Parlamentsforscher: Niemand kann Inhalte aus Koalitionsverträgen einklagen
Berlin. Gemeinsam mit der Gründungsdirektorin des Instituts für Parlamentarismusforschung, Suzanne S. Schüttemeyer, und seinem Kollegen Oliver Kannenberg veröffentlichte der Politikwissenschaftler Danny Schindler in Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung im vergangenen Juni die Studie „Koalitionsverhandlungen im Beziehungsgeflecht von Fraktion und Partei“. Darin sind auch – anonymisiert – Verhandler zurückliegender Koalitionen auf Bundesebene interviewt worden. Schindler meint, Koalitionsverträge sind sicherlich wichtig – „aber es lässt sich nicht alles festlegen“.
In diesen Tagen starten die Sondierungen zwischen FDP, Grünen, SPD und Union über das künftige Regierungsbündnis. Wird das länger dauern als sonst nach Bundestagswahlen?
Vor 2005, als es noch klassische Lagerkoalitionen gab, also Rot-Grün oder Schwarz-Gelb, dauerten die Sondierungen recht kurz. Seitdem ist die Situation bei der Regierungsbildung komplexer geworden. Das schlägt sich in längeren Sondierungsphasen nieder. Ich gehe jetzt nicht davon aus, dass die Sondierungen wieder derart lange dauern wie vor vier Jahren. Die Jamaika-Gespräche waren in vielerlei Hinsicht ein Sonderfall.
Einige Akteure wollen die Koalitionsverhandlungen idealerweise bis Weihnachten abschließen.
Das ist sportlich, aber machbar. Ich denke, dass alle aus 2017 – als die Sondierungsgespräche von Union, Grünen und FDP platzten – gelernt haben.
Dokumente werden detailreicher
Sie haben in einer aktuellen Studie ermittelt, dass der Umfang von Koalitionsverträgen seit den 1980er-Jahren um das 50-Fache gewachsen ist. Warum eigentlich?
In vielen Bereichen von Politik gibt es einen Formalisierungstrend. Die erarbeiteten Dokumente werden detailreicher und dadurch länger. In Koalitionsverträgen dient das auch dazu, die Partner durch Festlegungen zu binden.
Gelingt das denn auch?
Politikerinnen und Politiker haben uns im Rahmen der Studie mitgeteilt, dass die Detailtiefe schon sehr ausgeufert ist. Und Vorgänge wie Fukushima oder die Pandemie stellen die Dinge sowieso auf den Kopf und machen Teile solcher Verträge zur Makulatur.
Auch die Verhandlungsgruppen werden größer. Ist das sinnvoll?
Der Bundestag ist ein Expertenparlament. Da ist es sinnvoll, Teilbereiche von Fachleuten aushandeln zu lassen. Umso wichtiger ist dann die Zusammenführung in einer Verhandlungsrunde des Führungspersonals, um mögliche Konflikte in einzelnen Arbeitsgruppen aufzulösen.
Werden Koalitionsverträge detaillierter, um das spätere Regieren einfacher zu machen. Oder kann man das auch als Zeichen fehlenden Vertrauens werten?
Wenn Bündnispartner erstmals zusammenkommen, ist die Vertrauensbasis kleiner als bei Parteien, die eine Koalition fortsetzen. Das gilt bestimmt auch für die künftige Zusammenarbeit von Grünen und FDP.
Ich bezweifle, dass Regieren leichter durch detailliertere Koalitionsverträge wird. Es lässt sich nicht alles festlegen. Ansonsten verkäme Politik zu einem Akt der Verwaltung.
Rechtlich nicht bindend
Aber beschneiden Koalitionsverträge nicht zu sehr die Unabhängigkeit der Mandatsträger?
Koalitionsverträge sind keine rechtlich bindenden Dokumente. Niemand kann Inhalte des Koalitionsvertrags einklagen. Es gilt weiterhin: Es müssen Mehrheiten organisiert werden. Dazu gehören Überzeugungsleistungen, also politische Führung.
Sie stellen in Ihrer Studie fest, dass führende Landespolitiker heutzutage stärker bei der Regierungsbildung mitmischen als früher. Warum ist das so?
Das war vor allem bei Verhandlungen über die großen Koalitionen so, die eigentlich von der SPD nicht gewollt waren. Dabei ging es vor allem um die Akzeptanz nach innen, in die Partei hinein.
Schwächt das die Bundesebene?
Nicht zwangsläufig. Aber es kann durchaus passieren, dass klassische Bundesthemen plötzlich hintenanstehen, weil die Länder Forderungen aufmachen. Dabei geht es letztlich auch um finanzielle Fragen, und Geld lässt sich nicht beliebig vermehren.
Bundesebene stärker unter Druck
Eine große Koalition ist wieder möglich, wird aber nicht erwartet. Schwindet der Einfluss der Länder auf die Verhandlungen wieder?
Vor dem Hintergrund, dass die Entwicklungen auf Bündnisse zulaufen, die stärker gewollt sind, sinkt eigentlich die Notwendigkeit, die Länder wieder so stark ins Boot zu holen.
Andererseits müsste man dann erst mal begründen, warum man es diesmal nicht tut. Das könnte zu einem Rechtfertigungszwang führen, warum man beim letzten Mal die Landesebene mit einbezogen hat und diesmal nicht.
Also: Die Bundesebene ist in der jüngeren Vergangenheit stärker unter Druck geraten durch die Mitwirkung von Landespolitikern bei der Regierungsbildung im Bund. Ob sich das wiederholt, bleibt abzuwarten.
Es zeigte in dem Moment die Verhandlungsstärke der kleinen großen Parteien oder der großen kleinen Parteien.
Dr. Danny Schindler,
Politikwissenschaftler
Hat Sie in dieser Woche das erste Selfie des Quartetts Baerbock, Habeck, Lindner und Wissing überrascht?
Ich fand, es zeigte in dem Moment die Verhandlungsstärke der kleinen großen Parteien oder der großen kleinen Parteien.
Die nicht vollzogene Jamaika-Koalition 2017 blieb in Erinnerung wegen ihrer Balkonbilder und der auf Social-Media-Kanälen durchgestochenen Zwischenergebnisse. Glauben Sie, dass die Akteure daraus gelernt haben?
Von Lerneffekten aus dem Verhandlungsverlauf und der Berichterstattung 2017 gehe ich aus. Es wird aktuell von allen Seiten betont, dass man ein Klima der Vertraulichkeit schaffen und weniger öffentlich agieren will. Die Jamaika-Sondierungen waren sicherlich ein Sonderfall, auch, was die öffentliche Begleitung der Gespräche betrifft.