Interview zur Lage bei Volkswagen

„Man kann sich nicht auf den Erfolgen der Vergangenheit ausruhen“

Sieht einen Teil der Probleme bei VW als hausgemacht: CAM-Direktor Stefan Bratzel.

Frankfurt am Main. Stefan Bratzel ist Direktor des Center of Automotive Management (CAM), das an der Fachhochschule für Wirtschaft in Bergisch-Gladbach angesiedelt ist. Im Interview spricht er darüber, wie es zu den tiefroten Zahlen des Volkswagen-Konzerns kommen konnte.

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Herr Bratzel, Volkswagen hat einen enormen Verlust ausgewiesen. Hat der Konzern damit die Quittung dafür bekommen, dass er die Elektromobilität und die Transformation der Autobranche verschlafen hat?

Das Ergebnis ist zum Teil hausgemacht. Volkswagen hat manche Entwicklungen nicht konsequent genug verfolgt, Wettbewerber nicht frühzeitig als relevant wahrgenommen und daraus nicht rechtzeitig die notwendigen Konsequenzen gezogen. Auch die Restrukturierung am Standort Deutschland kam zu spät und war nicht tiefgreifend genug. Allerdings ist Volkswagen auch von veränderten Rahmenbedingungen betroffen, die viel Geld kosten und unter denen andere Hersteller ebenfalls leiden.

Welche meinen Sie?

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Besonders die neuen US-Zölle belasten den Konzern und seine Marken Porsche und Audi. Hinzu kommt der chinesische Markt. Dort hat Volkswagen zu spät erkannt, wie schnell sich die chinesischen Autobauer weiterentwickeln, wie wichtig die Elektromobilität ist und welche zentrale Rolle die Kosten spielen. Man kann sich nicht auf den Erfolgen der Vergangenheit ausruhen. Zwar ist der chinesische Gesamtmarkt um rund 20 Prozent geschrumpft, wofür Volkswagen nichts kann. Allerdings verliert der Konzern dort überdurchschnittlich viele Marktanteile, weil andere Hersteller attraktivere Modelle anbieten – insbesondere im Elektrobereich und beim Preis-Leistungs-Verhältnis. Hier spielen die Versäumnisse der Vergangenheit eine entscheidende Rolle.

Besonders die neuen US-Zölle belasten den Konzern und seine Marken Porsche und Audi

Stefan Bratzel,

Automobilexperte

Volkswagen ist ein riesiger Konzern mit starken Gewerkschaften, die vor allem Arbeitsplätze sichern wollen. Hätte es nicht eine grundlegende Veränderung der Unternehmenskultur und der Strukturen gebraucht, um mit der Geschwindigkeit der chinesischen Konkurrenz mithalten zu können?

Es war ein Versäumnis des gesamten Volkswagen-Konzerns – des Managements, der Anteilseigner und der Betriebsräte –, die Dramatik der Situation zu spät erkannt zu haben. Die lange Zeit erfolgreichen Geschäfte in China haben viele strukturelle Probleme in Wolfsburg verdeckt. Probleme am deutschen Standort wurden nicht ausreichend angegangen. Das war ein schwerwiegender Fehler. Ich nenne das eine nachlaufende Untersteuerung: Man hat zwar etwas getan, aber nicht rechtzeitig und nicht konsequent genug.

Haben Sie Hoffnung, dass Volkswagen aus der Krise herauskommt und an frühere Stärke anknüpfen kann? Oder wird der Konzern künftig deutlich kleiner sein müssen?

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Ich glaube, dass Volkswagen in der heutigen Zeit zu groß, zu unflexibel und deutlich zu teuer ist. Der Konzern braucht einen neuen Unternehmergeist und eine Kultur des Ausprobierens. Es müssen neue Themen und Geschäftsfelder entwickelt werden, auch wenn viele dieser Versuche scheitern. Wenn von zehn Ansätzen zwei erfolgreich sind, können daraus neue Wachstumschancen entstehen. Das wird in den kommenden zehn Jahren enorm wichtig sein. Positiv ist, dass Volkswagen über hervorragende Ingenieure und große technische Kompetenzen verfügt. Diese Stärken müssen wieder besser genutzt werden.

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