Nähe von Kladan gebracht. Die bosnisch-serbischen Soldaten verhinderten, dass die niederländischen Blauhelme die Busse eskortierten. Am Abend des 13. Juli hielt sich kein Bosniake mehr in Potočari auf.
Was ist über das Massaker bekannt?
Die meisten der mehr als 8000 Ermordeten wurden in sorgfältig geplanten und durchgeführten Massenexekutionen getötet. Sie begannen am 13. Juli in der Region nördlich von Srebrenica. An weiteren Exekutionsstätten nördlich von Bratunac fanden zwischen dem 14. und 17. Juli Massenmorde statt. Das Gesamtgebiet der Tatorte dehnte sich auf ungefähr 300 Quadratkilometer aus.
Die bosnischen Serben töteten nach einem Muster: Zunächst Internierung, dann Verweigerung von Nahrung und Wasser, nach Stunden fuhren Lkw oder Busse vor und fuhren die Gefangenen zu den Erschießungsstätten. Wer die Gewehrsalven überlebte, wurde mit gezielten Schüssen getötet. Manchmal fuhren bereits während der Erschießungen Bagger und Raupen auf, um die Leichen im Anschluss zu vergraben.
Die meisten Opfer waren Männer und Jungen zwischen 13 und 78 Jahren. Das jüngste Opfer war ein Mädchen im Säuglingsalter. Bis 2009 wurden 14 große und 37 kleinere Massengräber entdeckt. 6838 Leichen konnten bis Juli 2012 namentlich zugeordnet werden.
Warum griffen die UN-Blauhelme nicht ein?
Im UN-Bericht zu den Ereignissen von Srebrenica wurde festgehalten, dass sämtliche Beobachtungsposten und Sperren der niederländischen UN-Blauhelmsoldaten widerstandslos an die Armee der bosnischen Serben fielen. Die UN-Truppe, ohnehin mit 450 Soldaten völlig in der Unterzahl, setzte gegen die anrückenden Einheiten weder Schusswaffen noch gepanzerte Fahrzeuge oder Panzerabwehrwaffen ein.
Verschärfend für die Blauhelme kam hinzu, dass der kommandierende französische General Bernard Janvier jegliche Luftunterstützung verweigerte. Die Franzosen fürchteten die Ermordung von Geiseln der bosnischen Serben, zu denen viele Franzosen zählten. Allerdings waren sich die Nationen schon vor dem Einsatz der Soldaten in der Schutzzone von Srebrenica nicht darüber einig gewesen, mit wie viel Waffengewalt er im Ernstfall geführt werden sollte.
Wurden die Täter von Srebrenica verurteilt?
Das Massaker von Srebrenica war Gegenstand von Verhandlungen vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Hier wurden etliche Täter zu lebenslangen Freiheitsstrafen wegen Völkermords verurteilt, einige wegen Beihilfe zu 35 Jahren, andere zu Freiheitsstrafen von fünf bis 20 Jahren.
Der als Hauptverantwortlicher für das Massaker geltende Ratko Mladić wurde am 26. Mai 2011 verhaftet und am 22. November 2017 zu lebenslanger Haft verurteilt. Serbenführer Radovan Karadžić wurde am 18. Juli 2008 nach jahrelanger Flucht gefasst. Am 20. März 2019 erging gegen ihn in einem Berufungsverfahren des UN-Tribunals unanfechtbar ein Urteil zu lebenslanger Haft.