Selenskyjs Manager ist mächtiger denn je
Eigentlich, scherzte Andrij Jermak dieser Tage, wäre es doch mal Zeit für ein paar unkomplizierte Werbegeschenke der Rüstungsindustrie. Seine Zuhörer zogen ungläubig die Augenbrauen hoch: Werbegeschenke? Von Lockheed Martin oder Diehl Defence?
Der Leiter des ukrainischen Präsidialamts saß in kleiner Runde zusammen mit einigen westlichen Gesprächspartnern und beschrieb ihnen die Tücken der mitunter komplizierten Dreiecksbeziehung zwischen Kiew, westlichen Staaten und westlichen Firmen. Inzwischen, sagte er, habe die ukrainische Armee aller Welt eindrucksvoll gezeigt, wie nützlich etwa das amerikanische Langstreckenartilleriesystem Himars sei und die deutsche Flugabwehr Iris-T SLM. „Sportler, die immer ein bestimmtes Mineralwasser trinken und dann auf dem Platz erfolgreich sind, bekommen doch auch schon mal vom Hersteller einen Kasten geschenkt, oder?“
Ein bisschen Spaß muss sein
Jetzt fiel der Groschen, und es gab Gelächter.
Ein bisschen Spaß muss sein, findet Jermak. Auch und gerade in schwierigen Zeiten. Darin weiß sich der 51-Jährige einig mit seinem Freund und Chef Wolodymyr Selenskyj (45). Beide waren mal in der Filmbranche unterwegs, im Fach Comedy, Selenskyj vor der Kamera, der Jurist und Unternehmer Jermak als Produzent.
Wie sehr die Welt ringsum sich eintrüben würde, ahnten beide nicht, als sie ihre Jobs an der Staatsspitze der Ukraine antraten. Jermak übernahm im Februar 2020 die Leitung des Präsidialamts in Kiew. Sein Freund, der neue Staatschef, hatte ihn darum gebeten.
Mehrere Tote bei russischem Raketenangriff auf Selenskyjs Heimatstadt
Selenskyj wollte einen loyalen Helfer an seiner Seite, einen Experten fürs Generelle, mit einer Zuständigkeit für alles. Jermaks Job in Kiew entspricht in etwa dem, was in Berlin der Chef des Bundeskanzleramts, Wolfgang Schmidt, macht.
Der oberste Politikmanager von Olaf Scholz allerdings bleibt bewusst im Hintergrund. Jermak dagegen drängt dieser Tage auffallend nach vorn. Am 30. Juli versendete Jermak eine Textbotschaft mit dem Hinweis: „Wir bereiten das nächste Treffen... zur Umsetzung der Selenskyj-Friedensformel vor.“ Dazu veröffentlichte Jermak ein Foto, das ihn im Mittelpunkt zeigt. Auf den zweiten Blick ist auch Selenskyj erkennbar, teils verdeckt durch einen anderen Teilnehmer.
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Zur vollständigen AnsichtEin solches Bild hätte kein Kanzleramtschef in Berlin je in sozialen Netzwerken gepostet. In Kiew geht es, wie man sieht, rustikaler zu. Daraus auf Jermaks llloyalität zu schließen wäre aber zu kurz gesprungen.
„Alles Höfische geht ihm ab“
„Jermak ist kein Politiker“, sagt ein Insider. „Er ist auch kein Bürokrat.“ Um Rangzeichen schere sich Jermak nicht, alles Höfische gehe ihm ab. „Selenskyj hat ihn dennoch genommen – oder gerade deswegen.“ Jermaks unkonventionelle Art habe, das sei klar, auch Nachteile.
Bislang, so scheint es, überwiegen die Vorteile. Jermak genießt das Vertrauen des Präsidenten, er darf in seinem Namen nicht nur Botschaften überbringen, sondern auch verhandeln. Auf drei wichtigen Feldern spielt Jermak eine Schlüsselrolle:
- Die Ukraine beginnt in den kommenden Tagen Gespräche mit den USA über Sicherheitsgarantien. Dabei gehe es um konkrete Zusagen Washingtons, langfristig die Fähigkeit der Ukraine sicherzustellen, russische Aggressionen auch in Zukunft niederzuschlagen, schrieb Jermak im Netzwerk Telegram. Gedacht ist an jährliche Militärhilfen in beträchtlicher Höhe. Präsident Joe Biden will ein entsprechendes Gesetz offenbar noch in diesem Jahr durch den Kongress bringen – vor dem Präsidentschaftswahlkampf 2024.
- Jermak stellt außerdem ein internationales Treffen in Saudi-Arabien in Aussicht, in dessen Mittelpunkt die „Selenskyj-Friedensformel“ stehen werde. Das Treffen soll am 5. und 6. August in Dschidda stattfinden. Erwartet werden Repräsentanten aus 30 Staaten, darunter Indien, Brasilien und Indonesien. Russland wird nicht vertreten sein. Jermak will in Dschidda zeigen, dass nicht nur die Nato-Staaten einen Abzug der russischen Truppen aus der Ukraine fordern.
- Bereits mehrfach organisierte Jermak im Auftrag Selenskyjs direkte Gespräche mit Russland, zum Thema Gefangenenaustausch. Immer wieder kamen auf diese Weise Kriegsgefangene beider Seiten frei, mitunter in dreistelliger Zahl. Zwar liegen Gespräche über einen möglichen Waffenstillstand nach offiziellen Angaben aus Kiew und Moskau auf Eis. Es wäre aber naheliegend, dafür ebenfalls die von Jermak etablierten Kanäle zu nutzen.
Vielen in Kiew ist die Machtfülle Jermaks mittlerweile unheimlich. Der Chef des Präsidialamts, betonen Kritiker, sei von niemandem gewählt worden. Man müsse fürchten, dass Jermak, der doch eigentlich nur Selenskyjs Manager sein soll, sich eines Tages über seinen Chef erhebt und ihn vor vollendete Tatsachen stellt – womöglich gar in Schicksalsfragen der Nation.
„Zwei, die ähnlich ticken“
Selenskyj selbst hat solche Sorgen nicht. Ihm imponieren Jermaks Tempo und seine Effizienz.
Im Juni, bei einer internationalen Konferenz in Kopenhagen, schuf Jermak eine Art Ukraine-Netzwerk auf der Ebene der nationalen Sicherheitsberater von zwei Dutzend Regierungen – vorbei an den oft etwas behäbigen Apparaten der Auswärtigen Ämter. Damit düpiert Jermak den eigenen Außenminister, Dmytro Kuleba, und den eigenen Verteidigungsminister, Oleksij Resnikow.
Zum Lohn aber blickt Jermak jetzt auf ein neues Netzwerk mit extrem kurzen Drähten auf allerhöchster Ebene. Jermaks derzeit wichtigste Ansprechpartner sind Jake Sullivan (46), der Nationale Sicherheitsberater in Joe Bidens Weißem Haus, und Akif Cagatay Kilic (47), der in Siegen geborene neue außenpolitische Chefberater des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.
Manche in Kiew glauben, Jermak werde früher oder später selbst nach dem Amt des Präsidenten greifen. Andere sagen, er werde dies niemals an Selenskyj vorbei tun. Denkbar sei aber, dass Jermak antritt, falls Selenskyj nicht wieder kandidiert. Oder dass er sich für eine Situation bereithält, in der Selenskyj aus irgendeinem Grund plötzlich nicht mehr zur Verfügung steht. Für diesen Fall sei es doch gut, „zwei zu haben, die ähnlich ticken“.